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Die Welt · 1910-03-04 · 9 (4.3.1910) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
9 (4.3.1910)
Date
1910-03-04
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 9 DIE^qKELT 191 So steht nun Ben Uri vor der Lade und blickt betrachtend auf seiner Hände Werk. Ist dies denn nur eine Lade? Ein Herz ist es; eine große, zuckende Seele lebt darin. Und diese ist ja seine, des Künstlers eigene Seele, die er in seine Hand genommen und in das spielende Werk getragen. Werden aber auch andere dies verstehen? Doch dies berührt ihn nicht weiter, er hat das Seine geschaffen, wie es in seinem Vermögen und in seinem Herzen lag. Das Innerste seiner Seele hat er ausgeschöpft und der Welt hingegeben, — und nun steht er selbst da wie ein leer gewordenes Gefäß. Er steht da, betrachtet sein Werk und scheint nicht geschieden von ihm. Es ist wie ein Glied, losgerissen von seinem Körper. Ihn dünkt, als sei mit ihm das Ende seines geistigen Lebens gekommen. Seine Seele ruht schon in der Lade. ... Traurig ward Ben Uri zu dieser Stunde, — einer Mutter gleich, die ihre geliebte Tochter vermählt und hinausgeschickt hat in eine andere ferne, ferne Stadt. Seine Seele wird voll Bangnis, und er beginnt unbewußt zu weinen. Beten will er, vor dem Ewigen sein Herz ergießen, — aber ein schöneres Gebet als das in der Lade geschaffene findet sein Mund nicht und kann er nicht auf seine armen Lippen heben. Und trüben Herzens und bedrückter Seele geht Ben Uri in die freie Luft hinaus, den kühlen Hauch des Gartens zu atmen, den er doch so lange nicht gesehen oder nicht beachtet hat, — und er will seinen Körper ein wenig kräftigen. Und siehe, die Sonne geht unter. Das Antlitz des Himmels ist voll Glut, Wolken kommen, und auch sie schlagen in Flammen aus. Der Tag neigt sich, noch ein roter Saum im Westen mindert und mindert sich, und das Gewölk wird dichter, —■ dann steigen blitzende Sterne auf. Auch seine Seele versank, Wolken stiegen in ihr auf, — aber die Sterne, wo sind sie? Ja, auch blitzen und steigen Gedanken in ihm auf, doch ohne Macht, sein leer gewordenes Herz zu füllen. Im Gegenteil, sie wollen noch den letzten verborgenen Funken in ihm verwehen. Schwer wird ihm, und eng und groß ist seine Sehnsucht. . . . Könnte er doch wenigstens jenes holde Mädchen sehen, Dinah, und sein Herz vor ihr ergießen! Nur sie vermöchte noch seine Seele zu beleben, ihm seine einstige Fröhlichkeit wiederzugeben. Doch sie hat sich schon von ihm entfernt. "Und er erinnert sich, daß er sie schon mehrere Tage nicht gesehen und bis jetzt ihr Fernesein nicht einmal empfunden hatte. .. * Leer ward vor ihm die Welt wie das Herz in seinem Innern. So saß denn Ben Uri, bis ihn tiefer Schlaf befiel, und es kam der Traumesengel und zeigte ihm am Himmel Lichter, Fackeln gleichend, deren Docht verzehrt war, auflohend und verlöschend, und nichts gab es, das ihr Licht noch bewahren konnte . . . Wohin geriet, wohin verschwand jenes Licht und erloschene Herz? Und in derselben Stunde verließ Dinah ihr Gemach, in ihr Nachtgewand angetan, und betrat die Arbeitskammer Ben Uris. Sie fühlt ein mächtiges Bedürfnis, mit ihm zu sprechen, und sie kann ihm doch nicht mehr böse sein, ihn nicht zu sehen wie bisher. Viele Tage hatte sie von ihm auch nicht ein Wort gehört... Und sie trägt ein Verlangen nach seinem Anblick, ihre Seele schmachtet nach seinem Singen, ihr Herz bangt nach seinem Munde und nach ihm selbst. Und sie kam und fand ihn nicht. Allein war sie im Zimmer, nur die heilige Lade vor ihren Augen. Diese steht vor dem geöffneten Fenster, dort wo Ben Uri bei Tageslicht mit ihr beschäftigt war. Dinah betrachtete die Lade, — und da ergriff sie ein heftiger Zorn. Diese Lade da hat eine Scheidung zwischen ihnen gestiftet, hat ihn von ihr entfernt und seinen Geist ihr entfremdet! Und Gedanken gären in ihr und durchwühlen sich und blitzen auf und nehmen Formen der Wut an. In ihrem Herzen siedet es. Und der Satan kam, goß Rachegift in ihr Herz und flüsterte ihr zu: „Dies ist deine Nebenbuhlerin!" Und die Vorstellungen gehen in ihre Hände über, diese strecken sich wie von selbst aus, stoßen plötzlich mit Heftigkeit an die heilige Lade, — diese schwankt und fällt durch das geöffnete Fenster. — — — — — — —------- Sie fiel, daß Gott sich erbarme, aber auch nicht ein Glied, eine Niete davon wurde verletzt, und sie blieb hängen zwischen den Blüten des Gärtchens unter dem Fenster, und Rosen und Blumen schwankten auf und nieder und trauerten über sie wie über dem Grabe eines Toten . .. Dunkle Nacht breitet über sie einen Vorhang von schwarzem Samt und webt aus Mondesstrahlen, die zwischen breitgeschichteten Wolken aufleuchten, silberne Linien,—wahrscheinlich will sie einen „Davidsschild" über den Vorhang der schmerzreichen Lade weben. (Fortsetzung folgt) Matthias Acher Dr. Nathan Birnbaum (zu seinem 25jährigen Schriftstellerjubiläum) Von B. J. Es trifft sich merkwürdig, daß wir gerade jetzt eine äußere Veranlassung haben, Matthias Achers Wirken und Schaffen zu würdigen. Jetzt, wo die Differenzen zwischen Ost und West, die ausgeglichen zu sein schienen, wieder zum Ausbruch kommen, gewinnt die Persönlichkeit Äthers besondereAktualität. Denn er, ein Westler, bildet den bisher stärksten Ausdruck einer intimen Verbindung von ost- und westjüdischem Denken und Empfinden. Er hat von Anfang an den Kern der Judenfrage in ihrer psychologischen, kulturellen und sozialen Bestimmung, in ihrer von zeitlichen und lokalen Sonderverhältnissen im Gründe nicht bedingten Allgemeinheit erfaßt und als ihre Einheitslösung in allen Ländern die „Selbstemanzipation" erkannt. In seiner 1893 erschienenen Schrift „Die nationale Wiedergeburt des jüdischen Volkes in seinem Lande" hat Birnbaum sogar in erster Reihe die westjüdischen Verhältnisse im Auge gehabt. In diesem „Apell an die Guten und Edlen aller Nationen" sind die Grundgedanken des Zionismus in präziser, klassischer Form gezeichnet und allseitig beleuchtet. In dem ersten, „Die Judenfrage" überschriebenen

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