Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 10 (11.3.1910)
- Date
- 1910-03-11
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Die japanische Regierung und die Juden" Vor einiger Zeit behauptete eine angeblich vom japanischen Konsul unterstützte chinesische Zeitung in Peking, jüdische Kapitalisten in Amerika hätten die Anregung zur Erwerbung der mandschurischen Eisenbahn gegeben, um in jenem Lande emigrierende Juden aus Osteuropa anzusiedeln. Die'Zeitung richtete dabei heftige Angriffe gegen die amerikanischen Juden, die „von der Mandschurei Besitz ergreifen wollten". Ein NewYorker Jude, Mr. Fisher, wendete sich darauf an den japanischen Botschafter in Washington mit einer Anfrage über diese Angelegenheit. Der Botschafter erwiderte ihm, die ganze Sache sei von Personen erfunden, die bestrebt sind, die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Japan und den Vereinigten Staaten zu stören. Japan unterstütze keine Zeitungen in China, und es suche nicht die Juden zum Sündenbock für politische Interessen zu machen; dies überlasse es andern Ländern. Daß die japanische Regierung jene Behauptung nicht gleich dementierte, liege an der Unmöglichkeit, alle von böswilligen Menschen ausgestreuten Lügennachrichten zu widerlegen. Aus Baden Der Landesverein der gesetzestreuen Juden Badens hat eine Denkschrift an den Landtag gerichtet, worin er „Protest gegen die seine Mitglieder bedrückende einseitige Verwaltungspraxis des badischen Oberrats, der Israeliten" einlegt Es handelt sich hauptsächlich um den Zwang zur Teilnahme am Religionsunterricht, der den Überzeugungen der Eltern zuwiderläuft. Sogar ein orthodoxer Rabbiner wurde, wie es in der Denkschrift heißt, genötigt, sein Kind dem Religionsunterricht eines Lehrers zuzuführen, der im praktischen Leben die den Orthodoxen wichtigsten Religionsgesetze verletzt. Der Verein beantragt daher die gesetzliche Festlegung des Dispenses vom Religionsunterricht zur Vermeidung jedes Gewissenszwangs. Gegen die Rede des Kriegsministers v. Heeringen Essen. Der hiesige jüdische Jugendverein erhob in einer Resolution Protest gegen die vom Kriegsminister v. Heeringen in der Reichstagssitzung vom 10. Februar gemachten Ausführungen über die Juden. Die Versammlung empfinde die Äußerungen als eine beleidigende Geringschätzung der Juden und spreche ihr Bedauern darüber aus, daß durch dieses ungerechtfertigte Urteil von hoher Stelle aus die heutigen beklagenswerten Zustände verteidigt und die Gegensätze verschärft würden. Die Behandlung der Juden im Heere sei eine gefährliche Quelle schwerster Erbitterung und Verbitterung für Hunderttausende loyaler Bürger, die sich einen klaren Sinn für Recht und Gerechtigkeit bewahrt haben. Russische Maßregeln gegen die jüdische Intelligenz Wir haben vor einiger Zeit berichtet, daß die Landesverteidigungskommission der Duma in einer Resolution es als im Interesse der Landesverteidigung gelegen bezeichnete, die Juden vom Besuch der militärärztlichen Akademie auszuschliefien, um ihnen so diese Karriere zu verlegen. Nunmehr wird ein neues Attentat auf die jüdische Intelligenz gemeldet. Im Unterrichtsministerium wird an einem neuen Regulativ gearbeitet, welches eine neuerliche weitere Einschränkung des Besuchs der öffentlichen und sogar privaten Lehranstalten für die Juden festsetzen soll. Von der russischen Rabbinerkonferenz Wie die „N. J. K." aus Petersburg erfährt, wird voraussichtlich Baron David Ginsburg zum Vorsitzenden der Rabbinerkonferenz von der Regierung bestimmt werden. Jüdische Angeklagte im Intendanturprozeß Aus Pskow wird der „N.J. K." von ihrem dortigen Berichterstatter geschrieben: Der einzige in dem aufsehenerregenden Pskower-Indendanturprozeß verwickelte Jude, der Großkaufmann Raffalowitsch, ist, da sich seine Unschuld herausgestellt hat, aus der Haft entlassen worden. Letzte Nachrichten (Nach Schluß des Blattes eingetroffen.) Judenausweisungen in Rußland Berlin, Der Hilfsverein der deutschen Juden erhält folgendes Telegramm: Petersburg, 8. März, 9.21 V. Die Ausweisungen von Juden aus den verschiedensten . Städten Rußlands erreichen eine Höhe wie nie zuvor. Während früher, sogar zu Zeiten Plehwes, die mit Ausweisung Bedrohten gegen die Willkür der lokalen Administration durch das Ministerium des Innern häufig geschützt wurden, gehen jetzt die Ausweisungen vom Ministerium aus. Augenblicklich werden Hunderte von Familien aus Riga, Kasan und Woronesch ausgwiesen, die zum Teil Jahrzehnte dort gewohnt haben. Petersburg. (Telegramm.) Die Ausweisungen von Juden aus den verschiedensten Orten des Reiches nehmen einen Massencharakter an. So sollen allein aus Kiew auf Grund der allerneuesten Bestimmungen 1200 jüdische Familien ausgewiesen werden, so daß diese im Mittelpunkte des jüdischen Ansiedelungsgebietes gelegene Stadt direkt eine Misere erleben dürfte. Nicht einmal die in bezug auf das Wohnrecht bevorrechteten Handwerker vermögen an zahlreichen Orten diesem Schicksal zu entgehen. Besonders bittere Klagen über solche Willkür kommen aus Woronesch, während andere jüdische Gemeinden selbst das Klagen verlernt haben. Neben den Wohnrechtsbeschränkungen sind es jedoch die weitern Maßnahmen der Regierung in bezug auf die Bildungsmöglichkeiten, die die russische Judenheit Tag für Tag aufs schwerste treffen. So hat Jas Unterrichtsministerium soeben an die Kuratoren der Lehrbezirke ein Zirkular versandt, in dem ihnen vorgeschrieben wird, darauf streng zu achten, daß die Aufnahme von Juden in die privaten höhern Schulen, insoweit sie die Rechte entsprechender staatlicher Anstalten genießen, nicht über die festgesetzte Prozentnorm hinausgehen darf. ^Zuwiderhandelnden Schulen sollen ihre Rechte entzogen werden. Für viele dieser Anstalten wird aber die erwähnte Verfügung ihre freiwillige Schließung zur Folge haben. Waren es doch die privaten Schulen gerade, die einem großen Teil der von den staatlichen Lehranstalten zurückgewiesenen jüdischen Zöglingen eine Unterkunft boten. Tausende von jüdischen Schülern und Schülerinnen werden nunmehr endgültig jeder Bildungsmöglichkeit beraubt, was für die nach geistiger Nahrung sehnsüchtig strebenden russischen Juden unerträglich ,wird. „Wenn man", sagte am 5. März der jüdische Dumaabgeordnete Fried mann im Parlament, „die schwerste Zeit, welche die Juden unter dem Ministerium Plehwe erlebt haben, zum Vergleiche heranzöge so müßte man zugeben, daß es auch damals, abgesehen vom Kischinewer Pogrom, solche Grausamkeiten und Wildheiten gegen die Juden nicht gegeben hat, wie sie jetzt zur Anwendung kommen/' Friedmann konnte seine Worte durch eine Reihe besonders roher Vorfälle belegen. So führte er u. a. aus den jüngsten Tagen die Ausweisung eines neunjährigen Mädchens aus Moskau, die Vertreibung einer Familie mit kranken Kindern aus Petersburg usw. an. Petersburg, 10. März, 8.10 V. (Originaltelegramm der „Welt".) Aus den verschiedensten Städten Sudrußlands und der baltischen Provinzen kommnen fortgesetzt Hiobsnachrichten. In Kiew sind tausende jüdische Familien von der Ausweisung bedroht. Der Tod Luegers Wien, 10. März, 8 V. (Telegramm.) Bürgermeister Dr. Karl Lueger ist soeben gestorben. Für die hebräische Mittelschule Tachkemoni in Jaffa sind bei der Administration der „Welt" in Köln eingegangen: Joseph W. Hackenbroch-Frankfurt a. M. durch H. Farbstein-Warschau: H. Farbstein JC 200.—, Dr. N. Davidsohn 25.—, G. P. Prastiier 25.—, G. L. Horodischtsch 10.75,-jzusammen.............. . . J6 260.75 Föderation Misrachi, Frankfurt a. M., durch Rabbiner Dr. Nacht-Focsani: S. L. Blumen-Odobesti Pres. 10—,