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Die Welt · 1910-03-11 · 10 (11.3.1910) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
10 (11.3.1910)
Date
1910-03-11
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Die I. Konferenz jüdisch=nationaler Frauen Gaiiziens und der Bukowina (Von unserm Berichterstatter) Der seit zwei Jahren in Lemberg existierende zionistische Frauenverein „Kolo kobiel zydowskich" wandte sich an die in den größern Städten Gaiiziens und der Bukowina existierenden ähnlichen Frauenvereine, welche auf jüdisch-nationaler Basis stehen, und auch an einzelne bekannte jüdisch-national oder zionistisch, gesinnte Frauen mit dem Vorschlag, eine Konferenz in Lemberg zu veranstalten und die Frage einer zentralen Frauenorganisation beider Kronländer zu diskutieren. Dieser Vorschlag wurde von der großen Mehrheit akzeptiert und bald ergingen vom Ausschuß des Lemberger Frauenvereins die Einladungen zur ersten jüdischnationalen Frauenkonferenz. Die Städte Krakau, Drohobycz, Brody, Przemysl, Rzeszow, Stryj, Bolszowce, Tarnow,;Zloczöw, Kolomea, Stanislau und die Hauptstadt der Bukowina, Czernowitz, folgten dieser Einladung, und Sonntag, am 27. v. M., trat die Konferenz im großen Lesesaale des jüdisch-akademischen Studentenheims in Lemberg zusammen. An den Beratungen beteiligte sich auch Frl. Stiebe], Samariterschwester des jüdischen Krankenhauses in Jaffa, welche eine Agitationstournee in Galizien absolviert hatte. Um V2II Uhr vormittags eröffnete die Präsidentin des „Kolo kobiel zydowskich", die bekannte zionistische Vorkämpferin in Galizien, Frau Rosa Pom er an z-M elzer, die Konferenz und begrüßte die erschienenen Damen aufs herzlichste. Sie gab der aufrichtigen Zufriedenheit Ausdruck, daß die Frauen Gaiiziens und der Bukowina die Wichtigkeit dieses Momentes für die Judenfrage begriffen und durch zahlreiches Erscheinen den Beweis erbracht haben, daß sie auf der Höhe des nationalen Selbst- und Pflichtbewußtseins stehen. Nach der Wahl des Konferenzpräsidiums, welches aus den Damen: Frau Rosa Po meranz-Melzer als Präsidentin, den Frauen Budradzka (Drohobycz) und Karl Stand (Lemberg) als Vizepräsidentinnen und den Fräulein Sophie Schön feld (Lemberg), Körner (Stryj) und Pomeranz (Lemberg) als Schriftführerinnen zusammengesetzt wurde, hieß Herr Dr. Michael Ringel namens des Zentralkomitees der zionistischen Partei Gaiiziens die erste jüdisch-nationale Frauenkonferenz aufs herzlichste willkommen. Er erinnerte an das Jahr 1907, in welchem die jüdischen Frauen Gaiiziens eine große Rolle während der Reichsratswahlen gespielt und geradezu Wunder nationaler Aufopferungswilligkeit gezeigt hatten. Schon damals hatten sie den Beweis der politischen und nationalen Reife erbracht. Ein in warmen Worten gehaltener Brief des Präsidenten David Wolffsöhn wird unter großem Beifall der Konferenz und unter stürmischen Bravorufen verlesen. Hierauf referierte Frau Melzer über den ersten Punkt der Tagesordnung: „Die Gründung eines jüdisch-nationalen Frauenverbandes für Galizien und die Bukowina" und legte ein vom Ausschuß des Lemberger Frauenvereins ausgearbeitetes Statut vor, welches unter anderm auch den Passus enthielt, daß die Zentralorganisation auf Vereinen, Schekelgruppen und einzelnen Personen aufgebaut werden solle. Dieser Passus rief eine längere Debatte hervor, in welcher einige Damen sich gegen den Schekel als Bedingung der Zugehörigkeit zur Zentralorganisation aussprachen. Es wurde mit Majorität folgende Resolution der Referentiti angenommen: „Die am 27. Februar 1910 in Lemberg tagende Konferenz jüdisch-nationaler Frauen Gaiiziens und der Bukowina begründet den jüdisch - nationalen Frauen verband zur Wahrung und Pflege aller gesellschaftlichen und nationalen Interessen des jüdischen Volkes. Die Konferenz genehmigt das vorgelegte Organisationsstatut und konstituiert sich vom heutigen Tage an als einzige allgemeine Organisation der jüdisch-nationalen Frauen Gaiiziens und der Bukowina". Hierauf erstattete Frau Dr. Feu erst ein (Lemberg) das überaus interessante und für das Judentum Gaiiziens wichtige Referat über „Die Gründung eines jüdischen Pensionats in Lemberg". Die Rednerin wies darauf hin, wie sehr ein jüdisches Pensionat unseren galizischen Mädchen Not tue, wie sehr es inbezug auf nationale Erziehung das wett machen könnte, was ihnen in der Schule nicht nur nicht gegeben, sondern direkt genommen wird. Anderseits wären die jüdischen Mädchen befreit von jenen antisemitischen Chikanen und Anfeindungen, denen sie in den polnischen, selbst von jüdischen Assimilantinnen geleiteten Privat-Mittelschulen ausgesetzt sind. An dieses wie auch an das von Frau Melzer hierauf gehaltene Referat über „Jüdische Mittelschulen" knüpfte sich eine längere überaus lebhafte Debatte. Alle Rednerinnen erkannten einstimmig die Notwendigkeit und Nützlichkeit solcher Institute an, insbesondere für jene Mädchen, die zur höheren Erziehung aus der Provinz in die Hauptstadt geschickt werden und hier der gewissenhaften Aufsicht und der nationalen Ausbildung bedürfen. Viele Rednerinnen verlangten, daß man gleichzeitig sowohl an die Gründung eines Pensionats als auch eines Mädchen-Gymnasiums schreiten solle. Da jedoch die Referentin, Frau Dr. Feuerstein, die pekuniäre Unausführbarkeit darlegte und mitteilte, daß die Aktivierung des Pensionats bereits für den Herbst dieses Jahres geplant werde, wurde der erste Antrag der Referentin einstimmig akzeptiert und ein Gründungskomitee, bestehend aus 7 Damen, eingesetzt. Ferner wurde ein Komitee gewählt, welches die Vorarbeiten zur Gründung eines jüdischen Mädchen-Gymnasiums durchführen soll. Über den nächsten Punkt der Tagesordnung: „Der Anteil der jüdischen Frauen an der Palästinaarbeit" referierte Frau Karl (Lemberg), und über „Die Agitation für die Postulate der Frauenorganisation" Frl. Haecker (Krakau). Während der Diskussion über den zweiten Punkt wurde die Frage, ob die Frauenorganisation offiziell der zionistischen Organisation angehören solle, aufgerollt. Viele Rednerinnen traten aus Opportunitätsrücksichten dagegen auf. Die Frauen Dr. Wurzel (Stryj) und Blum (Czernowitz) traten jedoch ganz entschieden und rückhaltlos für die offizielle Angliederung ein und verlangten außerdem, daß die Galizisch-Bukowinische Frauenorganisation die Bildung einer autonomen Föderation innerhalb der zionistischen Weltorganisation anstreben solle. Nach den Schlußausführungen des Herrn Gg. Salomon Schiller ist schließlich der Beitritt zur zionistischen Partei mit 22 gegen 8 Stimmen beschlossen worden. Sodann hielt noch Frau Dr. Rosenmann (Stryj) das Referat über „Jüdische Kindergärten" und Frl. Segal (Lemberg) über: „Die Erziehung im jüdischen Geiste", worauf einige diesbezügliche wie auch bezüglich der Palästinaarbeit gestellte Anträge zum Beschlüsse erhoben wurden. Die Wahlen in die Leitung der Frauenorganisation ergaben folgendes Resultat: die Frauen: Pomeranz-Melzer, Dr. Feuerstein, Dr. Zipper, Dr. Schönfeld, Dr. Buchstab, Stand und Frl. Back (alle in Lemberg); ferner Fr. Dr. Rosen mann (Stryj), Fr. Budra-dzka (Drohobycz), Fr. Blum (Czernowitz), Frl. Haecker und Gleicher (Krakau), Fr. Bierer (Rzeszow), Fr. Schönfeld und Dr. Salz (Tarnow), Fr. Dr. Meller-Füllenbaum (Stanislau), Fr. Dr. Waldmann (Tarnopol), Fr. Dr. Syrop (Neusandez), Fr. Born stein (Dembitz), Fr. Dr. Rosen heck (Kolomea) und Fr. Moses (Brody). Bevor die erste jüdisch-nationale Frauenkonferenz von der Präsidentin, Frau Pomeranz-Melzer, geschlossen wurde, beleuchtete Frl. Stiebel, Samaritersch wester des jüdischen Krankenhauses in Jaffa, in einem kurzen Referate die sanitären Verhältnisse in Palästina und forderte die Frauen zur kräftigsten Unterstützung „der Frauenorganisation für Kulturarbeit in Palästina" auf. Frl. Stiebel erwarb bei dieser Gelegenheit einige Mitglieder. Die II. Weltkonferenz des universellen jüdischen sozialistischen Arbeiterverbandes Poale=Zion (Schluß) Nach einem Referate Dr. Ignaz Schippers über die jüdische Emigration sprach sich die Konferenz für die Einberufung eines allweltlichen jüdischen Emigrationskongresses aus sowie für die Schaffung einer Volksorganisation zur Regelung der Emigration. Dr. Syrkin, der als einer der Einberufer der New-Yorker Vereinskonferenzen Gegenstand herzlicher Ovationen der Konferenzdelegierten und der Zuhörerschaft war, erstattete ein Referat über die Stellung zum Zionistenkongreß und befürwortete die Zugehörigkeit zur zionistischen Organisation. Es wurde folgende Resolution angenommen: „In Erwägung, daß die Entfaltung der Produktivkräfte des Landes Palästina eine Voraussetzung der territorialen Lösung der Judenfrage ist,. daß die Tätigkeit gesellschaftlicher und nationaler Organisationen einen bedeutenden Faktor'für die * Organisierung der Wirtschaftskräfte, für die Gestaltung der Besitz- und Eigentumsverhältnisse und die Regulierung der Einwanderung in Palästina bildet, bestätigt die II. Weltkonferenz den Beschluß der Konferenz im Haag, der zionistischen Organisation auf föderativer Grundlage beizutreten, ermächtigt die Zentralkomitees und Exekutiven der Landesparteien, das Verbandsbureau in der Organisierung einer Vertretung des Verbandes an den Zionistenkongressen tatkräftig zu unterstützen, und erblickt darin ein Mittel zur Wahrnehmung der Jnteressen der einwandernden jüdischen Arbeiter in Palästina." Zum Punkt der Tagesordnung „Stellung zur sozialistischen Internationale" wird in einer Entschließung das „Recht des territorial zerstreuten, aber durch gemeinsame Produktions- und Lebensbedingungen, gemeinsame Geschichte, Sitte und Kultur geeinten jüdischen Proletariats" auf eine Vertretung in dem Internationalen sozialistischen Bureau betont und die Schaffung einer jüdischenSektion innerhalb der internationalen Arbeiter-Association verlangt.

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