Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 10 (11.3.1910)
- Date
- 1910-03-11
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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No. 10 ■ DIE3^KELT — 217 ständig gesichert ist. — Dr. Buchmil bereiste einen verhältnismäßig armen Bezirk, überall aber fand er entgegenkommende Personen, die die formelle Verpflichtung unterschrieben, nach Gründung des Instituts für Agrarkredit Anteilscheine auf eine bestimmte Summe zu zeichnen (der Mindestbetrag war 200 Rubel, viele zeichneten höhere Beträge, der Höchstbetrag war 2000 Rubel) und zugleich 10°/o des Betrags anzahlten. Herr Dr. Buchmil besuchte die Städte Cherson, Nikolajew, Alexandrowsk (Gouvernement Jekaterinoslaw), Bendery, Kischinew, Poltawa, Krementschug und andere kleinere Ortschäften in der Umgegend. — Das Resultat war, daß 458 Personen die Verpflichtung übernommen haben, sich an dem Institut für Agrarkredit mit dem Betrage von 293 664 Frs. zu beteiligen, und Angeld im Betrage von 29 366.40 Frs. erlegten. Wir wiederholen, sobald eine andere, bekannte Weltorganisation die Schaffung des Agrarinstituts in die Hände nehmen wird, — und dies wird demnächst geschehen, wie wir genau wissen, — und wir alle gemeinsam nach dieser Richtung arbeiten werden, wird das fragliche Institut in wenigen Jahren zu funktionieren beginnen und für die jüdische Kolonisation in Palästina als sehr bedeutender Ansporn dienen. Die Generalversammlung faßte ferner den Beschluß, daß das Komitee sich auch künftighin mit der Gründung von Arbeiterkolonien befassen sollte. Im Laufe dieses Jahres haben wir keine neue Kolonie gegründet, haben aber einige diesbezügliche Pläne studiert und stehen dieserhalb in Verhandlung mit einigen Kolonisationsgesellschaften; über den Ausgang dieser Verhandlungen können wir vorläufig noch nichts Bestimmtes sagen. Dagegen haben wir einen wichtigen Schritt getan, um die Zukunft und die weitere Entwicklung der von uns ins Leben gerufenen Arbeiterkolonien En-G an im und B er-Jak ob zu verbürgen. Diese Kolonien haben sich im Laufe der ll/a bis 2 Jahre ihres Bestehens entwickelt: Brunnen wurden errichtet, Häuser erbaut, Pflanzungen und Gemüsegärten angelegt usw. Die weitere Entwicklung dieser Kolonien machte aber einen langfristigen Kredit von 30 000 Francs behufs Vollendung der-Gebäude, Errichtung des Gemeindebassins, Anlage von Röhren für die Wasserleitung zu den Gemüsegärten, Aufstellung von Motoren für das Bassin erforderlich. Den Arbeitern gelang es nun, die Anglo-Palestine Company zu bewegen, ihnen ein Darlehen auf 10 Jahre unter Garantie unseres Komitees zu gewähren. Wir haben gerne und zuversichtlich die Bürgschaft übernommen, da wir an der pünktlichen Zahlung nicht zweifeln. Als dieses Jahr der Termin für die erste Ratenzahlung für den Boden fällig war, gingen die Zahlungen ziemlich pünktlich ein. Für Ausgaben öffentlicher Natur bewilligte das Komitee auch im abgelaufenen Jahre Beiträge für die Kolonien Chederah (Arzt), Kastinie (Verko-Steuer und Schächter), Jaffa (Krankenhaus), Artuff (Grenzschutz), Ramleh (Schächter)', Jerusalem (Volkshaus). (Schluß folgt) Brief aus Konstantinopel (Von unserm Berichterstatter) Umkehr Der Pessimismus hat wieder einmal auf der ganzen Linie den Rückzug angetreten. Viele Wolken sind zerstoben, die Sonne blinzelt wieder zwischen ihnen hindurch. Das Kriegsgeschrei ist verhallt und verschollen, und ' wenn auch bulgarisch-türkische Grenzkämpfe sich ereignen, so haben sie doch nur lokalen und momentanen Charakter; und wenn auch der Wirrv/arr im Hellas immer bedrohlich bleibt, so ist doch eine Gefahr daraus für die täglich militärisch kräftiger werdende Türkei kaum noch zu deduzieren. Die Mächte erscheinen plötzlich wie verwandelt; das alte Lächeln ihrer Huld ist für das Ottomanenreich von neuem zurückgekehrt, und die beiden gefürchteten Nachbarn garantieren sich wieder einmal ihren Bestand und ihre ruhige Entwicklung. Das ist draußen; und die Türkei, im richtigen Verständnis für den Moment, beeilt sich doppelt und dreifach mit ihrer Bewaffnung, besonders durch die Flotte; sie begreift: je stärker sie wird, desto dauernder wird dieser Zustand internationaler Liebenswürdigkeit und der respektvollen Ruhe auf dem Balkan dauern. Aber auch im Innern gibt es eine Umkehr zum Guten. Nicht nur, daß die Finanzen sich erholen, auch die allgemeine Stimmung erfuhr eine merkliche Hebung. Die gefürchtete rückschrittliche Bewegung hat nicht eingesetzt. Der mutige Reaktionssenator hat sich auffallend über Zeit und Ort getäuscht; seinen gegen die Volkssouveränität gerichteten Prinzipien ist aus der Mitte seiner engsten Kollegen heraus, im türkischen Oberhause selber, eine schmähliche Niederlage bereitet worden. Die Türkei ist also wirklich weiter im freiheitlichen Geiste vorgeschritten, als man geglaubt, und wenn auch das geradezu eklatant konstitutionstreue Verhalten des Senats von Skeptikern als unaufrichtig gemeinte!* Opportunismus erklärt wird, der lediglich auf kluge Witterung der augenblicklichen Strömung zurückzuführen ist, so beweist doch gerade das, daß diese Strömungen eben der Volkssache günstig und machtvoll sein müssen. Mit Damad Ferid Paschas reaktionärem Memorandum ist aber auch seine türkisch-chauvin:stische Grundlage verurteilt Und das ist das für uns wichtigste Ergebnis dieses innerpolitischen Ereignisses. Der Senatspräsident Kutschuk Sa'fd Pascha selber hat mit großer Energie den Willen zur Einigung aller Nationalitäten und das Verhängnisvolle des gegenseitigen Mißtrauens zum Ausdruck gebracht. Männer von so großer politischer Bedeutung wie der Exminister Noradunghian und der ehemalige Großvvesir Ferid haben diese vom Geiste der Gleichheit getragenen Sätze noch energisch unterstrichen. Hiernach scheint ein neuer Versuch, die Herrschaft der „race dominante" in Form einer Benachteiligung und Unterdrückung der ottomanischen Nationalitäten zu proklamieren, so leicht nicht wieder möglich. Der für reaktionär gehaltene Senat hat damit manchem für höchst radikal geltenden Jungtürken eine kräftige Lehre gegeben. Überhaupt erhält man gegenwärtig den Eindruck, daß auf seiten der Regierenden eine ausgesprochene Umkehr in dieser Richtung vor sich gegangen ist. Und die Zeichen deuten unmißverständlich daraufhin, daß das dem neuen Großwesir zu verdanken ist. Wie seine ersten Regierungshandlungen die Mäßigung in der mazedonischen Politik und die Zurückrufung des armenischen Patriarchen gewesen, so scheint Hakki' Pascha überhaupt das Heil des Reiches in dem friedlichen Zusammenwirken der in ihren Eigenarten ungestörten verschiedenen Elemente zu erblicken. Gerade die Freundschaft des armenischen und des jüdischen Elementes scheint ihm für ein gedeihliches Leben des Staates zum Heile, jedenfalls weil diesen beiden Völkern der nationale Staat außerhalb der Grenzen fehlt und darum jeder Gedanke an irgendwelche unpatriotischen Gelüste ihrerseits als vollkommen ausgeschlossen zu erachten ist und bleibt. Wenn nicht alles trügt, hat diese Überzeugung von oben her auch in die Kreise der jungtürkischen Parlamentarier hin abgefärbt; die Erklärung des Präsidenten der Komiteepartei wenigstens aus Anlaß des Memorandums Damad Ferid Paschas ist, andern chauvinistischen Strömungen innerhalb des Komitees zum Trotz, für die Nationalitäten höchst beruhigungerweckend. Rabbi Nahum bei Hakki Pascha Der „Osmanische Lloyd" hatte am vergangenen Mittwoch die Nachricht verbreitet, daß der Großrabbiner des roten Zettels wegen dem Großwesir einen Besuch abgestattet habe, und daß dieser versprach, die Angelegenheit einer Erledigung zuzuführen. Unsere Erkundungen auf dem Großrabbinat haben die Unrichtigkeit dieser Mitteilung ergeben. Rabbi Nahum hat bei seinem dreiviertelstündigen Besuch am Sontag auf der Hohen Pforte die Frage des roten Zettels nicht berührt. Er hält sein Eintreten für dessen Abschaffung, da ottomanische Untertanen nicht von ihm betroffen werden, nicht für einen amtsoffiziellen, sondern nur offiziösen Schritt, mochte daher auf einer offiziellen Visite sich nicht auf dieses Gebiet begeben. Anderseits glaubt er zu wissen, daß diese Angelegenheiten im Turnus der vom Ministerrate zu behandelnden Gegenstände erst in etwa zwei bis drei Wochen zur Erörterung kommen werden, und er hält es für besser, bis dahin abzuwarten. Die Gegenstände der Unterhaltung des Großrabbiners mit Hakki Pascha waren vielmehr internere, lediglich die ottomanische, zum Teil hauptstädtische, Judenheit betreffende Fragen; dieselben übrigens, die eine Woche zuvor mit Talaat Bey besprochen worden waren. Es war die Rede von der Gewährung von Subventionen an die jüdischen Schulen; von der Gewährung einer Erlaubnis zur Veranstaltung einer Lotterie zu Schulzwecken; von den Plänen zur Einführung einer jüdischen Kultussteuer und vor allen Dingen von der projektierten Änderung der Chachamchanenisamnamessi, der jüdisch-kulturellen Selbstverwaltungsakte. Auch über den höfischen Rang des Chachambaschi wurde verhandelt. — Arn Donnerstag wurde Rabbi Nahum noch einmal auf die Hohe Pforte beschieden. Die jüdische Selbstverwaltung Der Großrabbiner war so freundlich, Ihrem Korrespondenten über die geplanten Reformen der Organisation der jüdischen Nation im ottomanischen Reiche seine Gedanken mitzuteilen. Es ist bekannt, daß die bisherigen Gesetzesbestimmungen, nach denen die türkischen Juden ihre Vertretung wählen und sich verwalten, nicht als Ideale zu bezeichnen sind. Im Grunde genommen sind bisher die Juden des ganzen Reiches denen der Hauptstadt gegenüber völlig ohne Recht gewesen. Die Häupter der Konstantinopler