Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 11 (18.3.1910)
- Date
- 1910-03-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Ost und West im Zionismus Von L. Esterntann, Hamburg. Oppenheim er versuchte die vielgestaltigen Erscheinungen des jüdischen Goluslebens mit zwei Worten zu erfassen. Das ist ihm mißlungen und mußte mißlingen. Ich will nicht in den Fehler seines Kritikers in der „Jüdischen Rundschau** verfallen, der ihm mit Aufgebot vielen Scharfsinns nachweist, daß seine „Definitionen" vor der wissenschaftlichen Kritik nicht standhalten. Es ist für jeden Leser des Oppenheim er sehen Artikels klar, daß er keine „wissenschaftlichen Definitionen" geben, sondern in möglichst gemeinverständlicher Weise zum Ausdruck bringen wollte, was als letzte Ursache dafür anzusprechen ist, daß östliche und westliche Zionisten auf einzelne Forderungen und Losungen des Zionismus in so verschiedener Weise reagieren. Er wollte nachweisen, daß es sich hier nicht um den Einfluß einzelner Persönlichkeiten auf die ihnen landsmannschaftlich nahestehenden Kreise handelt, sondern um tiefgehende Verschiedenheiten der ganzen psychischen Struktur des östlichen und westlichen Judentums, hervorvorgerufen durch die anders gearteten Lebensbedingungen und den hier stärkern, dort schwächern Einfluß der Umgebung. Wenn ich ihm also bezüglich seiner Definitionen überhaupt einen Vorwurf machen kann, so ist es dies, daß er sich nicht damit begnügt hat, die ursächlichen Zusammenhänge zwischen diesen psychischen Verschiedenheiten und der Stellungnahme der einzelnen Gruppen zur zionistischen Tagespolitik nachzuweisen, sondern in seinem Streben nach gemeinverständlicher Darstellungsweise auch noch den Versuch machte, die mannigfachen, teils im Wesen, teils graduell verschiedenen Erscheinungen des jüdischen Lebens auf einfache Formeln zurückzuführen. Daß ein Oppen he im er, der bis auf das Knochenmark mit deutscher (oder, wie ich lieber sagen möchte: europäischer) Kultur durchtränkt ist, den hundert materielle und geistige Bande mit dem deutschen Volke verknüpfen, nicht in einer Selbsttäuschung befangen ist, wenn er von sich sagt, er habe nur noch jüdisches Stamm es - bewußtsein, erscheint mir ebenso zweifellos, wie daß Rabbiner Reines aus Lida während seines ganzen Lebens nicht einen Augenblick lang ein anderes als jüdisches Volksbewußtsein gehabt hat. Allein zwischen diesen beiden Polen liegt eine lange Skala von Bewußtseinsnuancen, — geschaffen und beeinflußt durch tausend Beziehungen und Wechselwirkungen, — die unmöglich in eine dieser beiden Kategorien unterzubringen sind. Gewiß kann von der großen Mehrzahl der westeuropäischen Juden mit gutem Recht behauptet werden, daß sie nur noch das Gefühl der Abstammung vom jüdischen Volke haben. Aber dieses ist ja gerade ein wesentlicher Grund, warum die Anzahl unserer Gesinnungsgenossen in Westeuropa so klein und unsere Expansionsmöglichkeit so beschränkt ist. Denn unsere derzeitigen westeuropäischen Gesinnungsgenossen sind eben zum allergrößten Teile anders geartet, und es kann jedenfalls nur von verhältnismäßig wenigen unter ihnen behauptet werden, sie hätten ein ausgesprochenes deutsches, englisches usw. Volksbewußtsein. Sie befinden sich vielmehr an den verschiedensten Punkten jener Skala, je nach der Gesellschaftsschicht, zu der sie gehören, den Traditionen ihres Elternhauses und den zahlreichen andern Faktoren, die die Psyche des Menschen bilden. Von besonderer Wichtigkeit ist hierbei, wie auch Oppenlieimer hervorhebt, die staatsbürgerliche Stellung der Juden in dem betreffenden Lande. Es liegt auf der Hand, daß es zu ganz verschiedenen Entwicklungszuständen führen muß, wenn auf der einen Seite große Massen von Juden, dicht beisammen wohnend, eine eigene Sprache sprechend, in einem Lande leben, das sie nie anders denn als lästige Fremde betrachtet und behandelt hat, während auf der andern Seite kleine Gruppen über große Gebiete zerstreut sind, dort Bürgerrechte genießen, im Laufe von Generationen sich der autochthonen Bevölkerung in Sprache und Lebensgewohnheiten angeglichen haben und am politischen und kulturellen Leben des Landes teilnahmen. In dem einen Falle wird das jüdische Volksbewußtsein die ganze Persönlichkeit ausschließlich beherrschen, während im andern Falle das Gefühl der Zugehörigkeit zum jüdischen Volksstamm mehr unter der Schwelle des Bewußtseins schlummern und erst eines äußern Anstoßes bedürfen wird, um in das Gesichtsfeld der Seele zu treten und sich allmählich einen Anteil an der Bestimmung der Persönlichkeit zu erobern. Daß so ein jüdisches Bewußtsein, das die Passage durch ein fremdes Volkstum durchgemacht hat, sich in mancher Beziehung anders verhalten wird als eins, das sich ohne fremde Einflüsse entwickeln konnte, wird man wohl ohne weiteres annehmen dürfen. Mit dem Ausreifen der zionistischen Erkenntnis und dem Erstarken der jüdisch-volklichen Gefühlsmomente werden sich diese Unterschiede allmählich, beim einen mehr, beim andern weniger verwischen. Hieraus resultiert alsdann jene lange Reihe von Abstufungen in den Beziehungen zum nationalen Judentum, die wir bei den westeuropäischen Zionisten beobachten. Für die zionistische Gegenwart ist es also nicht richtig, einfach zwei Kategorien, die eine mit Stammes-, die andere mit Volksbewußtsein, zu unterscheiden. Wenn wir aber jene mannigfachen Abstufungen anerkennen, gibt es nun, — nach diesem Kriterium beurteilt, — gute, weniger gute, noch weniger gute und schlechte Zionisten? Ich sage nein! Nicht bloß, weil wir die westeuropäischen Zionisten, auch die am äußersten Rande stehenden, nicht entbehren können und wollen, sondern weil mir, ganz abgesehen von allen Zweckmäßigkeitsgründen, die einen vor den andern nichts so wesentlich Wertvolles voraus zu haben scheinen. Ich bestreite, daß die osteuropäischen Juden (zu denen, — beiläufig bemerkt, — ich persönlich ebenfalls gehöre) qualitativ bedeutsamere Elemente für den Aufbau des künftigen einheitlichen Judentums in sich tragen, als die westlichen. Man pflegt allerdings häufig, das, was die osteuropäischen Juden charakterisiert, als jüdische Kultur zu bezeichnen, und dieses Wort hat einen guten Klang. Aber ich bestreite, daß diese Bezeichnung richtig ist. Der Jargon und die Lebensformen des Ghetto sind keine jüdische Kultur, und wären sie es, ich würde sie trotz der wehmütig-süßen Kindheitserinnerungen, mit denen sie für mich verbunden sind, entschieden ablehnen. . . . Wenn eine jüdische Kultur (d. h. nach meiner Auffassung, eine allgemein menschliche, aus der Wechselwirkung der Kulturvölker aufeinander hervorgegangene Kultur mit jüdischer Nuance, wie es eine solche mit deutscher, französischer usw. Nuance gibt) im jüdischen Lande entstehen wird, so wird sie, hoffe ich, der Kultur der Juden des Westens ähnlicher sein, als der der jüdischen Massen in Wilna, Berditschew oder Kolomea. Hätten diese Massen eine „jüdische Kultur", sie müßte in den geistig am hochsten stehenden Männern am ausgeprägtesten in die Erscheinung treten. Statt dessen können wir nicht nur in assimilatorisch gesinnten oder indifferenten, sondern auch in gut nationalen Kreisen des osteuropäischen Judentums die Beobachtung machen, daß mit dem Eindringen von Bildung und Kultur überhaupt die Unterschiede zwischen ihnen und den westeuropäischen Juden in kultureller Hinsicht immer mehr schwinden. Ihr Verhältnis zum Judentum bleibt allerdings ein anderes. Das ist aber nicht der Ausdruck einer anders gearteten Kultur, sondern, wie schon oben dargelegt wurde, das Resultat anders gearteter Beziehungen zur nichtjüdischen Welt und zum Staate. Darum können uns die östlichen Juden wohl mehr, viel mehr, aber keine bessern Zionisten geben, als die westlichen. Dies wissen unsere östlichen Gesinnungsgenossen selber nur zu gut, und die Anzahl derjenigen, denen die Ghettokultur, — wie Oppenheimer meint, — als gottgewollt, als unerläßliche Voraussetzung des echten Zionisten erscheint, dürfte keineswegs so groß sein, wie er annimmt. Daß die westeuropäischen Zionisten ganz anders als die osteuropäischen, zum Teil sehr fest in ihrem heimat- 2*