Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 11 (18.3.1910)
- Date
- 1910-03-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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234 DIE30EELT No. 11 .Die jüdischen Geschäftsreisenden als Handelsvertragsobjekt Wie bekannt, dürfen ausländische Geschäftsreisende jüdischer Nationalität in Rußland nicht reisen. Diese Bestimmung der russischen Bureaukraten war bisher von den europäischen Staaten mit wohlwollendem Schweigen akzeptiert worden. Nachdem nun aber die Washingtoner Regierung in Petersburg energische Schritte gegen die eventuelle Verhinderung ihrer Staatsangehörigen, Rußland zu betreten, unternommen hat, sah sich auch die deutsche Regierung veranlaßt, in Rußland wegen der gleichen Angelegenheit, die ja dem Geist uncl den Bestimmungen der Handelsverträge widerspricht, vorstellig zu werden. Die schlauen Tschinowniki haben nun nach Berlin geantwortet, sie könnten an eine Änderung ihrer Praxis erst denken, wenn die „russischen Staatsbürger" in Deutschland nicht mehr ausgewiesen werden. Also weil die preußische Polizei die — um mit Hammerstein .und Bülow zu reden — „Schnorrer und Verschwörer" an die Grenze abschiebt, dürfen die jüdischen Reisenden aus Deutschland nicht nach Rußland. Man sieht, es sind immer die Juden, auf deren Kosten die besten Witze gemacht werden. Und es ist möglich, daß Rußland auch in dem Muskelexamen des Herrn Williams auf Bllis Island eine passende Antwort für den Präsidenten Taft konstruieren wird. Denn dort handelt es sich doch auch meist um „russische Staatsangehörige'\ Dr. Karl Lueger gestorben Ein unversöhnlicher bitterer Feind des jüdischen Volkes ist Freitag früh in Wien gestorben. Der Begründer der Politik des kleinen Mannes, der wie wenige es verstanden hat, die urteilslose Masse, deren Horizont durch den Wiener Wald und die Silhouette des Stephansturms fögrenzt wird, aufzupeitschen, ihr für den Niedergang des kleinen Handwerks, der eine Folge der großkapitalistischen Entwicklung und der liberalen Doktrin vom Spiel der freien Kräfte ist, die Juden als die einzig Schuldtragenden so lange an die Wand zu malen, bis sie alle es fest und unerschütterlich glaubten, der Schöpfer der christlichsozialen Bewegung, die nach römischem Diktat den Kampf gegen das freiheitliche Bürgertum aufnahm und durchführte. Karl Lueger, an dem wohl das einzig Rühmliche seine absolute persönliche Integrität und Ehrlichkeit sowie die Sauberkeit der von ihm reformierten Verwaltung Wiens ist, hat in der Bekämpfung des Judentums vor keinem Mittel zurückgeschreckt. Er trieb die jüdischen Beamten aus der Wiener Selbstverwaltung, aus den Schulen und Ämtern. Er predigte ihre wirtschaftliche Vernichtung mit dem ganzen Elan des Budikendemagogen, er drohte ihnen mit der Nachahmung der russischen Pogrome, bat auf einem Katholikentag als Feldhauptmann der ecclesia militans den lieben Qott, den Juden nicht beizustehen, er prägte das in Wien zum politischen Schibboleth gewordene Wort von den Judäomagyaren; er verfolgte die Juden mit einem fanatischen zähen Haß und — stand dann, heuchlerischer Worte voll, an den Gräbern seiner jüdischen Gegner, „vor der Majestät des Todes sich beugend". Es ist merkwürdig, die Juden Wiens haben diesem aalglatten gefährlichsten Feind seiner falschen Bonhomie, seiner liebenswürdigen volkstümlichen Formen, seines Phäakendialektes wegen und auch deshalb, weil er manchmal für einen armen Trödler vom Tandelmarkt oder einen reichen Börsenfürsten ein paar gnädige Worte fand (die dann pünktlich in der „Neuen freien Presse'* oder im „Extrablattl" oder im „Neuen Wiener Tagblatt" zu lesen standen), viele Sympathien entgegengebracht. Vielfach zogen sie auch diesen offenen Hasser der antisemitisch schillernden Wiener Sozialdemokratie vor, verziehen ihm oder entschuldigten seine Brandreden („es war ja net so bös gemeint") als Verbeugungen, die er vor dem Greislertum machen mußte, und gingen sogar für ihn stimmen, zumal seit der Zeit, als der schöne Karl, der Sohn eines Schilldieners, Exzellenzherr geworden war und den Franz Josefs-Orden trug. Ja, seit er einmal in einem Tempel in der Brigittenau zu einer ärmlichen jüdischen Hochzeit, die goldene Kette um den Frack, erschienen war, gab es dort so etwas wie Enthusiasmus für den Bürgermeister-Agitator, dem es sich lediglich um Stimmenfang für einen von Sozialisten hart bedrohten Gemeinderatssitz gehandelt hatte. Karl Lueger, der als kleiner Advokat irgendwo in Mariahilf als Schüler des jüdischen Demokraten Mandl begann, sich dann dem Antisemitenführer' Schönerer anschloß und aus einem begeisterten Demokraten zum Heros der schwärzesten Reaktion wurde, hat, seitdem er als Vertreter der Fünfguldenkurie ins Parlament kam, alle Ehren erfahren, zu denen sonst nur wirkliche^ Gemeingefühl, Bildung, soziales Empfinden berechtigt. Er sah die Saat, die er gesät, üppig in die Halme schießen, sah seine Partei wachsen, sich. ausbreiten, begehrlich die Hände nach der Regierungskrippe, nach Stellen und Pfründen greifen, sah sie in einem riesigen Siegeszug das flache Land erobern, nach dem Osten hinüberlangen. Ein Meer von Licht hat Kronprinz Rudolf einstmals von Wien ausströmen lassen wollen, und es wurde eine Schlammflut, die überall jüdisches Leben vernichtete, in viele Tausende jüdischer Familien Tränen, Sorgen und Kummer trug. Je höher Lueger stieg, desto frecher wagten sich die Seinen hervor, desto ungenierter und wütender warfen sie sich auf die Juden. Noch war Luegers Drohung: „Mit den Juden muß man russisch reden!" nicht verhallt, da kam Heinrich Schmids Antrag, für die jüdische Jugend in Mittel- und Hochschulen den numerus clausus zu schaffen, kam das Bielohlawak'sche Hausiergesetz, das wieder jüdische Existenzen erdrosselte. Unter Lueger kam die Hülsner-Schmach über Österreich, in seinem Geist fiel damals, als ein Vater aus Krakau vom Justizminister sein Kind zurückverlangte, das ins Kloster entführt, worden war, das höhnische Wort: an Klostermauern ende die Staatsgewalt. Wie viele Juden sind wohl von dem Triumphwagen der protzigfrechen Reichspartei zermalmt worden! Alles machte Lueger gegen die Juden mobil: die Klerisei, die Bauern, die Greisler. Und die reiche jüdische Bourgeoisie Wiens, deren jüdisches Empfinden beim Leitartikel der „Neuen freien Presse" beginnt und bei der Kartenpartie im Cafe endet, schwieg und machte mit dem Rathaus Geldgeschäfte. Was kümmerte es sie, ob jüdische Tramway- oder Omnibuskutscher aufs Pflaster gesetzt wurden, ob Luegers Einfluß die Juden immer weiter einengte, sie mit eisernem Druck dem Elend entgegentrieb, ihre Seelen zermürbte und ihnen dann höhnisch den Taufschein wies? Nun ist Lueger tot. Seine Partei aber bleibt, und die Schlammflut wälzt sich weiter. Julius Löwy.