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Die Welt · 1910-03-04 · 9 (4.3.1910) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
9 (4.3.1910)
Date
1910-03-04
Page
– (sequence 13)
Language
German
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No. 9 DIE^ELT 197 c ooooooooo ■7P°'Zx: NACHRICHTEN ooooooooo J Der „Emigrationskongreß". Die „Neue Welt" (Warschau) bringt unter dieser Überschrift eine Korrespondenz aus Wien, in welcher es u. a. heißt: „ . .. Man macht viel Lärm über einen bevorstehenden Emigrationskongreß, allenthalben werden Resolutionen über die Teilnahme an diesem Kongreß gefaßt, welcher augenscheinlich demnächst in Wien stattfinden soll, — und noch schrieb ich Ihnen kein einziges Wort darüber. Das hat aber seine Ursache. . . . Wahrlich, in der kleinsten Stadt unseres gesegneten Ansiedlungs- Raypns weiß man mehr von diesem Emigrationskongreß als hier in Wien. Wir erfahren über ihn nur aus den jüdisch-russischen Zeitungen. Man spricht zwar von einem hier bestehenden Organisationskomitee; kein Mensch weiß aber, aus welchen Personen es besteht und in wessen Namen es handelt. Es war noch bis dato keinem vergönnt, dieses Komitee persönlich kennen zu lernen. Es zirkulieren in der Stadt unkontrollierbare Gerüchte über abgehaltene Sitzungen und gewisse Pläne, die geheim gehalten werden. . . . Vor allem möchte ich fragen: Wie ist es zu verstehen, daß eine demokratische Volkssache auf eine so undemokratische Art vertreten wird. Warum soll das jüdische Volk und die jüdische Emigrantenmasse nicht erfahren, wer eigentlich diesen Kongreß vorbereitet? . . . Beabsichtigt denn das Wiener Organisationskomitee die Rechnung ohne den Wirt zu machen? Es ist vorläufig niemandem klar geworden, in welcher Weise die jüdische Volksmasse, ihre ökonomische und politische Organisation, auf diesem Kongreß vertreten sein wird. Wir fordern vom Wiener Organisationskomitee, daß es den geheimnisvollen Schleier ein wenig lüfte und vor die Öffentlichkeit hinaustrete. Versteckte Wohltäter kann das jüdische Volk nicht brauchen. Wir wissen bereits, was diese uns bedeuten." Stiftung eines Qoldfadenpreises Der akademische Verein „Jüdische Kultur" in Wien versendet folgenden Aufruf: „Knapp zwei Jahre sind es, seitdem Abraham Goldfaden, von Hunderttausenden geleitet, zur ewigen Ruhe gebettet wurde. Wer war Abraham Goldfaden? Das werden wohl die wenigsten wissen! Was er aber war, was er wollte und warum er stritt und litt, das wird vielfach verkannt oder gar bewußt herabgewürdigt. Goldfaden war nicht nur der Dichter begeisterter und begeisternder Nationallieder, nicht der ewig herumirrende Schmierendirektor, sondern der Schöpfer und Begründer des Jüdischen Theaters. Über hundert Schwierigkeiten, Hemmnisse und Vorurteile hinweg bereitete er das Theater vor, das heute in Osteuropa und besonders in Amerika in voller Blüte steht. Moderne Dichtungen, von genialen Schauspielern dargestellt, beherrschen gegenwärtig das Repertoire einzelner, weniger jüdischer Bühnen. Neue Talente treten auf, die infolge schlechter pekuniärer Verhältnisse entweder ganz verschwinden oder, von der unerbittlichen Not getrieben, Stücke schreiben, die nur den primitivsten Anforderungen genügen. Diesem Übelstande könnte durch Schaffung eines Preises, der alle drei Jahre im Betrage von 1000 Kronen zuerkannt werden soll, abgeholfen werden. Der Preis wird zu Ehren des Begründers der jüdischen Bühne den Namen „Goldfadenpreis" führen, und die Zuerkennung desselben soll durch eine Kommission von jüdischen Literaten und Kunstkennern erfolgen. Auf diese Weise wird sowohl den Intentionen des toten Dichters entsprochen als auch ein Mittel geschaffen werden, die jungen Talente anzueifern, wirkliche echte Kunstwerke zu schaffen und so den Kunstgeschmack des jüdischen Theaterpublikums zu verfeinern. Juden! Was alle Völker als ihre wichtigste Institution betrachten, — das Theater, — sollte das bei uns vernachlässigt werden? Nein und tausendmal nein! Das Theater — diese Welt im kleinen — soll und muß zeitgemäß ausgebaut und ausgestaltet werden, damit es uns zur Zierde gereicht und damit wir in einer so wichtigen Sache, wie es das Theater schon ist, nicht hinter Völkern zurückstehen, deren Kultur viel tiefer steht als die unsrige. Wir wenden uns daher an alle Juden mit der Bitte, uns in dieser für das jüdische Volk so dringenden Angelegenheit zu unterstützen und nach Möglichkeit dazu beizutragen, damit dieses hohe Werk auch gelinge. Briefe und Wertsendungen wollen an die Adresse: Akademischer Verein „Jüdische Kultur" in Wien II., Blumauergasse 20, gerichtet werden. Die Kredit>Union in Lemberg (Von unserm Berichterstatter) Von Juden gegründete und geleitete Banken gibt es in Galizien genug, ja sogar zu viele. Aber an einer jüdischen Bank, einer Bank, welche den jüdischen Handels- und Gewerbetreibenden unabhängig von politischen Leitmotiven billigen Kredit gewähren sollte, an einer solchen jüdischen Bank hat in Galizien bis vor einem Jahre gefehlt. Die Wucherbänkchen, welche dem kleinen jüdischen Kaufmanne in den kleinen Städtchen nicht nur nicht helfen, sondern ihn einem allmählichen, aber sicheren Ruine entgegenführen, sind gerade wie unsere Kahalstübchen und Propinationen ein zersetzender und demoralisierender Faktor im politischen und wirtschaftlichen Leben der jüdischen Bevölkerung unseres Landes. Sie sind ein gefügiges und unheimliches Werkzeug in den Händen der jetzt herrschenden allpolnischen Klique. Und abgesehen davon, daß sich diese Banken unglaublich hohe Zinsen von jenen unglückseligen Geschöpfen zahlen lassen, welche in ihre Hände fallen, herrscht in diesen Instituten eine Protektionswirtschaft niedrigster Sorte. Der gewesene Präsident der galizischen zionistischen Partei, gegenwärtiger Rabbiner in Lodz, Dr. Markus Brau de, welcher während seiner langjährigen Parteitätigkeit in Galizien Gelegenheit hatte, das Treiben dieser Banken ganz genau zu beobachten und zu studieren, gelangte vor einigen Jahren zur Einsicht, daß diesem Zustande unbedingt abgeholfen werden müsse. Wenn unsere Juden, die jüdischen Kaufleute und Handwerker, politisch und ökonomisch unabhängig und nationalisiert werden sollen, dann müssen sie von der Patronanz der jüdischen Kahalniks, Propinatoren und Bankwucherer befreit werden. Um so intensiver und strenger trat das Leben mit dieser Forderung an die wahrhaft demokratischen und nationalen Führer unseres Volkes heran, als die Einführung des allgemeinen Wahlrechts auch die breiten Massen der galizischen Judenheit dem Anteile am politischen Leben zuführte. Im Einvernehmen mit der zionistischen Parteileitung Galiziens und gemäß einem auf dem VII. Landesparteitage gefaßten Beschlüsse machte sich Dr. Braude energisch daran, eine zionistische Landesbank zu gründen. Nach zwei Jahren, am 1. Juli v. J., ist der Plan ausgeführt worden, und heute sind wir in der angenehmen Lage, über den ersten semestralen Rechnungsabschluß vom 1. Juli bis 31. Dezember 1909 zu berichten. Diesem Bericht des ersten zionistischen Bankinstituts in Galizien entnehmen wir mit aufrichtiger Genugtuung, daß die Leitung desselben, bestehend aus den Direktoren: Julius Eisler, Simon Orange, Karl Stand, und deren Stellvertretern: Reichsratsabgeordneter D. Heinrich G a b e1, dem GroßgrundbesitzerChaim Grossinger und dem Fabrikanten David Wechsler allen ihren Anforderungen gerecht zu werden vermochte, und daß die der Förderung des Erwerbs und der Wirtschaft unter der galizischen Judenschaft ohne Rücksicht auf politische Gesinnung des einzelnen dienende zionistische Kredit-Union, eine segensreiche Gründung zu werden verspricht. Zu dem für die galizischen Verhältnisse sehr mäßigen Zinsfuße von 5r2 bis 7°o wurden in diesem kurzem Zeiträume 3209 Wechsel auf einen Betrag von £ 2.104.829.64 K eskomptierL Dabei ergab sich ein Reingewinn von 6140.83 K, welcher zur Abschreibung aller Gründungskosten und zur Schaffung eines Speziaireservefonds verwendet wurde. Der Rest wurde auf neue Rechnung vorgetragen. Und so tritt die Genossenschaft nach diesem Gründungssemester und nach der am 20. Februar stattgefundenen zweiten ordentlichen Generalversammlung mit 705 Mitgliedern, welche ein Kapital von 221.540 K eingezahlt haben, und mit einem Reservefond von 12.102 K in ein neues Administrationsjahr. Die Kredit-Union hat ihre Tätigkeit nicht nur auf die Stadt Lemberg beschränkt, sondern gemäß den Intentionen ihres Gründers, Dr. Markus Braude, und dank der unermüdlichen und expansiven Tätigkeit ihres leitenden Direktors, Julius Eisler, ihre ersprießliche und von den jüdischen Volksmassen sehr sympathisch, von den Feinden des jüdischen Volks dagegen sehr gehässig aufgenommene Arbeit auch über das ganze Land ausgedehnt. In den Städten Tarnopol, Brzezany und Brody, in den Städtchen Schodnitza und Skalat, sind bereits seit zwei bis drei Monaten Filialen errichtet

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