Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 11 (18.3.1910)
- Date
- 1910-03-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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236 DIE^ELT No. 11 liehen Boden und der heimatlichen Kultur wurzeln, tetten sie längst ♦Gelegenheit genug, zu erkennen; man wird aber nicht viele Tatsachen anführen können, aus denen hervorginge, daß sie die westlichen Zionisten darum als minderen Wertes betrachteten. Gelegentliche Meinungsäußerungen einzelner, an die Oppenheim er wohl gedacht haben mag, beweisen nichts. Im Gegenteil wurde noch auf dem letzten Kongreß einem zionistischen Führer aligemein zugejubelt, von dem auch die östlichen Juden wußten, daß er keineswegs ausschließlich im Zionismus aufgeht, sondern auch seine Kräfte freiwillig in den Dienst der nationalen Bestrebungen des Wirtsvolkes stellt, und jauch auf diesem Gebiet Ersprießliches leistet. Für die Erregung, in die der Oppen hei mersche Artikel anscheinend gewisse zionistische Kreise Deutschlands und Österreichs versetzt hat, sehe ich daher wirklich keinen hinreichenden Grund. Und wenn gar Bert hold Feiwel in der „Jüdischen Rundschau" sich bis zu der Drohung versteigt, daß die Auseinandersetzung „nicht nur in der Diskussion, -sondern auch in der Realität" erfolgen werde, so kann gegen eine derartige Ketzerrichferei nicht laut genug protestiert werden. Wenn wir gleich bei jeder Meinungsverschiedenheit innerhalb des Zionismus auf „Auseinandersetzungen in der Realität" und einen „klaren Austrag" hindrängen, dann werden wir nicht, wie die Herren wollen, einen einheitlichen Zionismus, sondern Trümmer und Splitter zurückbehalten. Ein Wort des Friedens wollte Oppenheimer aussprechen, und ein Ruf des Krieges schallt ihm entgegen. Ich glaube, er macht nur am eignen Leibe die Erfahrung, die das jüdische Volk zu allen Zeiten gemacht hat: Wir sind anders als die andern, ergo sind wir in ihren Augen die schlechtem. Ich habe das Vertrauen, daß diese Denkweise innerhalb des Zionismus nicht weiter um sich greifen wird. Einige Worte über die „unpraktischen, programmlosen Russen44 Von Dr. E. W. Tschlenow In Nr. 7 der „Welt" teilt der Pariser Berichterstatter den Inhalt der jüngst von unserm hochverehrten Dr. Nordau dort gehaltenen Rede mit. Unser Altmeister sprach unter anderm von den traurigen Ereignissen des letzten Kongresses und, die Russen charakterisierend, äußerte er, daß sie zwar „viel Phantasie haben", aber „nie mit einem praktischen Programm hervorgetreten sind". Herr Nordau entwickelt dabei „sein Programm" und sagt: „Wenn wir neue Anhänger werben, in Palästina neue zionistische Vereine gründen, ist das nicht ebensolche praktische Arbeit, als wenn man ein Stückchen Land kauft, um es brach liegen zu lassen? Nicht Landerwerb sei augenblicklich für das jüdische Volk von großer Wichtigkeit, sondern Aufklärung der öffentlichen Meinung in der Türkei und die Gewinnung der dortigen Juden für unsere große Sache. Das ist mein Programm", schloß der Redner. Diese Worte zwingen mich unwillkürlich zu einer Parallele, die aus dem Leben genommen ist. Vor 18 Monaten hat der Moskauer Verein „Bne Zion" eine Konferenz einberufen, welche den Zweck hatte, die durch die Verfassung in der Türkei geänderte Situation zu beraten und die für uns erwachsenen Aufgaben, wie auch den Weg.ihrer Erfüllung zu bestimmen. Aus dem Schreiben, welches den Teilnehmern wie auch den Herren der Leitung und manchen einflußreichen Gesinnungsgenossen zugesandt wurde (dieses Memorandum ist auch im November 1908 nach Paris per Adresse Dr. Marmorek gesandt worden) will ich hier diejenigen Stellen zitieren, die Bezug zu der angeführten Rede Dr. Nordaus haben: „Im neu verwandelten Lande, sagten wir dort, legen alle Völkerschaften den Grundstein der nationalen Einheit, alle, nur nicht wir, für die die nationale Einheit in einem gewissen Teil dieses Landes zur Hauptlosung geworden ist. Und wenn jetzt, in der Periode des Neubaues, die Juden zwischen den türkischen nationalen Gruppen werden zerrieben werden, so wird es später, wenn das türkische politische Gebäude sich gekräftet, schwer sein, unsere Stimme als gleichberechtigt dem allgemeinen, ohne uns geschaffenen politischen Chor anzuschließen. Es ist ein Moment eingetreten, in dem der Zionismus einer schweren Versuchung unterworfen wird: Die Ereignisse fordern von ihm Erfüllung der Verpflichtungen vor Termin. Das Hervortreten der Juden in der Türkei als nationale Einheit, das Hervortreten, das bis jetzt als ein Aktus der mehr oder minder fernen Zukunft angesehen wurde, wird jetzt unaufschiebbar. Und wenn die Zionisten nicht wünschen, ihre Hauptposition zu verlieren, müssen sie um jeden Preis unverzüglich die Organisation dieses Hervortretens in die Hand nehmen." „Die fast 400 000 Seelen zählende jüdische Bevölkerung des ottomanischen Reiches verliert ohne Organisation, ohne Hervortreten als gleichberechtigte, sich selbst bestimmende Einheit gleichzeitig mit den andern erwachenden türkischen Völkerschaften, vor unsern Augen den politischen Boden. Abhängig davon wird die zionistische Tätigkeit in Palästina ebenfalls allen Folgen der Arbeit im Golus anheimgestellt, d. h. unter Bedingungen, bei denen ein politisches Gewicht und eine nationale Einheit abwesend sind." „Leider können wir nicht konstatieren, daß die zionistische Organisation irgendwie auf die momentanen Ereignisse reagiert hat. Im besondern hat die Kardinalfrage über die zukünftige Rolle der türkischen Juden im politischen Leben des Landes bisher keine politischen Schritte hervorgerufen, — Diese Schritte müssen unserer Meinung nach zweifache sein: einerseits — Beeinflussung der türkischen politischen Kreise im Sinne der Anerkennung der Rechte der türkischen Judenheit auf eine ausgedehnte nationale Selbstbestimmung, anderseits — ein Versuch, die lokale Judenheit in die dem Moment entsprechende Richtung zu bewegen, auf daß die Juden sich nicht in „Ottomanen mosaischer Konfession" verwandeln, sondern ihre Stimme von ihrer Existenz als Nation erheben. Beide Schritte führen zur mündlichen und schriftlichen Agitation. Wir müssen in Konstantinopel und andern Punkten der Türkei einen beständigen Stab von Personen haben, die in der allgemeinen Presse und in den speziellen Kreisen der sephardischen Juden agitieren, Agitation führen; Personen, die in das lokale Gemeinleben eindringen, demselben die gewünschte Richtung geben und gleichzeitig würdige Vertreter unserer Bestrebungen vor den politischen Kreisen der Türkei wären." Dies haben die „unpraktischen, progrämmlosen Russen" vor 18 Monaten gesagt und gefordert. Sie haben auch ihr Mögliches zur Verwirklichung getan: Mittel und Leute der Leitung zur Verfügung gestellt. Leider haben wir ursprünglich keinen Anklang gefunden, Jetzt sind diese Forderungen allgemeines Qut geworden, obwohl leider noch jetzt Momente hineingeschoben werden, die diese Arbeit wesentlich erschweren. Und nun die Forderung Dr. Nordaus, „neue zionistische Vereine in Palästina zu gründen", oder, allgemein gesagt, das palästinensische Judentum für unsere Sache zu gewinnen, auch dafür sind die „unpraktischen Russen" nicht nur einmal eingetreten. In demselben zitierten Dokumente hat die Moskauer Konferenz an erster Stelle betont, daß sie „die Schaffung einer Presse für die jüdische und nichtjüdische Bevölkerung in Palästina für äußerst wichtig hält". Die Bedeutung der Organisation der palästinensischen Juden und die Vernachlässigung dieser Aufgabe seitens der Leitung hat übrigens der Unterzeichnete erst jüngst in seiner Rede auf dem Kongresse wieder mit Nachdruck hervorgehoben. Wir sehen also, alle Teile des Programms des hoch-