Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 10 (11.3.1910)
- Date
- 1910-03-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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iio ..... .........- . ......- 1 ■•= die^ Armer Ben Uri! Nacht für Nacht, wenn die andern Menschen schlafen, geht er und hängt sich an den Atem der Nacht, auf die Berge trägt ihn sein Fuß und zwischen den Sternen irren seine Blicke. Ja, man erzählt, daß sie ihn einmal zwischen den Gräbern am Ölberge auftauchen sahen, denn er pflegt die Toten zu befragen. Die Toten aber, — sie mögen in Frieden ruhen, „wird dich denn ihr Staub belehren und dir Wahrheit künden?" Aber die Lebenden, warum schwinden sie und siechen ohne Hoffnung? Warum werden sie begraben und ersticken mitten im Singen? Und wo, wo weilt Ben Uri jetzt? Zwischen den Bäumen des Gartens schläft der Künstler noch und träumt. Traum und Schmerz mischen sich in ihm, Schmerz und tiefes Weh. Von einer Harfe träumt er, deren Saiten zerrissen und deren Klänge verstummt sind und nach einem andern Orte schwebten, und die Harfe liegt da wie ein wertloses Gefäß, indes ihre Klänge in der Welt umherschweben und vergebens suchen nach einer Ruhestatt in irgend einem Herzen, in irgendeiner Seele der Welt . . . Und zu der gleichen Stunde gibt es eine Seele, eine heilige, reine Seele, die nach jenen Klängen Wunsch und Sehnsucht hegt, — aber sie ist gefangen, und ihre Gefangenschaft errichtet eine Scheidewand vor dieser teuren Seele, nach der er, Ben Uri, so sehr Wunsch und Sehnsucht hegt, und die er ruft und zu der er so voll Liebe fleht: „Dinah! Dinah!" .... Und dort im Hofe liegt die Lade. Der Fürst der Nacht hat seine schweren, dunklen Flügel über sie gebreitet, und die Löwen und Parden sind von seinen Schatten bedeckt. Nur ein weicher Mond tritt hoch am Himmel zwischen den Wolken hervor, und ein zweiter blickt aus dem erhellten Teich im Blumengarten, und beide stehen einander gegenüber, zwei Sabbatlichtern gleich, und die Lade dazwischen wie ein junges Weib, das seine Hände darüber breitet, ein leises Beten im Munde; noch scheut sie sich, den Namen ihres Gatten zu nennen; nur ihre Brüste, die zwei Bundestafeln, erheben sich mit ihrem Herzen flehend zu Gott im Himmel: „Herr der Welt! Diese Seele, die du ihm eingehaucht, hast (Ju aus seinem Innern genommen, und jetzt liegt er vor dir wie ein Körper ohne Seele. Und dort Dinah die Fromme — , ihre Seele wandelt hüllenlos — warum kannst du nicht seinen Körper mit dieser Seele füllen? Wie lange noch sind die Seelen deiner Welt gegeneinander verbannt, und das Lied deines Tempels ist nur trüben Sinnes voll?" Und eine Stimme kommt und will antworten. Doch ihre Antwort ward unterbrochen durch die Stimmen der Juden, welche jubelnd herbeikamen, um die heilige Lade aus dem Zimmer des Künstlers zu holen und ins Gotteshaus zu bringen. Wie sie aber eintraten und den Platz leer fanden, die Gotteslade verschwunden, — da gerieten sie alle in Bestürzung, zitterten und begannen zu schreien: „Wohin ward die ^ELT -—- - . ■•- No. 10 Lade genommen?" Und siehe, da erblickten sie die Lade, herabgefallen hinter dem Fenster, im Hofe liegend, einer Töten gleich . . . Ist dies nicht ein Fingerzeig Gottes? Und nun begannen die Leute über den Schöpfer der Lade zu schmälen. Ein nichtswürdiger, gewiß ein böser Mensch, dessen Hände nicht würdig waren, das heilige Werk zu schaffen, und nun er es schon geschaffen, hat es der Himmel von sich gestoßen . . . Einen heftigen Fluch stoßen zu dieser Stunde die Lippen der Eiferer gegen den Meister aus, ja selbst der Lade begegnen sie mit Haß statt mit Liebe, sie erblicken in ihr ein Erinnerungszeichen der Sünde, das nur gekommen war, Klage zu führen wider die Gemeinde Jakobs .... Der Rabbi entschied, die Lade zu begraben. Und sogleich kamen zwei Araber, hoben die Lade auf, trugen sie in einen Winkel des Holzhauses, — und schwere Sorge belastete jedes Herz. Mit gepreßter Seele gingen sie von dannen, verhüllten Hauptes. Im äußersten Osten wird ein Purpursaum sichtbar. Er verbreitert und entzündet sich. Dann fließt er in einem Goldstrome die bleichen Körper der Nachtwolken entlang. Und als die Sonne machtvoll hervorkam, erwachten die Männer Jerusalems und erinnerten sich an einen bösen Traum, der sie in jener Nacht geäfft hatte. . . . Begraben war die Lade, und die Freude dahin. Der Künstler war verschwunden, und keiner wußte, wohin. Und im Hause des Edlen herrschte die Sorge, und ein Geist der Traurigkeit schwebte über allem. Durch das Fenster blickt Dinah Tag und Nacht. Ihr Angesicht ist bleich geworden und ihre Augen scheinen gleichsam etwas suchen zu wollen und davor zurückzuscheuen, sie hebt ihre Blicke in die Höhe und senkt sie sofort wieder wie eine Sünderin. Und der ehrwürdige Rabbi Achieser ist voll Sorge und Kümmernis. Ein böses Vorzeichen sieht er in jenem Ereignis. Und das Gebethaus, welches er erbaut hat, ist noch leer, ohne Lade und Torahrollen und ohne Gebet. Dann raffte sich der würdige Rabbi auf, besorgte eine andere Lade anstatt der Ben Uris, stellte sie in das Gebethaus — sie aber erscheint nur wie ein Denkmal der Zerstörung. In diesem Hause, in dem die kunstfertige Hand Ben Uris ihre sichtbaren Spuren ließ, erscheint diese Lade wie ein Fremdling, der ins Heiligtum gedrungen, und das Heiligtum selbst trauert ob seiner Schändung und schweigt in seiner Scham. Man geht hin zu beten, und eine Melancholie schwebt über der Betergemeinde. Es scheint, als ob die Decke und die Wände des Hauses in Traurigkeit getaucht wären. Und wen die reine Gottesfurcht erfaßt hat, der geht still von dannen und betritt irgend ein anderes, ärmliches und dürftiges Gotteshaus, um dort zu beten. (Fortsetzung folgt)