Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 10 (11.3.1910)
- Date
- 1910-03-11
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 10 DIEXXELT 219 Die jüdische Einwanderung nach Palästina Aus Odessa wird uns gemeldet: Die Gesellschaft zur Unterstützung jüdischer Ackerbauer und Handwerker in Syrien und Palästina veröffentlicht soeben einen Bericht über die via Odessa und mit Hilfe des Informationsbureaus des Odessaer Palästinakomitees erfolgte Auswanderung nach Palästina. Zur richtigen Beurteilung dieser Auswanderungsbewegung wird es angebracht sein, das zahlenmäßige Verhältnis der verschiedenen Kategorien der Passagiere zu einander, ganz besonders die bezüglichen Verschiebungen, die während des hier behandelten Zeitraums im Vergleiche zu den vorigen Jahren (1907 und 1908) eingetreten sind, festzuhalten. Im allgemeinen läßt sich feststellen, daß die Emigration nach Palästina im letzten Jahre zugenommen hat, trotz der Qurantäneschwierigkeiten, denen während mehrerer Monate die aus Rußland kommenden Schiffe unterworfen waren, und trotz der im Zusammenhange damit geübten Einschränkung in der Ausgabe von Fahrkarten, ganz besonders für die Passagiere dritter Klasse. Insgesamt begaben sich im letzten Jahre über Odessa nach Palästina 2459 Personen (1908 waren es 2097 Personen, 1907 - 1746). Darunter waren Kinder unter 15 Jahren 510, also 21 °/o (1908 - 20 V« H/o, 1907 - 20%); junge Leute von 15 bis 30 Jahren 696 28% (1908 - 30%, 1907 24%); im Alter von 30 bis 50 Jahren standen 512 Personen 21% (1908 - 221.2%, 1907 - 24%); älter als 50 Jahre 741 30"/» (1908 -27%, 1907 -30%). Auskunft über ihren Beruf, bzw. Beschäftigung, erteilten 916 Personen 37% (1908 — 42 72%, 1907 — 3a°/o). Die andern waren also Personen ohne bestimmten Beruf, berufslose, bzw. erteilten keine Auskunft über ihren Beruf). Darunter waren Handwerker, Arbeiter und Ackerbauer 428 Personen 46%% (1908 — 42 %, 1907 — 50%); Handelsleute und Industrieile 336 36%° 0 (1908 41%, 1907 — 40%); Vertreter der liberalen Berufe 152 16%% (1908 — 17%, 1907 - 10%). Auskunft über ihre Vermögensverhältnisse gaben 556 Personen, die insgesamt über mehr als vier Millionen verfügten. Es ist aber zu bemerken, daß diese Summe keineswegs mit dem nach Palästina hinausgeführten Kapital identisch ist, da gerade die besser situierten und die Reichen nur als Touristen nach Palästina gingen. Hinsichtlich des Zwecks der Reise traten gleichfalls gewisse Verschiebungen in den bezüglichen Zahlenproportionen ein. Zwecks Niederlassung und ökonomischer Betätigung im Lande wanderten im Laufe des letzten Jahres 1603 Personen aus. oder 65% sämtlicher Reisenden (1908 — 68%, 6907 — 60%); zu dauerndem Verbleib aus religiösen Motiven („um die letzten Lebensjahre im heiligen Lande zuzubringen") 525 Personen 21 %rt'» (1908 — 18%, 1907 — 20%); zeitweilig (das Land zu sehen, Verwandte zu besuchen, geschäftshalber u. dgl.) 232 Personen 9%% (1908 — 9%, 1907 —- 15%); um eine Lehranstalt in Palästina zu besuchen — 86 3l2% (1908 — 4oo, 1907 — 1 %); zur Kur — 13 V/o (1908 — 1 %, 1907 1%). Als Zielpunkt der Reise gaben an: Jerusalem — 902 Personen 36 12% (1908 — 42% 1907 — 43%); Jaffa — 1055 43% (1908 — 40%, 1907 — 36%); Haifa — 73 3 0 0 (1908 — 2%); Beirut — 66 2%°/o (1908 — 2°/o); die jüdischen Kolonien — 288 12% (1908 — 12%, 1907 — 14o/o); Saffed und Tiberias 75 3% (1908 — 2%). — Wie immer, begaben sich auch jetzt die meisten ältern Personen und die Pilger (diese gibt es besonders viele unter den bucharischen Juden) nach Jerusalem. Der Zentralpunkt für alle auswandernden Kaiifleute und Handwerker war auch jetzt Jaffa. Freilich bleiben nicht' alle in Jaffa; Viele gehen von dort aus nach den Kolonien, oder nach andern Städten. — Einen Zuwachs erfuhr in diesem Jahre die Auswanderung nach Haifa und Beirut. Nach Beirut begaben sich meistens junge Leute, um die doitigen Kollegs zu beziehen. Auf Einladung ihrer in Palästina ansässigen Verwandten hin wanderten aus im Laufe dieses Jahres 741 Personen — 30 % (1908 — 29 1907 — 34°/°)- Mehr denn je gab es jetzt Emigranten, die bereits vormels in Palästina gewesen und jetzt sich zur endgültigen Niederlassung dorthin begaben. c 000000000 s:^; jsc^. NACHRICHTEN OOOOOOOOO Hilfsverein der deutschen Juden Am 6. März fand in Berlin unter Vorsitz des Herrn James Simon eine Sitzung des Zentralkomitees sowie die Generalversammlung des Hilfsvereins der deutschen Juden im Hotel Prinz Albrecht statt, die sich eines guten Besuches aus allen Teilen Deutschlands zu erfreuen hatten. In der Tagung des Zentralkomitees wurde der Geschäftsbericht erstattet. Mit lebhaftem Beifall nahmen die Anwesenden Kenntnis von den Fortschritten des Vereins auf allen Gebieten seiner Wirksamkeit. In das Zentralkomitee wurden die Herren Julian Mei sei-Berlin; Sanitätsrat Dr. Siegmund Salz bürg-Dresden; Max M. War bürg-Hamburg; Justizrat Placzek-Posen; Julius Cohn-Berlin; Bankier M. A.Strauß- Karlsruhe und Justizrat Holz-Königsberg einstimmig gewählt, die sich sämtlich in verschiedenen Richtungen in hohem Grade um den Hilfsverein der deutschen Juden verdient gemacht haben. An die Sitzung des Zentralkomitees schloß sich die ordentliche Versammlung der Mitglieder. Herr James Simon stellte zur lebhaften Befriedigung der Versammlung fest, daß die Entwicklung des Hilfsvereins auch im verflossenen Jahre einen günstigen Fortgang genommen und das Vertrauen und die Anerkennung weiter Kreise in Deutschland wie im Ausland gefunden habe. Er gab darauf in großen Zügen eine Übersicht über die politische, ökonomische und rechtliche Lage der Juden in Galizien und Rumänien und über die Tätigkeit des Hilfsvereins der deutschen Juden in diesen Ländern wie in Bulgarien und der europäischen und asiatischen Türkei speziell auf dem Gebiete des Schulwerks. Insbesondere hob er auch hervor, daß ein noch engeres Zusammenarbeiten der großen jüdischen Organisationen als bisher dadurch gewährleistet sei, daß der Hilfsverein durch Vorstandsmitglieder in Personalunion mit ihnen getreten sei. Herr Generalkonsul Eugen Landau berichtete alsdann über das Hilfswerk des Hilfsvereins der deutschen Juden in Rußland, und ferner gab er an Stelle des am Erscheinen verhinderten Schatzmeisters im Ehrenamt, Herrn Bankdirektor Ernst Simon, einen Überblick über die Finanzen des Vereins. Herr Generalsekretär Dr. Bernhard Kahn sprach über die Organisation und die Fürsorgetätigkeit des Hilfsvereins auf dem Gebiete des Aus Wanderungswesens. Die Versammlung der Mitglieder genehmigte darauf einstimmig den Geschäftsbericht und erteilte der Verwaltung die Entlastung. Die auf der Tagesordnung stehende Änderung des § 10 der Statuten, die eine Vereinfachung der Geschäftsführung herbeiführen soll, wurde einstimmig genehmigt Die Versammlung sprach dem Vorstand lebhaften Dank für die erfolgreiche Mühewaltung aus. Rabbiner Dr. Hirsch Plato y's? Einer der ehrwürdigsten Repräsentanten des orthodoxen Judentums in Deutschland, der Nestor der gesetzestreuen deutschen Rabbiner, Dr. Hirsch Plato in Köln, ist am 5. d. Mts. im Alter von 88 Jahren verschieden. Der Verblichene wirkte ein Menschenalter hindurch -— bis zu seiner im Jahre 19C3 erfolgten Pensionierung — als Rabbiner der von ihm gegründen Synagogengemeinde Adass Jeschurun und Direktor des jüdischen Lehrerseminars in Köln. Namentlich in letzt- ■ genannter Eigenschaft entfaltete er eine außerordentlich fruchtbare und erfolgreiche Tätigkeit im Geiste seines großen Schwiegervaters Samson Raphael Hirsch, indem er Generationen von wahrhaft jüdischen Lehrern heranbildete, die die Ideale der jüdischen Gesetzestreue in alle Gaue Deutschlands hinaustrugen. Die Kölner Lehrerbildungsanstalt wurde unter seiner .Leitung zu einem der besten Institute dieser Art in Deutschland, und hat sich auch in nichtjüdischen Fachkreisen vielfache Anerkennung erworben. Rabbiner Plato verband mit einer universellen allgemeinen Bildung tiefgründige talmudische Gelehrsamkeit und war neben seiner profanwissenschaftlichen Wirksamkeit auch auf talmudischem Gebiete literarisch tätig. Trotz seiner hohen Frömmigkeit und seiner Stellung als einer der angesehensten Führer der deutschen Orthodoxie war der Verewigte kein Eiferer und einseitiger Parteifanatiker. Nichts Jüdisches war ihm fremd. Durch die geradezu patriarchalische Milde seines Wesens, durch seine rührende Bescheidenheit und Selbstlosigkeit wußte er die hohe Wertschätzung und Sympathie auch derjenigen Kreise zu erringen, die seinen religiösen Anschauungen fernstanden.