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Die Welt · 1910-03-11 · 10 (11.3.1910) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
10 (11.3.1910)
Date
1910-03-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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208 — dies; gefühl stark, allgemein, unwidersprochen war. Ja, die Argumentation des Zionismus den Assimilanten gegenüber: „Ihr tut unrecht' denn ihr seid noch Juden" wäre in Grund und Folge falsch gewesen. Eine bloße Rückwendimg hätte wirklich Rückkehr ins Ghetto heißen müssen, in das reine Volksleben verkümmerter Form. Indem aber der Zionismus dieses ablehnte, wäre er sinnlos gewesen, und da er sich gegen das bloß pietätvolle Stammesgefühl gleichfalls abgrenzte, in sich selbst widersprechend. Es mußte also der Zionismus noch etwas anderes bedeuten. Natürlich — den „Judenstaat", die Heimstätte für die „östlichen Brüder", Zion. Also, nur für die östlichen Brüder, für jene, die in Not und Druck verkümmern, für die Opfer der Pogrome, des wirtschaftlichen Dauerpogroms und der inneren Verwahrlosung. Berief man nur dafür die Kongresse? Hieß es darum „Auf, mein Volk?" Unser großer Führer sagte ja selbst einmal: Politik ist — Philanthropie im großen. Wir glaubten die Wege schaffen zu können, einem jüdischen Volke eine Heimat zu geben. Statt wie Rothschild ein paar Auswanderern eine kleine Kolonie, Hunderttausenden Ostjuden ein ganzes Land. Geben umfaßt „Geben" und „Nehmen". Vielleicht mochte man damals jene für die Zionisten halten, diese für die armen Auswanderer, die wir nach Zion führen, das jüdische „Volk"? Merkwürdigerweise gebrauchte man oft andere Ausdrucksweisen, sprach vom westlichen Antisemitismus als einem Motive der Wanderung, in der Tat, eine Übertreibung und Inkonsequenz; sprach aber vom Antisemitismus als einem Symptome einer unnatürlichen Völkerbeziehung; sprach wieder vom zionistischen Ideal, als ob es unser innigstes Streben wäre, ein neues jüdisches Gemeinwesen nicht nur äußerlich zu zimmern, sondern selbst aufzubauen, als dessen künftige Glieder, als Hände oder als Köpfe. Herzls „Altneuland", das von den Kulturzionisten so heftig angegriffene Buch, kennt keinen andern Zionismus als den persönlichen. Manche Leute vergessen es, daß sechsunddreißig vor Theodor Herzl, achtzehn Jahre vor der Gründung der ersten Kolonie in Palästina ein deutscher Jude aus der Emanzipaton des Individuums (natürlich nur in den westlichen Ländern) die Selbstemanzipation des jüdischen Volkes und Rückkehr in sein Urväterland folgerte. Und wozu die ganze „Bewegung" des Zionismus? Nur wegen des theoretischen Judenstaats? Und heute glauben wir ja an diesen nicht mehr, das heißt, nicht an die Staatsform, wenn man nicht unter Staat ein gesellschaftliches Gemeinwesen versteht, das frei in seiner Eigenart und Kultur leben kann. Aber hier liegt eben der springende Punkt. „Wir wollen eben das alte, edle Reis des Stammes wieder in seine Muttererde senken, damit es zum weithin schattenden Riesenbaume eines verjüngten Volkes heranwachse, der die Blüten und Früchte einer neuen, hohen, jüdisch-nationalen Kultur trage." Es gilt also noch etwas anderes als Philanthropie, als Stammesgefühl, auch als jüdisches Volksleben der Gegenwart. Es gilt Wiederweckung einer Nation, einer Kultur. Aber die Frage bleibt: Wer kann eine Nation, eine nationale Kultur neuwecken? Sicherlich nur ein Lebendiges in der Nation, in der Kultur selbst. Ein Lebendiges, wenn auch Schlummerndes, ein Innerliches, das beweist, daß dieses Volk nicht nur ein absterbender Stamm und nicht nur der Träger matter Blüten und saftloser Früchte eines ungesunden „Volkslebens" ist, sondern von neuen Säften erfüllt, von einem neuen Wollen und Sireben, das jenes Stammes- und jenes Volksgefühl zugleich vollendet und überwindet. Und jene Menschen, in welchen sich aktiv oder passiv dieses neue Wollen verkörpert, sind die Zionisten. Es sind die nach Zion strebenden, nicht die das Streben als letztes Ideal erstrebenden. Es sind die Schaffenden oder in irgend einer Form Mitschaffenden, nicht die redlichen Zuschauer, die jenes Schaffen nicht leugnen können. Es sind jene, die nicht ein Ideal für andere haben, sondern ein Ideal für die Gesamtheit, die sie und die andern umfaßt. :ELT ' —• ■ ■ - No. 10 Es ist wahr, daß die Westjuden mehr ein Vergangenheits-' also Stammesbewußtsein, die Ostjuden mehr ein gegenwärtiges Volksleben, also Volksbewußtsein vereinigt. Dieser Gegensatz macht sich auch noch in bezug auf die Wege zum Zionismus geltend, gilt aber nicht mehr für dessen Wege und Ziele. Denn es läßt sich die Behauptung aufstellen, daß auch noch eine ungeheure Kluft besteht zwischen ostjüdischem Gegenwartsleben und dem, was wir als künftiges jüdisches Volksleben betrachten. Es ist vielleicht der schroffste Gegensatz in der ganzenjüdischen Geschichte, — gegen den der Gegensatz zwischen Ost- und Westjudentum geradezu ein minimaler ist. Freilich kann nicht geleugnet werden, daß der Osten eben in weit überwiegendem Maße die ökonomischen und auch die kulturellen Realfaktoren für den Wiederaufbau eines palästinensischen Gemeinwesens liefert, in einem Ausmaß, das zwar auch im Verhältnis zum großen Ostjudentum noch gering ist, aber die Teilnahme des Westjudentums bei weitem übertrifft. Die westlichen Juden, auch ein großer Teil der Zionisten, — kein so großer, als es noch vor einigen Jahren schien, — beabsichtigen nicht zu emigrieren. Das ist eine Tatsache, die aber keinen Anlaß gibt zu einem andern zionistischen Grundprinzip. Übrigens sind ja auch von den Ostjuden nur jene als Bauelemente eines neuen Lebens in Palästina zu betrachten, die nicht bloß aus persönlich-ökonomischen Gründen hingewandert sind. Es wäre eine prinzipiell falsche Auffassung, wenn diese auch unbewußt in manchen russischen Palästinensern zum Ausdruck kommt, daß Palästina ein Land von Östlern werden soll. Die Renaissance des Judentums ist kein ostjüdisches, vielmehr ein reinjüdisches Ideal, ursprünglicher als die temporäre Scheidung von Ost und West, die angesichts der vielfach abgestuften orientalischen Judenheit um so oberflächlicher wird. Renaissance ist die Hoffnung des Gesamtjudentums und kann nur aus dem gemeinsamen Stamme wachsen. Vielleicht mögen Zweige des Stammes die Verjüngung in stärkerm Grade zeigen, — zumal die kräftigsten Zweige, — diese Verjüngung ist aber nur dann voll und echt, wenn sie den großen Stamm ergreifen kann. Dies ist vielleicht heute noch in geringerm Grade der Fall, gestattet uns Westjuden aber nicht, uns prinzipiell, auszuscheiden. Ja, noch mehr! Das Ostjudentum kann vielleicht kulturell nicht allein das ganze Judentumsproblem, das Problem der neuen Gemeinschaft lösen. Es wird bauende Kräfte im Westjudentum geben, welche anders differenziert oder im Ostjudentum schwächer vertreten sind — ebenso wie umgekehrt — und die auch mit zu den integrierenden Bestandteilen am künftigen Aufbau gehören. Dies dürfte sich kaum von der Auffassung Oppenheimers unterscheiden. Wesentlich aber ist, daß diese Kräfte mit zu der innern Selbstumgestaltung der jüdischen Nation gehören, als Kräfte, die aus ihr stammen, in ihr wirken und in ihr Schicksal münden. Und das Werk des Zionismus wird wahrscheinlich eine Synthese aller dieser Kräfte sein. Fürchten wir nicht, daß die hier Verbleibenden darum schlechtere Bürger unserer Geburtsländer gescholten werden! Es ist wohl ein heikel Ding, über Fragen des Patriotismus zu sprechen. Aber die Aufrichtigkeit erfordert es doch, zweierlei zu unterscheiden: Bürgerpflicht und Nationalgefühl. Der Staat erhebt mit Recht Forderung auf erstere, nicht auf letzteres. „Sorge für das Wohl des Staates,' in welchem du lebst." Empfindest du mehr als dies, um so besser! Es gibt keine Pflichten, keine Ansprüche und auch keine Verdienste in bezug auf das Gefühl für heimisches Land, Volksleben, Kultur. Auch für den künftigen Bürger eines jüdischen Gemeinwesens kann es keine derartigen Pflichten geben. Es gibt viele Zionisten, die die Schweizer Landschaft innig lieben, andere, die deutsche Pünktlichkeit als Ideal verehren, andere, Ostjuden, die nach — Rußland ein sonderbares Heimweh überall mit sich tragen. Es gibt hier keine Gebote, sondern nur Tatsachen.

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