Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 10 (11.3.1910)
- Date
- 1910-03-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING 31 ELT ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XIV. JAHRG. KÖLN, 11. März 1910 imr6 ND"nn'x "-in "b (MO. 10, REVUE DER WOCHE □ □□□□]) O Das Ende der österreichischen Liberalen In der tiefsten Stille und Verborgenheit, von der Presse außerhalb Österreichs unbemerkt, hat sich dort ein Ereignis vollzogen, das bedeutungsvoll als Folge des allgemeinen Wahlrechts das Leben der Juden in der großen Donaumonarchie sehr tief aufwühlen wird: die deutschfortschrittliche Partei des Reichsrats hat sich aufgelöst und ihre Mitglieder sind in den deutschen Nationalverband eingetreten. Vorbehaltlos, d. h. das Schicksal des sogen. Judenpunktes, den einst der Abg. Dr. Pergelt auf die Tagesordnung der asemitischen Parteitagungen stellte, ist entschieden. Die deutsche Nation in Österreich hat mit den Juden nichts mehr zu tun als — ihre Stimmen in Böhmen und Mähren gnädig anzunehmen. Die Juden haben in des Wortes einfachster Bedeutung nur mehr zu wählen. Das allgemeine Wahlrecht hat mit vielen Halbheiten in Österreich aufgeräumt. Es hat aber gerade auf dem Gebiet, auf dem man seine Wirkung unmittelbar erhoffte, in den nationalen Streitfragen, nicht die erwartete Ablösung durch die allgemein wirtschaftlichen gebracht, sondern sie nur noch schärfer abgegrenzt. So brachte es mit einem Schlage auch die Vertretung der Juden ins Parlament, so schuf es die schweren, nur mühsam unterdrückten, nationalen Streitigkeiten in der Sozialdemokratie, und so zwingt es nun die Deutschen, alle Unklarheiten fallen zu lassen und sich in einen Verband zusammenzuschließen. Die Juden in den Sudetenländern sind es vor allem, die nun mit einer völligen Frontveränderung zu tun haben. Die Frage steht noch nicht in ihrer vollen grausamen Klarheit vor ihnen. Aber längstens in drei Jahren wird dies der Fall sein, wenn die jetzige Legislaturperiode des Reichsrats ihr natürliches Ende erreicht. Dann ist der Prozeß vollendet, der mit der Ausschließung Ofners und Kurandas begann, der die fast einmütige Annahme der Schmidtschen Resolution durch die Deutschen brachte und der in der bekannten Pergeltschen Äußerung: „Wir schenken euch (den Slawen) die Juden" seinen Höhepunkt erreichte. Diese Stadien der Entwicklung des deutschen Abschließungsprozesses werden sich die Juden, wenn der Moment gekommen sein wird, vor Augen halten müssen. Aber nicht nur diese rein negativen, auch andere, mehr defensive Momente werden für die Haltung der Juden mäßgebend sein müssen. Sie werden sich auch sagen müssen, daß die Verteidigung der Ehre und der Lebensbedingungen des Judentums in Österreich nicht Fremden überlassen werden darf. Sie müssen erkennen, daß der Zusammenbruch des deutschen Liberalismus kein zufälliges Ereignis ist, sondern ein Glied in einer logisch gereihten Kette, und daß es jetzt bis zu einem Zusammenschluß der Deutschnationalen mit den Christlichsozialen nur mehr kurze Zeit währen kann. Dann stehen sie einer geschlossenen antisemitischen Phalanx von der Bukowina bis Vorarlberg gegenüber. Es wird Sache der jüdisch-nationalen, selbstbewußten Generation sein, ihre Volksgenossen aufzuklären und sie in das einzige Lager zu führen, wo ihr Platz ist: in das jüdische. Der jüdelnde Korytowski In der Sitzung des österreichischen Abgeordnetenhauses am 2. März hielt, wie an anderer Stelle mitgeteilt, Abg. Stand eine Budgetrede, in der er die Tatsache hervorhob, daß die autonomen Behörden Galiziens gar keine jüdischen Beamten anstellen. Der frühere Finanzminister Korytowski erwiderte darauf mit dem Zwischenruf: „Aber Mesch umodim haben wir genug!" Natürlich stürmische Heiterkeit im Hause. Als dann Abg. Stand von einem polnischen Richter erzählte, der in der Gerichtsverhandlung einem Angeklagten zurief — „Du Schwein, du Zigeuner, du bist ärger als ein Jude! — da geruhte die polnische Exzellenz zu bemerken: „Das ist ein Schlemasl!" Herr Korytowski hat am Vorabend der Rekonstruktion des Kabinetts seine gute Laune wiedergewonnen, den Humor, der die polnischen „Edellinge" auszeichnet, wenn es ihnen nicht schlecht geht. Da sitzen sie, gnädig schmunzelnd, die Verachtung, für das gemeine Volk dort unten hinter der Geste väterlicher Herablassung versteckt, hören das Murren des Pöbels an und machen Witze. Die polnischen Behörden boykottieren die Juden wirtschaftlich, die polnische Freiheit ist die der Landflucht und der Auswanderung, polnische Richter machen ein Millionenvolk, das neben ihnen lebt, verächtlich und reizen kulturlose Bauern gegen wehrlose Juden auf. Herr Korytowski lächelt beschwichtigend. Wohl werden Juden nicht angestellt, wie könnte es der Finanzminister a. D. bestreiten, aber Täuflinge gibt es genug, die zur Staatskrippe laufen. Das ist doch tröstlich! Und die gesellschaftliche Achtung, diese Wurzel der Gewaltakte, ja, die ist eben ein Stück polnischer Kultur. Ein gescheiter Mann wie Korytowski überwindet seinen Herrenstolz, sitzt mit Juden sogar in einem Klub und mauschelt bisweilen im Reichsrat 1