Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 9 (4.3.1910)
- Date
- 1910-03-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3316406-3316416--52965-3346703- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
192 DIEE^gELT No. 9 Kapitel, wird die Verschiedenheit im Verhalten der wohlgesinnten Kulturmenschen zu der Lage der Juden und der anderen ihrer nationalen Selbständigkeit beraubten Völker, in treffender und tief eindringender Weise erklärt. „ . . . Der Jammer unglücklicher Völker, welche, unzersplittert, auf der Heimatsscholle geblieben sind, tönt dumpf aus der Ferne herüber, die Blößen werden nicht gesehen, die kleinlichen Gebreste nicht wahrgenommen. Darum eilt man dem klagenden gestürzten Riesen zu Hilfe. Anders bei den Juden! Unser Elend ist nicht anziehend, weil es alltäglich geworden ist, unser Unglück prangt an allen Straßenecken. -Man singt ihm keine Freiheitslieder, sondern Gassenhauer; es hat den Schritt von der Erhabenheit zur Lächerlichkeit bereits gemacht — und zurück geht es schwer." Was bei anderen Völkern heldenmütige Ausdauer heißt, wird uns als häßliche Verstocktheit angerechnet; was man von andern als rührende Anhänglichkeit an das eigene Volk preist? nennt man in bezug auf uns engherzigen Separatismus. Andere gelten als Nation im Staate, wir sollen just „Der Staat im Staate" sein. Andern gibt man die Menschenrechte ohne Bezahlung, wir müssen unser Volkstum dafür opfern." Einen wesentlichen Teil der Schuld daran schreibt Birnbaum den Juden selbst zu, die für sich zur Zeit der Emanzipation nicht die volle, die nationale Freiheit, sondern nur das Hinausgehen aus dem Ghetto verlangten. Das Verleugnen der eigenen Nationalität und Sonderart durch die Juden rief dann den modernen Antisemitismus hervor, der gerade in jenen Ländern den fettesten Nährboden gefunden hat, in denen die jüdische charakterschädigende Entnationalisierung am weitesten vorgeschritten ist. Es ist daher ganz verkehrt, die jüdische Nationalität etwazu leugnen» weil die Antisemiten eine solche annehmen. Man übersieht dabei, daß die jüdische Nationalitätsidee den Schlüssel zur endgiltigen Lösung der Judenfrage bietet. In dem diesem Problem gewidmeten zweiten Kapitel werden als Hauptursache fürdie stets und überall mehr oder weniger deutlich geäußerte» latente Abneigung gegen die Juden bezeichnet: die Zahl der Juden, die zu groß ist, um nicht bemerkt zu werden, und zu klein, um eine widerstandsfähige Kraft zu bilden, und die Ermangelung einer besondern, die Menschen-und Volksrechte der Juden wahrenden Instanz. „Staatsrechtliche Gleichstellung, das heißt eine solche mit örtlich und zeitlich begrenzter Wirkung, haben die Juden in manchen Ländern erlebt, aber nur eine völkerrechtliche Gleichstellung böte ihnen dauernde und allseitige Hilfe. Mag auch der einzelne Jude ein Vaterland haben, das jüdische Volk hat keins, und das ist sein Unglück." Durch die Schaffung eines nationalen Zentrums für die Judenheit würde von den Juden in allen Ländern der Fluch der Lächerlichkeit weichen, der ihr Unglück doppelt schwer macht; es würde dem Verkehr zwischen Juden und Nichtjuden das ihm anhaftende Gedrückte und Peinliche, Gezwungene und Befangene nehmen und dem Judenhaß in seiner Eigenartigkeit jede Existenzberechtigung entziehen. Die nationale Kraft des Judentums würde aber erst dann frei werden und zu voller Entfaltung gelangen, wenn es seine Geschichte wieder fortzusetzen begänne. Als den Weg zu dieser nationalen Vollbefreiung bezeichnet Matthias Ach er den völkerrechtliche Garantien erstrebenden, auf den jüdischen Volksmassen beruhenden politischen Zionismus — im Gegensatz zur nur „praktischen" Kolonisation in Palästina. In seiner „Nationalen Wiedergeburt", wie namentlich in der jugendfrischen, kampfesmutigen — jetzt leider sehr seltenen— „Selbst- Emanzipation" finden wir die theoretischen Grundlagen des politischen Zionismus, der das eigentliche Produkt der österreichischen Schule ist, während in Rußland, Deutschland und andern Ländern zunächst mehr die praktische Palästina-Kolonisation im Vordergrunde des Interesses und der Betätigung stand. Mit der theoretischen Begründung der nationaljüdischen Anschauung und der Bahnebnung für den politischen Zionismus ist aber auch Achers Hauptverdienst erschöpft. Auf dem Gebiete der realen Parteitätigkeit vermochte er für sich kein Arbeitsfeld zu finden. Er ist seinem ganzen Wesen nach zu sehr Theoretiker und keineswegs Mann der Tat. Ja, er gehört zu jenen Geistesmenschen, die vor jeder Verwirklichung ihrer Ideale zurückschrecken. Acher verharrte jedoch innerlich nicht im Stillstand. Er machte in mehrfacher Hinsicht eine geistige Metamorphose durch. Seine Ideenwelt befindet sich im Zustand der Wandlung — zum Teil" auch eines rückläufigen Frontwechsels. Einerseits hat er sein nationaljüdisches Denken inzwischen kulturell vertieft und dem Achad- Haamismus näher gerückt — ohne sich jedoch dessen Konsequenz und historische Folgerichtigkeit angeeignet zu haben. Anderseits hat er die von ihm selbst so treffend formulierten Grundprinzipien für die endgültige, Lösung der Judenfrage in gerade bei ihm unbegreiflicher Weise verlassen. Seine jetzige Theorie vom „Minimalgolus", die Erstrebung kulturell-autonomer jüdischer Zentren in der Diaspora, ist gegenüber seinen frühern Anschauungen ein schwächliches, praktisch undurchführbares und ideell inkonsequentes Kompromiß mit den gegebenen Verhältnissen. Das ist auch nicht einmal originell. Dubnow hat dieses System — wenn es überhaupt e n solches ist, — tiefer und von einer höhern Geschichtsperspektive aus aufgestellt Aber selbst die auf diesem Standpunkte stehenden, von Zhitlowsky angeführten „seimistischen Autonomisten" haben sich neuerdings — durch die Vorgänge in Rußland und der Türkei belehrt — dem zionistischen Programm genähert. Sie gelangen immer mehr zur Erkenntnis, daß eine radikale Lösung der Judenfrage im Golus selbst ohne ein territoriales jüdisches Zentrum unmöglich ist. Acher jedoch blieb hartnäckig am Golus haften und vermochte sich nicht mehr über die Realität der Gegenwart hinweg zur Idee der national-kulturellen Befreiung durchzuringen. Im innern Zusammenhang mit der gestreiften Gedankenwandlung steht auch Achers Verhalten zur jüdischen Sprachenfrage- Mit dem Golus akzeptiert er nun auch die Golussprache. War ihm früher das Hebräische ein unbedingter Hauptfaktor der jüdischen Renaissance, so hat er später seinen Namen mit der „Czemowitzer Konferenz" unlöslich verknüpft, die sich an der Nationalsprache des jüdischen Volkes schwer und unverzeihlich versündigt hat. Jene Konferenz soll nach der Meinung ihrer Initiatoren „historische Bedeutung" haben; sie hat es auch vielleicht, aber nur in dem Sinne, daß sie dokumentierte, wohin die Halbheit, Inkonsequenz und Flachheit des Golusjudentums führen muß. Gewiß, der Jargon wird von Millionen gesprochen. Aber davon bis zur Proklamierung desselben zur Nationalsprache des jüdischen Volkes ist ein sehr weiter Weg, so weit wie unsere düstere Wirklichkeit von der vollen nationalen Wiedergeburt unseres Volkes. Aus einem weitschauenden Zukunftskünder ist Mathias Acher ein Nachspürer des Gegebenen geworden, — und dazwischen liegt eine erlebnisreiche Generation, der bedeutsamste Abschnitt der neuzeitlichen Geschichte des jüdischen Volkes. Mathias Acher ist mit der nationalen Entwicklung nicht mitgegangen. Dies ist für sein Wesen, daß jedem Gemeinplatz aus dem Wege geht, sehr bezeichnend und ist ein weiteres Dokument für seine originelle Denkrichtung. Indessen geschieht in diesem Falle diese Abweichung vom Allgemeinen auf Kosten der Vertiefung des Nationalismus, der Fortschritte macht und Gemeingut zu werden „droht" . . . Acher, der als „Anderer" den national-jüdischen Gedanken proklamierte, ist von diesem Gedanken bereits überholt worden und steht nunmehr als Anderer da gegenüber den Verfechtern einer vollwertigen hebräischen Renaissance, die den Golus und seine Werte negiert. Und wir begrüßen den Acher von einst, den der Autoremanzipation.