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Die Welt · 1910-03-11 · 10 (11.3.1910) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
10 (11.3.1910)
Date
1910-03-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Es ist auch eine Tatsache, daß z. B. der deutsche Jude aus dem Borne der deutschen Kultur getrunken hat und individuell sogar darauf stolz sein kann, jene geistigen Güter in sich aufgenommen zu haben. Ist es eine Kulturketzerei, trotzdem zu leugnen, daß er ein Recht habe, — nicht der Zionist, sondern der Jude, — sich als Kulturdeutschen im tiefern Sinne zu bezeichnen? Er hat aus jenem Borne getrunken, aber er ist nicht selbst jener Born. Er wird bei tieferer Selbstanalyse finden, daß er in allen Richtungen seines Schaffens mehr in jener großen, alle Nationen umfassenden Kulturgemeinschaft steht als in der engen sichern Wurzelhaftigkeit des umgebenden Lebens. Mit Recht haben es daher die Vertreter der altern Emanzipation zumeist vermieden, sich Deutsche, Franzosen usw. zu nennen, sie brauchten ein allgemeines Menschentum, um das eigene nationale Sein unwillkürlich zu verdecken und doch wenigstens in ihren Beziehungen zur nichtjüdischen Umwelt ehrlich bleiben zu können. Darum ist der Jude in Deutschland Kulturmensch, deutscher Staatsbürger und in gewißem Sinne — nationslos, Deutscher doch eigentlich nur in jenem Grade, in dem Friedrich der Große ein Franzose oder Goethe ein Hellene war. Es ist kein Zufall, daß der Jude — mit wenigen Ausnahmen — kein wurzelhafter, harmonischer Künstler, kein nationaler Politiker im Geiste des umgebenden Volkes, kein nationaler Bauer und selbst Arbeiter wird. Als Künstler besitzt er z. B. entweder eine mitunter wertvolle fremde Note, oder ist derart verinnerlicht, daß das Irdisch- Wurzelhafte nicht an ihn heranreicht. Kultur besteht nicht nur als Höhe, sondern auch als Eigenart. Jene greift über von Volk zu Volk, und in diesem Sinne könnten wir auch in Palästina eine jüdische Kultur an einer andern europäischen entwickeln. Diese aber ist nichts anderes als das Geistige im Volke, seine Art und Form, die sich nun entweder verlieren oder in sich sammeln kann. Nur eine, wenn auch rudimentäre jüdische Kultur kann sich zum freien jüdischen Kulturleben entfalten; auch nicht die Goluskultur des Ostens, sondern jenes Urstammliche, das auch in unserem Blute noch lebt. Nicht der Talmud, sondern die Bibel, nicht der Jargon, sondern das Hebräische, nicht die Schilderer des Golusvolkes, sondern die Dichter der Zukunft, nicht die sozialistischen Theoretiker, sondern die sozialen Schöpfer. Wo immer diese schöpferischen Kräfte oder Keime solcher Kräfte in stärkerm Maße entwickelt seien, — ihre Lebensbedeutung werden sie ja erst dann bewähren, wenn sie auf eignen Boden fallen, die natürlichen Bedingungen ihrer Entwicklung finden. Dann aber wird sich ein schöpferischer Patriotismus entwickeln, allerdings „ein Gefühl auf Vorschuß", ein „Kinderlandsgefühl", um mit Nietzsche zu sprechen. Wer noch dem alten Stamme solche Lebenskraft zutrauen wird, im Westen oder im Osten, wird Zionist sein, wird selbst im neuen Zion leben, wenn er auch vielleicht persönlich niemals seine Koffer packen wird. Denn er wird dann auch den andern in jenem Sinne helfen, daß er sein Erneuerungswerk schafft in dem ökonomischen, sozialen, kulturellen Erneuerungswerke seines Volkes. Dann mag sich seine Gesinnung eventuell nur in finanziellen Beiträgen äußern, er wird mit diesen selbst sozusagen den Boden pflügen, an der Erreichung ihres Sinnes und Zieles mitschaffen. Er wird Zionist sein aus seinem Nationalbewußtsein her, und dies ist nichts anderes als das lebendige nationale Sein, das nur Eines und ein Ganzes ist. f□□□□□□ tV £5=^ FEUILLETON SEELENVERBANNUNG (Eine Geschichte aus dem heiligen Lande) Aus dem Hebräischen des Sch. J. Agnon übertragen von Ernst Müller (Fortsetzung) o □□□□□ *v B III. Auf ihrem Lager ruht Dinah des Nachts, ihr Herz ist wach und pocht in ihr erbarmungslos. Ein Feuer der Hölle geht von ihrem Innern aus und verzehrt sie. Groß ist ihr Leid, und ihre Schuld unerträglich. Sie verbirgt vor Schmerz und Scham ihr Angesicht im Kissen — und kann nicht weinen. Ihre Sünde steht vor ihr wie ein richtender Engel mit gezücktem Schwert und sinnt Böses über sie. Wer weiß, was er ihr noch bereiten wird? Wohin wird sie zu ihrer Rettung fliehen? wo Zuflucht suchen? Sie fürchtet, ja sie fürchtet und scheut sich sogar vor einem Gedanken des Gebets; wie wird sie ihr Auge in die Höhe heben können, um Erbarmen zu erflehen von dem Allerbarmer? Verlassen ist sie, verirrt, einsam, preisgegeben dem bösen Feind, der so Schlimmes ihr ersann, als sie nicht ahnen konnte. Dinah sprang von ihrem Bett, zündete ein Licht an und erblickte den großen Spiegel an der Wand ihres Zimmers. Das war der Spiegel ihrer Mutter gewesen, und nichts blieb mehr darin von ihrem leuchtend schönen Angesicht. Und Dinah weiß: wenn sie vor ihm stehen wird, wird er ihr nur das Antlitz einer Sünderin zeigen. „Mutter! Mutter!" schreit da ihr Herz auf, sie sehnt sich nach der Nähe einer liebenden Seele, daß sie vor ihr niedersinke*und ihr bitteres Herz ergieße — und sie findet keine . . . Und ihr Vater? Es gab Tage, da er sie zu streicheln pflegte und auf die Stirne küßte, und auch sie küßte sein Angesicht, seine Hände, jeden Finger besonders. Damals vielleicht konnte er sie verstehen, sie trösten, aber jetzt ist der beiden Mund gegeneinander verschlossen, denn nicht ziemt einer erwachsenen Tochter kindische Art . . . Dann erinnert sie sich an den letzten Kuß ihres Vaters, das war in jener Stunde gewesen; da er ihr mitteilte, daß sie — zu gutem Glücke verlobt sei . . . Und dieses Glück hatte mit Flammen und fremdartiger Glut begonnen und endet mit schwarzem, stickendem Rauche, der ihr Leben für ewig verfinstert . . . Stumm sitzt sie vor dem Fenster, ihr Haupt in die Hand gesenkt. Jerusalems Berge umgeben sie, und von den Bergen her weht durch die Nacht ein Hauch des Paradieses, weht und dringt in ihr Zimmer, verlöscht das Licht wie vor einem Kranken, damit er schlafen könne, mischt sich in ihr Haar und durchstreicht ihren Scheitel, und es ist, als ob dieser Windhauch Melodien in sich trüge, — vielleicht von den Melodien Ben Uris? 2

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