Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1910-03-18 · 11 (18.3.1910) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
11 (18.3.1910)
Date
1910-03-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316406-3316418--53008-3346748
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

No. 11 DIE^ELT 233 REVUE DER WOCHE (( ' o (, -o * O □□□□□ o o o - Luegers Tod Man schreibt uns aus Wien: Die politische Perversität der Führer der Wiener Judenschaft, die sich dem verstorbenen Dr. Lueger immer an die Rockschöße hängten, hat jetzt zwei neue Blüten gezeitigt. In einer Synagoge fand während der letzten Stunden Luegers ein Bittgottesdienst statt, und sofort nach dem Tode des Bürgermeisters beeilte sich die Kultusgemeinde mit ihrer Kondolenz. Der von Loyalität triefende Brief enthält u. a. folgende Stelle: „Möge die heilige Friedensstimmung, wie sie in letzter Zeit die Kundgebungen des Dahingeschiedenen durchleuchtete, zu seinem ehrenden Gedenken in unserer Vaterstadt dauernd walten, so wie auch unsere QJaubensbrüder, sich beugend vor der Majestät des Todes, vereint mit allen unsern Mitbürgern tiefbewegt an dieser Bahre stehen." Diese würdelose Kriecherei, die es vollkommen vergißt, daß Lueger nur Friedensstimmung fand, wenn er am Grab .von Juden stand, kann überall, wo Juden wohnen, nur das Gefühl bitterster Verachtung wecken und das tiefste Beileid für die jüdische Bevölkerung Wiens auslösen, die von solchen Führern geleitet wird. Denn bei. aller objektiven Wertung des Luegerschen Verwaltungsgenies kann man Österreich nur wünschen, daß die christlich-soziale Partei ihrem Schöpfer bald ins Grab nachfolge. Die Aufrichtigkeit der Gefühle der Juden gerade in dem jetzigen Moment kann durch die Schritte der Herren in der Seitenstettengasse nicht beeinträchtigt werden. Vom Kriegsschauplatz Man kann die Länder, von denen hier die Rede sein soll, wohl kaum anders bezeichnen. Denn was den Juden in diesen Ländern jahraus jahrein geschieht, ist nicht mehr bloße Drangsalierung oder Schikane, sondern die faktische Verhängung des Ausnahmezustandes, den man in Rußland euphemistisch den verstärkten Schutz nennt. Kann man von etwas anderem als von Krieg sprechen, wenn man die folgenden dürren Meldungen liest, die uns der Draht in einer Stunde zuträgt: Die Kiewer Polizei hat für den Aufenthalt jüdischer Reisender neue erschwerende Bestimmungen getroffen. Das Livländische Gouvernement hat den Juden das Wohn recht am Strande entzogen. Der Unterrichtsminister hat die privaten Lehranstalten, welche Öffentlichkeitsrecht besitzen, auf die strengen Normen für die Aufnahme jüdischer Zöglinge aufmerksam gemacht. Der VoVstand der livländischen Gemeinde Aahof hat beschlossen, Juden nur dann in die Gemeinde anfzunehmen, wenn sie zum Christentum übertreten. Die Ausweisung der Juden aus Buchara ist in einigen Bezirken widerrufen worden, in den westlichen bleibt sie aufrecht, j Der Heeresausschuß der Duma hat die Ausschließung jüdischer Hörer von den militärärztlichen Schulen verlangt. Und nun die Ausweisungsbefehle, die plötzlich Stolypin, der lieberale Kabinetschef, erlassen hat! Für die Juden im Sarmatenreich beginnt wieder das Osterdasein, wie Nordau dieses Leben genannt hat. Das Osterdaseiri! Die Lenden gegürtet, den Stab zur Hand, halbgares Brod im Sack und nun noch den letzten Blick auf den verlassenen Krug. Der Rest ist Wandern. Das ist das, was der neue erblühende Lenz den Juden Rußlands bringt. Sechs Wochen, ehe sie in Haus und Hütte an festlichem Tisch sitzen sollen, um jenem Auszug aus dem Pharaonenlande zu feiern, holen sie den Wanderstab aus der Ecke hervor und treten den Auszug an. Nicht ins verheißene Land, nicht wie ehedem als ein Volk, vom entschlossenen Willen eines Führers geleitet, nicht auf einer Straße. In die weite graue Fremde aus hundert Orten gehts hinaus, in zerstreuten Trupps nach zerstreuten Zielen, den meisten unbekannt. Und nur ein gleiches gibts wie zu jener Zeit: Hinten das Heer des Feindes. Und wir, die im Westen in leidlicher Sicherheit für Gut und Blut leben, sehen wieder, wie schon so oft, den Zug unserer heimatlosen Brüder sich in Bewegung setzen, denen kein Mitleiden freundliches Geleite gibt. Hinter ihnen scharrt das Traben der Kosakenrosse. ... Vom Zarenreich ins Bojarenland. Dort haben die jüdischen Reservisten einen Kongreß vorbereitet, auf dem die Behandlung der Juden zur Sprache kommen soll, die zwar das Gewehr tragen, Steuern zahlen und fürs Vaterland sterben dürfen, aber nicht Bürger sein können. Nun hat der Premier. Bratianu in der Kammer erklärt: „Die rumänische Verfassung gewährt Preß- und Versammlungsfreiheit einzig und allein den rumänischen Staatsbürgern, und da die Juden des Landes zum weitaus größten Teile Nicht-Staatsbürger sind, so wird die Regierung unter keinen Umständen die Abhaltung eines Judenkongresses auf rumänischem Boden gestatten." — „Und Carmen Sylva dichtet ein Lied an die Humanität." Persekution der Zionisten in Rußland Zur gleichen Zeit mit der Massenausweisung der Juden setzt in Rußland auch eine Verfolgung der zionistischen Bestrebungen ein, die in Gegenüberstellung zu der Dimittierungsverfügung unverständlich scheinen würde, wenn sie nicht eben ein Ausfluß jener auf Niedertretung jeder jüdischen Lebensäußerung gerichteten Maximen wäre. In Irkutsk haben bei Zionisten Hausdurchsuchungen stattgefunden. Bei 25 unserer Gesinnungsgenossen wurden Nationalfondsbüchsen, bei zweien verschiedene zionistische Broschüren, Briefe und Aktien der Kolonialbank beschlagnahmt. Dieses Resultat genügte, um all diese Personen vor Gericht zu stellen und gegen sie die Anklage zu erheben „wegen Zugehörigkeit zu einer Verschwörung, die den Namen „Irkutsker zionistische Organisation" trägt und sich zum nächsten Ziel den aktiven Kampf zur Verbesserung der ökonomischen und politischen Lage der Juden in Rußland und die Bildung eines Judenstaates in Palästina stellt. Dadurch werden die jüdischen Massen in Rußland isoliert und zum Hasse gegen die russische Bevölkerung aufgehetzt." Diese Anklage ist von einer beleidigenden — sagen wir Naivität, und ließe allerlei Schlüsse auf den geistigen Zustand ihrer Autoren zu. Aber sie ist auf Befehl erfolgt und stützt sich auf einen vor kurzem erschienenen Erlaß der höchsten Gerichtsinstanz Rußlands, des Senates. Dieser Erlaß betrifft die Nichterteilung der Genehmigung für die Gesellschaft „Palästina", und begründet den ablehnenden Bescheid damit, daß die Gesellschaft, „wie aus ihren Statuten und den beim Ministerium des Innern eingeholten Auskünften hervorgeht, sich in ihrem Zweck mit dem der zionistischen Organisation deckt, deren Tätigkeit auf die nationale Separierung der jüdischen Massen gerichtet ist und zur Verschärfung der Feindseligkeiten innerhalb der Bevölkerung führt." Es ist natürlich leicht, dieses kasuistische Spinngewebe zu zerreißen. Man kann ohne viel Mühe finden, daß weder der Ansiedlungsrayon von der zionistischen Bewegung ersonnen wurde, noch die Arrangeure der Pogrome von der zionistischen Organisation irgendwelche Aneiferung für ihr blutiges Handwerk erhalten hatten. Auch ist es Fälschung der Tatsachen, wenn man von einem Haß der Juden gegen das russische Volk spricht. Die Juden und das russische Volk leiden ja unter der gleichen Knute. Aber wenn ein paar Juden verurteilt werden sollen, dann ist jede Begründung, auch die absurdeste, gut genug, 2

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.