Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 10 (11.3.1910)
- Date
- 1910-03-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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und im Kreise seiner Familie zur Belustigung der Anwesenden.- Ein Dummkopf, der die Kunst polnischer gleißender Heuchelei nicht ganz beherrscht, redet mitunter von der Leber, wie der Richter Juszkie wicz, dann nennt ihn Se. Exzellenz schonend einen „Schlemasl" . . . Galizisch-polnische Idylle. Die Judentaufe vom Standpunkte des Staatsbürgertums Daß deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens sich taufen lassen, — das geht scheinbar auch ihren Rabbinern schon zu weit. Und sie klagten darüber in einer vom „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" unlängst veranstalteten Versammlung. Wir vermögen zwar nicht zu entscheiden, ob sie die Judentaufe überhaupt, die im Grunde genommen eine zu naheliegende Konsequenz ihrer erzieherischen Methode, man möchte fast sagen: ihrer Predigten ist, oder nur den hohen Grad dieses im Zunehmen begriffenen Abfalles vom Judentum verurteilen. Jedenfalls sind die Gründe, die sie in der besagten Versammlung gegen die Taufe vorzubringen hatten, nicht ohne Interesse. Herr Rabbiner Werner-München wies auf den politischen Fehler hin, der mit dem Übertritt der Juden zum Christentum begangen wird. Durch diesen Übertritt, meint er, werden die Juden in ihrem Kampfe um die Gleichberechtigung geschwächt und dem Antisemitismus preisgegeben. Es hat also den Anschein, als sei die Taufe nicht schon an sich eine Schandtat, sondern aus Rücksicht auf die politische Stellung der Judenheit als schädlich zu verwerfen. Dieses sozial-politische Motiv, wie lobenswert es auch sein mag, scheint aber nicht minder auch für die Taufe zu sprechen: durch sie erlangt der einzelne die Gleichberechtigung, — warum soll nicht auch die Gesamtheit auf diesem Wege die Gleichberechtigung erreichen? Wahrlich, es müssen schon andere Gründe gegen die Taufe existieren, Gründe, die tiefer sind als diese politischen Rücksichten ... „Paris oder Berlin" Die in Tunis erscheinende Wochenschrift „Le D6fenseur" enthält in ihrer letzten Nummer einen bemerkenswerten Artikel unter der Überschrift: „In Paris oder in Berlin?" Es handelt sich um einen unglückseligen Ausdruck, der Herrn Di. Jacques Cholem - anläßlich der Einweihung der Alliance-Abteilung in Tunis entschlüpft ist. „Der französische Unterricht der israelitischen Knaben", sagte Herr Cholem unter anderm, „befindet sich in den Händen einer Gesellschaft, die ihren Sitz in Paris und Berlin hat" Das genügte, um den Artikelschreiber, einen Tuneser Israeliten, in seinem französischen Patriotismus aufs tiefste zu kränken. Mit Entrüstung wendet er sich gegen die Zumutung, als sei die Tätigkeit der Alliance auch vom . deutschen Geist inspiriert, und sagt: „Was, Berlin? Sie wissen ganz gut, Herr Jaques Cholem, daß das Werk der Alliance überall, wo sie tätig ist, ausschließlich vom französischen Geiste durchdrungen ist; daß die Alliance diesen Geist durch ihren Unterricht in der französischen Sprache allerorten zu verbreiten bestrebt ist; Sie wissen auch ganz gut, daß Herr Professor Bigot auf seiner Orientreise die Überzeugung gewonnen hat, daß die Allianz hier einen Hauptfaktor in der Erweiterung und Vertiefung des französischen Einflusses bildet." Der Artikel schließt mit den pathetischen Worten: „Nun haben Leute, die von der Alliance ausgebildet wurden, und denen sie den Weg zur Zivilisation bahnte, die Verkennung und Verleumdung ihrer Wohltäterin durch einen tunesischen Juden, also einen aus ihrer Mitte, in Gegenwart von Franzosen angehört, ohne sich beleidigt zu fühlen und ohne daran zu denken, gegen diese Schmähungen zu protestieren ..." Man kann sich des Gefühls der Bewunderung für die Tätigkeit der Alliance nicht erwehren, wenn man sieht, wie gut sie es verstanden hat, den französischen Patriotismus und Enthusiasmus unter ihren Zöglingen zu verbreiten und wachzuhalten . . . EINE REDE DES ABGEORDNETEN STAND Im Laufe der B u d g e t deb at t e, die im österreichischen Reichsrat geführt wurde, nahm am 2. März Abgeordneter Adolf Stand als Sprecher des jüdischen Klubs das Wort. Nachdem er einige allgemeine Fragen besprochen hatte, führte er weitet* aus: „Ich als jüdischer Vertreter muß sagen, wir stehen dieser Regierung mit Mißtrauen gegenüber; denn wenn wir uns das Budget für das Jahr 1910 anschauen, so sehen wir, es ist ganz so wie früher. Übergehung der Juden im Budget Wir sehen zum Beispiel, daß für die evangelische Konfession für das Jahr 1910 ein Betrag von 725 464 Kr. eingestellt ist und dabei gibt es doch nur eine halbe Million Evangelischer in Österreich. Für die Griechischkatholischen sind 299 983 Kr. eingestellt und deren gibt es 600 000 Jn Österreich, und für uns, die wir 1 V4 Millionen Menschen in Österreich sind, für uns gibt es überhaupt gar keinen Heller im Budget, ja wir figurieren überhaupt nicht im österreichischen Budget. Diesen Zustand — das erklären wir ganz offen, — können wir nicht dulden. Es handelt sich da nicht so sehr um die materielle Seite, obzwar auch wir materielle Mittel sehr benötigen, sondern es handelt sich auch um die moralische Seite, nämlich darum, daß wir direkt ausgeschaltet werden, daß man uns nur dort kennt, wo es sich um unsere Pflichten handelt, daß man uns aber absolut nicht kennen will, wo es sich um unsere Rechte handelt. Wir werden so lange der Regierung jeden Kredit verweigern und streng oppositionell ihr gegenüberstehen, solange wir nicht anerkannt werden, und solange nicht im Budget irgendeine Post für uns, die wir ja doch 1Millionen Steuerzahler und unsere Söhne Soldaten sind, erscheinen wird . . . (Zwischenrufe. — Abgeordneter Kuranda: Wir Westjuden stehen nicht auf dem Standpunkte, daß wir Almosen in konfessionellen Sachen brauchen!) . . . Pardon, das ist kein Almosen! Als Bürger des Staates, die wir dem Staate Soldaten und Geld geben, haben wir die Pflicht, das zu verlangen, und jede Konfession bekommt es, da gibt es keine Almosen! (Zwischenrufe.) Wenn wir zum Beispiel die Anstellung der Beamten ansehen, so finden wir, daß auf diesem ganzen Gebiete die Juden überhaupt ausgeschaltet sind. Auf dem Gebiete der politischen Verwaltung gibt es überhaupt keinen Juden. Beim Miiitärauditoriat . . . (Rufe: Oho!) Bei der politischen Verwaltung? Ich bitte, in Galizien z. B. haben sie in der Statthalterei keinen Juden und auch hier nicht . . . Die Getauften (Abgeordneter Dr. Ritter v. Korytowski: Meschumodiin gibt es genug! — Zwischenrufe.) . . . Meschumodiin gibt es genug, wie Exzellenz Korytowski sagt. Aber, meine Herren, tauschen wir einmal: Nehmen Sie sich die Meschumodim und geben Sie dafür wirklichen Juden die Posten! Exzellenz Korytowski sagt: Meschumodim — das heißt Getaufte, sind genug. Das ist aber das Traurige, daß man von einem Menschen verlangt, daß er zuerst eine Ehrlosigkeit begehe und seine Nation beschimpfe und ihn dann erst anstellt. Sie machen gerade die minderwertigsten Elemente, das heißt die Renegaten zu Beamten, und das ist gerade dasjenige, wogegen wir uns nicht nur in finanzieller, sondern auch in ethischer Hinsicht wenden. Die Meschumodim sollten ganz ausgeschaltet werden. (Lebhafte Zwischenrufe.) Exzellenz, Sie haben recht, — aber ich meine die politische Verwaltung, ich meine das Miiitärauditoriat . . . (Abgeordneter Malik: Wie schaut es in der Arbeiterschaft aus? Unter 39 000 Arbeitern in Nordböhmen sind sieben Juden! (Heiterkeit und lebhafte Zwischenrufe.) . . . Schauen Sie sich die Talesweber in Kolomea an, gehen Sie nach Brody und Tarnopol, Herr Malik, kommen Sie nach Boryslaw, da werden Sie sehen, wie die Juden in den Gruben arbeiten.