Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 11 (18.3.1910)
- Date
- 1910-03-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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232 DIE 3^EELT No. 11 aber^nichts Wirklichem. Es gibt keinen russischen und westeuropäischen Zionismus. Ich kenne nur einen Zionismus, der nach der Organisation des jüdischen Volkes in der Zerstreuung, nach seiner Zurückführung in das Land^der Väter, nach einer Erneuerung seines geschichtlichen, kulturellen, politischen Nationallebens strebt. Was es aber allerdings gibt, das sind ungeduldige, weltfremde, schwärmende Zionisten und positiv gerichtete, mit den Möglichkeiten rechnende, die realen Kräfte abschätzende Zionisten. Und das Sonderbare ist, daß die erstem in bestem. Glauben sich für die Praktiker, die andern, sich für bloße Theoretiker halten. Dieser Unterschied des Temperaments, der Bildung, der Urteilsfähigkeit fällt jedoch mit keiner geographischen Grenze zusammen. Beide Kategorien sind in Rußland ebenso vertreten wie in Westeuropa, wenn auch vielleicht in anderm Zahlenverhältnis. Auf dem letzten Kongreß haben wir beobachtet, daß die russische Landsmannschaft ungefähr geschlossen stimmte und in den Hauptfragen unterlag, obschon ein großer Teil der Österreicher mit ihr ging. Erhob die Mehrheit sich etwa gegen sie, weil sie russisch war? Wer das zu behaupten wagte, würde die Wahrheit ruchlos fälschen. Die Mehrheit folgte den Herren Ussischkin, Dr. Tschlenow und Professor Weitzmann nicht, weil diese Herren nicht imstande waren, deutlich zu formulieren, was sie eigentlich wollten. Daß sie allgemein unzufrieden waren, sah man allerdings; aber womit sie unzufrieden waren, das wußten die unzähligen Redner ihrer Partei nicht klar verständlich zu machen, und noch weniger war es möglich, von ihnen ein deutliches, positives Programm zu erlangen. Sie griffen Hrn. Wolffsohn mit verschwommenen, wenngleich heftigen Redensarten an (man denke an die Rede der Herren Dr. Pasmanik und Dr. Tschlenow!;, sagten aber nie, welche bestimmte, konkrete Handlung oder Unterlassung sie ihr als Fehler vorwarfen. Die Mehrheit hatte also keinen Grund, ihm ihr Vertrauen vorzuenthalten, das die Minderheit ihm anscheinend nur verweigerte, weil ihr seine Nase mißfiel. Die oben bezeichnete Partei wollte die bestehende Organisation enthaupten und bis zur Auflösung zerrütten und an ihre Stelle eine andere setzen. Das geschah mit solcher Leichtblütigkeit, so souveräner Verachtung aller positiven Faktoren, solcher Wolkenkuckucksheimträumerei, daß beispielsweise die meisten Personen, die sie für die neue Leitung bezeichnet hatte, die ihnen zugedachte Rolle mit beinahe komischem Wetteifer ablehnten. Wieder sah die Mehrheit, daß die Minderheit ins Blaue plante, ohne sich zuvor zu vergewissern, ob sie auf die Menschen und Dinge, über die sie großartig verfügte, auch rechnen konnte, und sie weigerte sich natürlich, sich auf ein boden- und uferloses Abenteuer einzulassen und eine Organisation zu zerstören, die sich bewährt hat und an deren Stelle die Minderheit tatsächlich nichts zu setzen vermag. Als Programm wußte die Minderheit immer nur die Redensart in allen Tonarten zu wiederholen: „Praktische Arbeit in Palästina!" Das ist doch die natürliche, die selbstverständliche Aufgabe des Zionismus, das ist doch unser aller Forderung, in diesem Punkte gibt es doch keine Meinungsverschiedenheit zwischen uns! Aber was versteht die Minderheit unter praktischer Arbeit? „Das ganze Kapital unserer Kolonialbank muß nach Palästina übertragen werden!" Der Leiter unserer Anglo-Palestine-Company erklärt, er habe schon für das ihm zugewiesene Kapital keine sichere und lohnende Verwendung. Was sagen unsere „Praktiker" zu diesem Argument? „Wir müssen eine Agrarbank gründen!" Die Türkei hat keinen Kataster, sichere Bodenbesitztitel sind für den einzelnen schwer, für Gesamtheiten überhaupt nicht zu erlangen, Hypotheken einzutragen gibt es keine gesetzliche Möglichkeit, es fehlt also zurzeit noch an allen Voraussetzungen einer Agrarbank, die ihrer Definition gemäß nicht Personal-, sondern Realkredit zu gewähren berufen wäre. Was sagen unsere „Praktiker" zu diesem Argument? „Wir müssen Land kaufen, Menschen ansiedeln, Einrichtungen schaffen." Die augenblicklichen Machthaber in der Türkei erklären kategorisch, keine jüdischen Ansiedelungen in Palästina zu gestatten. Was sagen unsere „Praktiker" zu diesem Argument? Das Programm derfMinderheit ist keines, denn vage Sehnsucht und Wünsche sind keine Arbeitsprogramme, und die wenigen konkreten Punkte sind zurzeit unausführbar. Natürlich mußte die nüchterne, positiv gerichtete Mehrheit die traumbefangene, Luftspiegelungen verzückt folgende Minderheit wieder ihre nirgendwohin führenden Irrpfade allein wandeln lassen. Aber diese Gegensätze, die ich so scharf und klar wie möglich zu definieren gesucht habe, sind nicht solche von Westeuropäern und Russen, sondern solche von weltfremden Schwärmern, die aus ihrem Gefühl heraus eine unwirkliche Welt reiner Begriffe konstruieren, und von Menschen mit Wirklichkeitssinn, die das derzeit Mögliche vom einstweilen Unmöglichen zu unterscheiden wissen; wenn man will: es sind die Gegensätze zwischen Hegelianern und Positivisten. Ich zweifle nicht daran, daß das Leben sich als erfolgreicher Erzieher an der Minderheit bewähren wird. Sie wird sich durch schmerzliche Erfahrung überzeugen, daß man in der Luft mit Wolken und Winden keine festen Häuser bauen kann, und sich einer solidem Baumethode zuwenden. Dann wird es keine Gegensätze zwischen uns geben, man wird nicht mehr mit allerlei bedauerlichen Hintergedanken von Russen und Westeuropäern sprechen, und es wird wieder für uns alle nur eine Bezeichnung geben: die Bezeichnung „Zionisten." Paris, 16. Februar 1910.