Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 9 (4.3.1910)
- Date
- 1910-03-04
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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1% DIE^ELT No. 9 No. c IIP DI D PALÄSTINA |PI P □ Beirut Ein großer Schritt vorwärts im nationalen Sinne scheint, einer Mitteilung an den „Hamewasser" zufolge, an der Schule der Alliance in Beirut getan worden zu sein. Durch den neuen Direktor, Herrn Carmona, wurde die strenge Anordnung getroffen, daß die Kinder keine andern Sprachen als Hebräisch oder Französisch in der Schule sprechen dürfen; und die Order findet gewissenhafte Nachachtung. Eine weitere Errungenschaft ist die Einführung des Turntunerrichts, der in hebräischer Sprache erteilt wird; die Turnkleidung ist in unsern nationalen Farben, blau — weiß, gehalten. — Die Schüler der Oberklassen gründeten unter sich einen hebräischen Kulturverein, schufen sich eine Bibliothek mit Lesezimmer, in denen es an hebräischen und französischen Büchern und Zeitschriften nicht mangelt. Diese Anzeichen berechtigen zu schönen Hoffnungen für die weitere Entwicklung. Ein böser Reinfall Der Chachambaschi hatte mit der Aufgabe, die endlosen Zwistigkeiten in der Gemeinde Beirut zu beseitigen, seinen Vertrauensmann Selim Dona aus Konstantinopel hingesandt. Anstatt nun im Sinne der Eintracht in Beirut zu wirken, hat dieser Friedensengel gleich bei seiner Ankunft die dortigen Juden so vor den Kopf gestoßen, daß ein noch viel heilloserer Wirrwarr entstand. Sein Erstes war, schon bei der Begrüßung durch den Rabbiner der Gemeinde, daß er diesem den Rat erteilte, unverzüglich die Stadt zu verlassen, um einem andern Rabbiner Platz zu machen. Als der so Überrumpelte zur Antwort gab, er könne die Gemeinde nicht früher verlassen, als bis die Ordnung in ihr hergestellt sei, drohte der sanfte Gast einfach mit Gewalt. Ein Teil der Beiruter Gemeinde hat sich nun an den Chachambaschi mit entrüsteter Beschwerde gewandt, und zugleich diese Verwahrung der Presse zur allgemeinen Kenntnisnahme übergeben. Ein barbarischer Racheakt Jaffa, 17. Februar. Vor acht Tagen begleitete ein junger Jude, Namens Sion Levy, ein französischer Schutzgenosse, der in einem hiesigen arabischen Spielklub als Kellner angestellt war, einen Gast jenes Spielklubs, einen Araber, des Nachts auf dem Nachhausewege. Sie gerieten in Streit, in dessen Verlauf der Jude den Araber durch einen Revolverschuß schwer verletzte, so daß der Araber am andern Morgen verstarb. Vor seinem Tode konnte er noch gerichtlich vernommen werden und gab zu Protokoll, daß er den Juden zueist zu Boden geworfen und mit einem Messer bedroht habe. Die Beerdigung des Arabers, der einer weitverbreiteten Familie angehört, fand unter großer Beteiligung statt und hatte den Charakter einer Demonstration. Die Bevölkerung wurde dadurch ziemlich erregt, Gruppen von Kindern und Halberwachsenen zogen mehrfach durch die Straßen und stießen Drohungen gegen die Nichtmohammedaner aus. Inzwischen hielt sich Sion Levy, statt sich der Regierung oder dem französischen Konsul zu stellen, im Hause seines Vaters versteckt Die Verwandten des getöteten Arabers kundschafteten sein Versteck aus und wandten sich an die Regierung mit der Aufforderung, den Levy zu verhaften. Die Regierung ihrerseits benachrichtigte sofort nachts den französischen Konsul, der seinen Kawassen (Konsulatsdiener) zur Ergreifung des Levy abordnete. Der Kawaß «md einige Polizisten begaben sich um Mitternacht in das Haus des Vaters, begleitet von einem Haufen von Menschen, darunter zahlreichen bewaffneten Verwandten des getöteten Arabers. Statt daß Kawaß und Polizei bloß den Levy ergriffen und die aufgeregte Volksmenge am Eintritt in das Haus verhinderten, gestatteten sie der Menge in das Haus einzutreten und selbst den Levy in seinem Versteck aufzufinden. Als dieser die erregten Verfolger vor sich sah, schoß er, wie es heißt, auf sie und verwundete einen Araber, einen Verwandten des Getöteten, am Arm. Die Araber ihrerseits schössen ebenfalls und streckten den Levy nieder. Darauf banden sie der Leiche die Füße mit einem Strick zusammen und schleiften sie unter Verwünschungen und Beschimpfungen durch die Straßen bis zum Regierungsgebäude. Der Kawaß und die Polizisten taten nichts, um diesem barbarischen Treiben Einhalt zu gebieten, sie fühlten sich anscheinend der wütenden Menge nicht gewachsen. Eine andere Version besagt allerdings, daß die Polizisten selbst der Menge beigestanden und dem Levy mehrere Bajonettstiche beigebracht hätten. Tatsache ist, daß die Leiche einige Bajonettstiche aufwies. Der französische Konsul hat bei der Regierung die Bestrafung der Schuldigen und insbesondere auch Genugtuung für das unbegreifliche Verhalten der Polizeiorgane verlangt. Er hat auch bereits an die französische Gesandtschaft in Konstantinopel telegraphisch über den Vorfall berichtet. Der hiesigen jüdischen Bevölkerung hat sich naturgemäß eine gewisse Unruhe bemächtigt. Obwohl dem Zwischenfall an sich keine symptomatische Bedeutung beiwohnt, zeigt er doch, welche wilden Instinkte in der hiesigen arabischen Bevölkerung wach werden, sobald es sich um Rache für das Blut eines der ihrigen handelt, und wie schwach die Regierungsgewalt noch gegenüber solchen Handlungen ist. Für Jaffa kommt noch hinzu, daß nach allgemeiner Ansicht die hiesige Polizeimannschaft, die nur aus 11 Polizisten besteht, viel zu schwach ist, um überall rechtzeitig eingreifen zu können. Lilienblum-Gedenkfeiern Jaffa, 15. Februar. Gestern traf hier die telegraphische Nachricht von dem Ableben Lilienblums ein, die allgemein einen sehr schmerzlichen Eindruck machte. Heute fand aus diesem Anlaß in der vom Odessaer Komitee unterhaltenen Mädchenschule eine Gedenkfeier statt, an der auch die Schüler des Gymnasiums und der Hilfsvereinsschule teilnahmen. Nach der Absingung eines Trauerpsalms sprach Dr. N. Turoff, der Direktor der Mädchenschule, über die Bedeutung Lilienblums als Schriftsteller und nationaler Vorkämpfer. Mit einem „El maleh Rachamim" schloß die Andacht. Abends wurde eine zweite Gedenkfeier abgehalten, zu der ein großes Publikum erschienen war. Die Redner waren Dr. B. Mossinsohn und die Freunde des Verstorbenen, M. Kahn und M. Diesengof. Jerusalem, 16. Februar. Heute fand hier im Beth-Am eine Gedenkfeier für Mosche Leib Lilienblum statt. Herr 1. Eisenstadt, der langjährige Freund und Mitarbeiter Lilienblums, entwarf ein ergreifendes Bild von der vielseitigen Persönlichkeit des Verewigten. Im Namen der Jugend sprach I. Zemach. Morgen abend veranstaltet der Verein „Makkabäa" in der Nationalbibliothek eine Gedenkfeier. Eine jüdische Kolonie in Haifa Haifa, 17. Februar. Bekanntlich ist vom Jüdischen Nationalfonds auch für die Häuserbaugesellschaft „Agudath-Achim" in unserer Stadt ein Kredit von 50 000 Frs. bewilligt worden. Mit Hilfe dieses Kredits hat man hier eine kleine jüdische Kolonie gegründet, die den Namen „Herzliah" führt. Die Kolonie liegt am Abhänge des Karmel, von wo aus sich ein wunderhübscher Ausblick auf die gegenüberliegenden Berge Galiläas entfaltet. Es sind bis nun bereits sechs Häuser fertiggebaut, die einen ausgezeichneten Eindruck machen. Hebräische Wandkarte Palästinas Der auf Anregung der Jaffaer Lehrerschaft von der Palästinakommission in Berlin vor etwa zwei Jahren gefaßte Beschluß, eine hebräische Wandkarte Palästinas für den Gebrauch der hiesigen Schulen herauszugeben, wird nun hoffentlich in nächster Zeit auch verwirklicht werden können. Die Herrn Elijahu Saphir übertragene literarische Arbeit ist bereits fertiggestellt worden. Herr Saphir hat ein Ortschaftsverzeichnis verfaßt, in welchem alle historisch oder in der Gegenwart wichtigen Ortsnamen in alphabetischer Reihenfolge angeführt und neben dem hebräischen Namen die arabische Benennung in arabischer uqd hebräischer Schrift, ferner der Verwaltungsbezirk, in dem der Ort sich befindet, und die wichtigsten Stellen aus unserm Schrifttum, in denen der Ort erwähnt wird, angegeben sind. In einer kurzen Bemerkung wird schließlich auf die historische und gegenwärtige Bedeutung des Ortes hingewiesen. C>ie Karte wird sich an die Kiepertsche Wandkarte anlehnen und die meisten Orte mit hebräischer Aufschrift enthalten, die minderwichtigen dagegen nur mit einer Ziffer versehen, welche mit der Nummer des betreffenden Ortes im Ortschaftsregisster identisch sein wird. Die Herstellung der Wandkarte hat infolge eines Abkommens mit der Palästinakommission der Verlag Dietrich Reimer in Ljeipzig übernommen. Eine neue hebräische Zeitung In Jaffa erscheint unter der Redaktion des Herrn Dr. M. Turow eine hebräische Halbmonatsschrift „Hachinuch"* welche das Organ der hebräischen Lehrer Palästinas werden und pädagogischen Zwecken dienen will.