Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 9 (4.3.1910)
- Date
- 1910-03-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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No. 9 DiEE§KELT 193 o o o o o o o o o o o o o o AUS DER BEWEGUNG O O O O O O 0 o o o o o o o Bodenreform in Alt- und Neu-Israel Auf seiner Reise nach Palästina, die er im Auftrage der zionistischen Organisation zur Einleitung der"Vorarbeiterj für die zu gründende Siedlungsgenossenschaft unternimmt, weilte D r. Franz Oppenheim er am letzten Sonnabend in Köln und sprach in einer von der Zionistischen Vereinigung einberufenen Versammlung über das Thema „Bodenreform in Alt- und Neu-Israel". Der Name des Redners und das aktuelle Thema hatten trotz des unsagbar schlechten Wetters eine große Zahl Zuhörer angezogen, die den Saal der Rheinlandloge bis auf den letzten Platz ausfüllten. Man sah eine Menge Leute, die sonst unsere Versammlungen nicht zu besuchen pflegen. Dr. Franz Oppenheimer begann seine Ausführungen mit einem kurzen geschichtlichen Exkurs. Er erinnerte an das Wort Karl Marx: die Geschichte des Grundeigentums sei die Geheimgeschichte des klassischen Altertums. Das sei nur zum Teil richtig. Die Geschichte des Grundeigentums sei vielmehr die Geheimgeschichte aller Epochen. Alle antiken Völker, auch das Volk Israel, sind an einer tödlichen Infektionskrankheit zugrunde gegangen, an der kapitalistischen Sklavenwirtschaft. Ihr Ausgangspunkt ist das ungeheure Wachstum des Großgrundbesitzes, der Latifundien. In kurzen Strichen skizzierte der Vortragende die Entwicklung vom bäuerlichen Kleineigentum zum kapitalistischen Großgrundbesitz. Der herrschende Grundadel hetzte die Völker zu auswärtigen Kriegen. Darunter leidet der einfache Wehrmann, der gemeine Bauer am schwersten. Sein Land wird verwüstet, oder er kann sein Land nicht bebauen, er verarmt. Er ist gezwungen, Geld zu leihen, und zwar bei dem Grundherrn. Ein drakonisches Schuldrecht bringt ihn zum äußersten, er wird Sklave. Der Bauer verschwindet und mit ihm die Landstädte, die von seiner Kundschaft lebten. Die Sklaven, die an Stelle des früheren freien und kaufkräftigen Bauern das Land bebauen, haben keine Kaufkraft, sind nicht in der Lage, die Städte zu erhalten. Der Bauer, der nicht Sklave wird, wird Soldat oder Händler. Tatsächlich waren fast alle Völker des Altertums am Schlüsse des Altertums in ungezählten Scharen als Händler über die Welt verbreitet. Daher rührt auch die Grundlage des oft zitierten Handelsgeistes der Israeliten. Diejenigen, die nicht in die Sklaverei oder in die Fremde gingen, sammelten sich als Lumpenproletariat in den Großstädten und erlangten dort als urteilsloses, käufliches Stimmvieh politischen Einfluß, ein Einfluß, der natürlich von den Machthabern im eigenen Interesse ausgebeutet wurde und zum Untergang des Staates"führen mußte. Das platte Land wird entvölkert, die Stadt demoralisiert, das Volk reicht an Kraft und Zahl nicht mehr aus, das Land zu schützen, Barbaren brechen über die Grenze und dem Volkstod folgt der Staatentod. Schon im Altertum selbst war man sich über die furchtbare Wirkung dieser Tendenz klar und hat versucht, ihr zu steuern. Dreimal haben die Weisen versucht, dem Übel abzuhelfen: Solon, die Gracchen und Moses. Jeder Versuch ist von dem andern um ein halbes Jahrtausend entfernt. Die beiden letzten, Solon und die Gracchen, versuchten nur der Not des Augenblicks abzuhelfen, sie dachten nicht daran, ein Werk für die Ewigkeit aufzurichten. Der einzige, der den Versuch gleich sub speeie aeternitatis machte, war Moses. Er gab eine Gesetzgebung, deren Absicht es war, den Boden auf ewig dem ganzen Volke zu erhalten. Sein grandioser Versuch, in einem halb rohen Vrlke zu einer Zeit, wo all die andern Völker des Mittelmeerbecker.s noch gar nicht auf den Gedanken gekommen waren, daß die Entwicklung zum Großgrundbesitz den Keim des Verderbens in sich trage, hat immer das ungeheure Staunen der Welt geweckt, und muß jedem Gläubigen ais ein Werk göttlicher Inspiration erscheinen. Moses wollte (lern Volke das Land auf die Dauer sichern: der eigentliche Eigentümer des gesamten Landes ist das Volk und in diesem der Stamm. Innerhalb des Stammes herrscht das Familienrecht. Der einzelne kann nie für immer den Boden ganz verlieren. Alle Jahrhunderte zweimal fällt das Land automatisch an den Urbesitzer zurück. Der Jude kann auf die Dauer nie enterbt werden. Wenn die Gesetze ausgeführt worden wären, wäre er niemals landflüchtig geworden. Eine Erneuerung dieser gesetzmäßigen Vorgänge zu schaffen, das ist die Absicht, die uns heute beseelt. Der Redner erörterte dann die Grundsätze der heutigen Volkswirtschaftslehre, die alle darin übereinstimmen, daß die Vertreibung vom Grund und Boden die Ursache der ganzen sozialen Frage, die Quelle alles Übels sei. Während aber von den maßgebenden Vertretern der Wissenschaft angenommen wird, daß dieser Zustand, der nur eine beschränkte Anzahl im Landbesitz und die überwiegende Mehrzahl ohne Land gelassen hat, darin zu finden sei, daß das vorhandene Land allmälich von dem Bedarf der einzelnen okkupiert worden sei, so daß für den großen Rest nichts mehr übrig bleibe, steht der Redner auf dem entgegengesetzten Standpunkt. Grund und Boden sei nicht nach Maßgabe des Bedarfs, d. h. ökonomisch, in Besitz genommen worden, sondern vielmehr nach dem Rechte des Stärkeren. Noch heute z. B. könnte auf dem anbaufähigen Boden Deutschlands die ganze deutsche Bevölkerung so verteilt werden, daß für jede Familie vollauf genügend Boden zum Unterhalt als Ackerbauer bliebe, wobei noch ein Drittel des gesamten Bodens für Zuwachs reserviert bleiben würde. Auf die ganze Erde umgerechnet, ist das Verhältnis noch viel günstiger. Wenn das vom Großgrundbesitz besessene Land der Gesamtheit der Menschen zugute gebracht werden könnte, wäre die soziale Frage gelöst. In seinen weiteren Ausführungen besprach der Redner die verschiedenen Lehren, die von anderer Seite zur Erklärung der sozialen Fragen aufgestellt seien und begründete seinen bekannten Standpunkt. Das Marxsche Lohngesetz, das kurz ausgedrückt darin bestehe, daß immer 2 Arbeiter einem Meister nachlaufen und sich unterbieten, rühre doch nur daher, daß die Industriearbeiter ständig Zuzug aus dem Landarbeiterproletariat erhielten, die, genau so wie im Altertum, in die Städte auswanderten und die Löhne drückten. Auf diese Weise sei Irland entvölkert worden, habe Deutschland Millionen Arbeitskräfte nach Amerika abgegeben, und sei der heutige kolossale amerikanische Einwanderungsstrom aus Osteuropa entstanden, ein Strom, der immer aus den Gegenden des Großgrundbesitzes komme, weshalb denn auch des Bauernland Bulgarien für die Auswanderung gar nicht in Betracht kommt. Diesem Zustand könne nur dadurch abgeholfen werden, daß der Arbeiter wieder seßhaft, wieder Bauer werde. Diesem Zwecke diene die Siedlungsgenossenschaft. Sie wolle das alte jüdische Bodenrecht wieder einführen, nur setze sie an Stelle des alten Begriffes der Familie den neuen, leichter zu handhabenden Begriff der Genossenschaft. In China, wo'ein ähnliches Bodenrecht teilweise noch existiere, daß ebenfalls auf dem Farnilienbesitz beruhe, habe sich deutlich gezeigt, daß mit dem Begriff Familie nicht zu wirtschaften sei. In einigen Bezirken habe sich die Familie im Laufe der Jahrtausende zu Völkern ang.wachsen, für die das Land natürlich bei weitem nicht mehr ausreiche, und deren Angehörige infolgedessen als Kulis in ganz Ostasien ein Sklavenleben führen. Andere Familien seien fast ausgestorben, so daß heute die wenigen Nachkömmlinge dieser Familien im Besitze kolossaler Landstrecken seien. Trete aber an Stelle der Familie die Genossenschaft, so sei es möglich, all diesen Eventualitäten . zu begegnen, ohne das Grundprinzip zu durchbrechen. An Hand einer Reihe von Beispielen aus der Geschichte der Siedlungsgenossenschaften bewies der Vortragende die glänzenden Möglichkeiten, die die Theorie der Genossenschaften gewähre. Niemals noch sei ein darauf aufgebauter Plan zugrunde gegangen. Und die eigentümliche Entwicklung zu einer klosterartigen Gemeinschaft, die die Mehrzahl dieser Versuche allmählich angenommen habe, beruhe lediglich auf dem kommunistischen Grundprinzip, auf dem sie aufgebaut gewesen seien. Die einzige wirkliche Siedlungsgenossenschaft, die bisher gegründet worden sei, die in Rahaline, sei lediglich infolge eines brutalen äußeren Eingriffs mitten in ihrer herrlichsten Entwicklung zerstört worden. Und nun führte der Redner in glänzender Sprache aus, "wie er sich die Entwicklung von der Arbeiterkolonie mit Gewinnbeteiligung der Arbeiter über die landwirtschaftliche Produktivgenossenschaft zur Siedlungsgenossenschaft denkt. Da wir mit ungelerntem Arbeitermaterial und mit unerprobtem Boden rechnen müssen, dürften wir die Arbeiter nicht von vornherein dem ganzen Risiko des Versuchs aussetzen. Darum ist es nötig, zunächst einen Fonds zu schaffen, aus dem der Betrieb der Kolonie in der ersten Zeit bestritten wird. Die Arbeiter werden außer genügendem Lohn eine hohe Gewinnbeteiligung erhalten, das Erträgnis des Gutes wird dadurch gewaltig gesteigert werden, und die Arbeiter werden dadurch bald in der Lage sein, das Gut als Produktivgenossenschaft in eigene Bewirtschaftung zu nehmen. Durch den Zuzug von Handwerkern, , Händlern und Angehörigen der freien Berufe bilde sich dann allmälich die reine Siedlungsgenossenschaft, die nach der Theorie des Vortragenden sich so entwickeln muß, daß die wachsende Zahl der Bauern einen