Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 10 (11.3.1910)
- Date
- 1910-03-11
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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220 =b DIE^ / * . Der zionistischen Bewegung brachte der Verblichene viel Verständnis und warmherziges Interesse entgegen. In seinen letzten Lebensjahren gehörte er der Kölner Zionistischen Vereinigung als Mitglied an. Das Leichenbegängnis Rabbiner Piatos gestaltete sich zu einer imposanten Trauerfeier. Aus allen Teilen Deutschlands waren die Verehrer und namentlich die Schüler des Entschlafenen herbeigeeilt, um dem heimgegangenen Altmeister das letzte Geleit zu geben. Im Trauerhause sprach Seminarlehrer E. Gut im Namen der Schüler und des Lehrkörpers des Seminars ergreifende Worte des Abschieds. Im Auftrag der Familie hielten der Sohn und der Schwiegersohn des Verstorbenen, Rabbiner Dr. Emanuel Plato aus Hamburg und Rabbiner Dr. Lern er aus Altona tieferschütternde Trauerreden. Auf dem Friedhofe in Deutz zeichnete Rabbiner Dr. Rosenthal in bewegten Worten ein Lebensbild des Verblichenen. Schließlich widmete in Vertretung des Kuratoriums des Jüdischen Lehrerseminars Herr J. Dülken dem Begründer und jahrzehntelangen Leiter der Anstalt einen tiefempfundenen Nachruf. Die bosnische Verfassung Der Verfassungsentwurf für Bosnien und dieHerzegowina fand endlich die Zustimmung der österreichischen, ungarischen und gemeinsamen Regierung und erlangte die kaiserliche Sanktion. Vorige Woche wurde die Verfassung in Serajewo feierlich proklamiert. Wir brachten bereits vor mehreren Monaten die Meldung, daß die Juden Bosniens, gleich den katholischen Kroaten, griechischorientalischen Serben und mohammedanischen Türken, eine Kurie erhalten haben, die einen Landtagsabgeordneten wählt. Zugleich besitzt der Oberrabbiner von Serajewo eine Virilstimme. Der jüdischen Bevölkerung des Reichslandes sind somit zwei Sitze in der Landesstube verbürgt. In einer am 20. Februar d. J. im Hotel Stefanie abgehaltenen Versammlung des Jüdischen Nationalvereins bezeichnete Reichsratsabgeordneter Stand das erfreuliche Ergebnis des Kampfes der bosnischen Juden um ihr gleiches Recht als einen Erfolg der Bemühungen des Jüdischen Klubs. Jüdische Nationalhäuser in Galizien Aus Lemberg schreibt uns unser Berichterstatter: In allen größeren Städten Galiziens besitzt sowohl die polnische als auch die ruthenisehe Nation ihr eigenes Haus, in welchem sie ganz ungestört ihre nationalen Feste, Versammlungen oder andersartige Veranstaltungen abhalten kann. In diesen Häusern konzentriert sich das ganze nationale Leben dieser Völker. Anders ist es um uns Juden bestellt. Wenn wir in irgendeinem galizischen Städtchen ein Fest, einen Makkabäerabend oder irgendeine andere Feier veranstalten wollen, dann müssen wir vorerst allerhand diplomatische Fegefeuer durchmachen, Schikanen und Einschränkungen erdulden, bis wir einen Saal bekommen, obzwar die meisten polnischen und andern kommunalen Gebäude mit jüdischem Gelde gebaut worden sind. Auch bei Volksvorträgen, Toynbeehallabenden oder andern für Volksbildung bestimmten Institutionen standen wir wieder vor derartigen Lokalitäten-Schwierigkeiten. Aber wir haben uns eines bessern belehren lassen, und diesmal sind wir zu unsern Nachbarn in die Schule gegangen. Ihr Beispiel hat gewirkt. Wir müssen auch unsere eignen Nationalhäuser bekommen, wo wir uns ruhig und ungestört ausleben können. Als erste begannen unsere Brüder in dem kleinen zionistischen Städtchen Gliniany, wo das erste jüdische Nationalheim — wenn auch in kleinem Umfange — vor zirka drei Jahren gebaut worden ist. Im Vorjahre folgte die Stadt Brody, wo unser alter Gg. Tartako we r das Werk zustande brachte, und vor einem Monate wurde in Drohobycz ein jüdisches Nationalhaus feierlich eröffnet. Auch in Lemberg rückt der Plan der Aufbauung eines großen und schönen Nationalhauses der Verwirklichung näher. Es ist bereits ein Statut zur Gründung einer Gesellschaft m. b. H. „Jüdisches Nationalhaus" vom Direktor der Kredit-Union, Julius Eisler, ausgearbeitet worden. Nachdem wir die Sache in seinen Händen wissen, können wir sicher sein, daß ein jüdisches Nationalhaus so schnell als möglich entstehen wird. [ELT - . ' , . - No. 10 Ein hebräischer Vortragsabend Am Sonntag, den 27. v. M. fand in Krakau eine stark besuchte hebräische Versammlung statt, die einen glänzenden Erfolg erzielte. Herr M. Rath eröffnete die Versammlung mit einer hebräischen Ansprache, Frl. Drümer trug das bekannte Gedicht „Am Olam" von Mane vor. Einen starken Eindruck machte die Deklamation des Gedichtes „El Hazipaur" von Bialik durch Schülern Gosar. Rabbiner Dr. Thon legte in einer geistreichen hebräischen Rede über die „Neuströmungen in der hebräischen Literatur" die Bedeutung der hebräischen Sprache für die nationale Renaissance treffend dar. Es herrschte große Begeisterung für die hebräische Sprache. Diese Stimmung wird hoffentlich dauernd bleiben und zu positiven Taten führen. Eine hebräische Versammlung in Berlin Am 21. Februar d. J. fand eine vom Zentralkomitee der „Organisation für hebräische Sprache und Kultur" einberufene, zahlreich besuchte hebräische Versammlung statt, in der Herr Nah um Sokolow über Isak Ber Levinsohn referiert?. Nach Begrüßung der Erschienenen durch Herrn Dozenten Dr. E. Baneth gedachte der Referent der schweren Verluste, die das jüdische Volk und die hebräische Literatur durch den Tod Dr. S. Rubins, M. L. Lilien - blums und W. Schurs jetzt erlitten haben. Zum Zeichen der Ehrung für die Verblichenen erhob sich die Versammlung von den Sitzen. Zum Vortragsthema übergehend, schilderte Herr Sokolow zunächst die rückständigen kulturellen Zustände des Milieus, in dem Levinsohn, der Schöpfer der jüdischen Aufklärungsepoche in Rußland, sein noch jetzt fortwirkendes Lebenswerk schuf. Wenn er doch trotz des zu jener Zeit im russischen Judentum herrschenden Fanatismus keinem hartnäckigen Widerstand begegnete und der Bildung in weiten Kreisen die Bahn ebnen konnte, so lag es daran, daß Levinsohn seine fortschrittlichen Forderungen nicht im Gegensatz zum historischen Judentum, sondern mit diesem in Einklang setzte und sie aus ihm selbst folgerte. Zu Levinsohns Einfluß trug auch seine lautere, edle, leuchtende Persönlichkeit wesentlich bei, gegen die man den Vorwurf der „schrankenlosen Gesetzesübertretung" nicht erheben konnte. Seinem innern Wesen nach zartbesaitet und anspruchslos, weichmütig und bescheiden, war er doch in seinen Ideen und Schriften ein rastloser Kämpfer, der seine Geisteswaffen gegen den Starrsinn im Innern, wie auch gegen die Abtrünnigen aus dem eigenen Lager und die äußern Feinde des jüdischen Volkes führte. Levinsohn war nicht nur Vermittler der „Berliner Haskala", die nicht nur das russische Judentum beeinflußte, sondern auch von ihm beeinflußt wurde. Redner schilderte noch die elende soziale und persönliche Lage, in der Levinsohn sich befand, und die großen Schwierigkeiten und Widerstände, die er bei der Herausgabe seiner Werke zu überwinden hatte, und verlas einen bisher unveröffentlichten Originalbrief Levinsohns an den hebräischen Dichter Gottlob er, worin der Verfasser seine Verlassenheit und andauernde Krankheit in ergreifenden Worten schildert. Nach dem mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag wurde über die Begründung einer Berliner Ortsgruppe der genannten Organisation debattiert. Die Folge der zum Teil recht lebhaften Diskussion, an der sich die Herren Hurwitz, Dr. Bäheth, Lin. Sokolow, Dr. Heinrich Löwe, Dr. Jacob Cahan, M. Gonzar u. a. beteiligten, war die Begründung eines Vereins, dem fast alle Anwesenden beitraten. Ein Zionist — Bürgermeister von Johannesburg Mr. Harry Grauman, Mitglied des Exekutivkomitees der South African Zionist Federation, wurde zum Bürgermeister (Mayor) der Stadt Johannesburg gewählt. Aus diesem Anlasse veranstaltete der South African Maccabaean Club ein Bankett zu Ehren Mr. Graumans, an dem die Spitzen der Johannesburger jüdischen und christlichen Gesellschaft teilnahmen. U. a. begrüßte in einem sehr warmherzigen Trinkspruch der Vertreter der Regierung-Lord Seiborne den neugewählten Mayor. Für die Juden in Persien Aus Konstantinopel wird der „N.J.K." geschrieben: Der Handelsminister hat den Chachambaschi Nahum angefragt, welche Wünsche er in bezug auf die Lage der türkischen Juden in Persien habe. Es solle jetzt ein Handelsvertrag zwischen der Türkei und Persien abgeschlossen werden, und die Regierung würde bei dieser Gelegenheit zugunsten der türkischen Juden in Persien eintreten. Es ist das erstemal, daß eine Regierung beim Abschließen eines Handelsvertrages mit einem andern Staate auf die Interessen ihrer jüdischen Bürger bedacht ist.