Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 9 (4.3.1910)
- Date
- 1910-03-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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190 ■ ~ - - DIE 3 .... Die Thora ist ihm immer zugegen, und er überragt all seine Kollegen . . . Vor seiner Frömmigkeit, Herkunft und Züchten mußte die Weisheit selbst ihre sieben Tore errichten . . . Ein Jüngling, würdig in allen Dingen; er ist zu preisen und von ihm zu singen. Ihn lehrten, die des Geschlechtes Krone heißen, und haben ihm von Herzen einen glücklichen Bund verheißen." Da der Edle sah, daß seine Absicht unter guten Zeichen gelang, dachte er bei sich: „Jetzt wäre es wohl angemessen, daß unser Bräutigam in einer großen Jeschiwa der heiligen Stadt Jerusalem lehrte, und von der ganzen Welt strömten Schüler zu ihm, um Thora und mündliche Lehre von Zion zu empfangen." Was tat er also? Er schickte Boten aus und sammelte große Meister aller Art, er baute prächtige Säle, ließ sie streichen und mit Gemälden und erhabener Arbeit verzieren, brachte zahllose Schränke hinein, voll kostbarer Bücher, in denen nichts mangelte, was auf die heilige Lehre Bezug hatte, vereinigte damit auch eine kleine Gebetstätte, die er mit allem Schmuck ausstattete, berief fromme Schreiber für die Thorarollen und Goldschnitzer für deren äußerliche Ausschmückung. Und wozu dies alles? Damit das Gebet jenes weisen Jünglings benachbart sei seinem Lernen und damit man mit Recht dort sagen könne: „Er ist mein Gott, ihm will ich schöne Stätten bauen." Mehr aber als das Haus des Ewigen zu verschönern und zu verherrlichen mit aller Art kostbarer Zier, sann er auf die heilige Lade, daß sie durch ihre Schönheit sich auszeichne, etwas ganz Herrliches werde, wie es kein Auge noch gesehen ... Er begann hierzu nach einem gefeierten Künstler zu suchen und fand keinen. Doch unter den Werkleuten, die bei ihm arbeiteten, befand sich einer, sehr befähigt zu sinnreicher Arbeit, und Ben Uri war sein Name. Dieser Mensch war schweigsam und schüchtern von Natur, anscheinend ein einfacher Arbeiter, jedoch blickte noch etwas Besonderes aus seinen Augen, die wie aus einem Traume hersahen. Locken hatte er schwarze, wie Rabenflügel, ungepflegt wuchsen sie wild an ihm, und es schien, als wollte sein Haupt auf Flügeln in die Höhe schweben, doch seine Finger waren länglich und feingeschnitten wie Künstlerwerk. So sitzt nun dieser seltsame Mensch und befaßt sich schweigend mit seinem spielhaften Werke, so, als ob das Wichtigste seiner Arbeit in seinem Innern getan würde . . . Ihn sah Rabbi Achieser, suchte nicht weiter und wählte ihn. für die Arbeit der heiligen Lade. So nahm denn Rabbi Achieser genannten Ben Uri und bestimmte für ihn einen Raum im untersten Geschoß seines Hauses. Ben Uri begann sich zum Werke vorzubereiten, und es war, als ob ihn in seinem Zimmer dort ein ganz anderer Geist befiel. Etwas wie Freudigkeit und innerer Jubel begann in ihm zu pochen, als ob er das Erscheinen Eiiahus erwartete. Vor sich hin stellte er ein anscheinend gewöhnliches Holzkästchen, und warum stand er doch immer davor und betrachtete es den ganzen Tag? Er betrachtet es und singt dazu leise irgendeine Melodie, und es ist, als ob er in dem Kästchen eine Welt gewahr würde . . . Dann begann er sich Gefäße und Arbeitsgeräte herzurichten, und das Singen verließ seine Lippen nicht. Er begann das Werk selbst, und sein Gesang erhob sich von Tag zu Tag, KELT - ■ - < - r ■■ - r ■ " No. 9 bis er eine seltsame Anziehungskraft annahm'.'-. . Ihn hörte nämlich Dinah, die einzige Tochter des Edlen, da haftete ihre Seele an dieser Weise. Zum Fenster stellte sich das liebliche Mädchen, senkte ihr Haupt und hielt ihr Ohr gespannt, damit es jeden Laut und jeden Ton, der von unten kam, einsauge, und ihr Herz zog, zog es wie, Gott verhüte es, durch Zauberkräfte . . . Dinah begann zu ihm hinabzugehen, die Werke des Künstlers zu sehen und zu betrachten, und ihre Mädchen begleiteten sie. Sie hört sein Singen, und ihre Seele bangt nach ihm . . . Und auch ihm ist, als ob er sie mit seiner Melodie näher und näher heranziehen wollte, daß sie immer und immer noch dasteht und sich ewig von ihm nicht trennen kann . . . Und beide sind im Herzen ehrfürchtig und bebend, und zugleich wonneerfüllt, wie jemand, der vor dem entzündeten Sabbatlichte steht, und schwer wird, ihnen die Trennung. Zuletzt aber schied er sich von ihr. Nicht als ob er Reuegedanken hätte und einsähe, daß diese Jungfrau nicht für ihn bestimmt sei, nicht mit ihm unter den Trauhimmel schreiten werde, söndern nur diese Arbeit, die heilige Arbeit war es, die ihn vor sündigen Gedanken bewahrte, daß er nicht seines Herzens Neigung nachgehen konnte. Denn so wie er begonnen hatte, sich mit seinem Werke zu beschäftigen, wurde ihm dieses teurer als alles, darein versenkte er seine ganze Seele und sein Herz, sein Sinnen und seine Melodie waren ganz der heiligen Lade hingegeben, bei Tag und Nacht. Alles Leben seines Geistes war beschränkt und versenkt in diese Lade, die er oben und unten, in Himmel und Erde sah und nichts außer ihr in der ganzen Welt . . . Langsam, langsam schwanden auch die Gesänge von seinem Munde, — sie begannen in sein Händewerk hineinzufließen, daß die Lade davon voll wurde und selbst ein Stück Gesang .... Und Ben Uri verschönt, verprächtigt die Lade immer mehr. An ihren Wänden bildet er Gestalten und haucht ihnen Leben ein. Und diese Löwen und Parder, welche die heilige Lade gleichsam tragen! — fast ist ihr Mund voll Jubel, die Größe des Heiligen zu preisen. Und diese Adler, deren Flügel aufwärts gespreitet sind, wollen sie nicht weit, weit von hier fortschweben,, bis zum Throne der Erhabenheit und den heiligen Tierwesen dort oben? — Doch sie hören das Klingen der goldenen Glöcklein über dem Vorhang, wenn die Lade geöffnet wird: dann bleiben sie an ihre Stelle gebannt, verweilen zwischen Himmel und Erde und können niemals fort von hier. Und wieder und wieder ein Tag, und er vollendet endlich die edle Arbeit am Heiligtume. Und die Großen Jerusalems bereiten sich für den festlichen Weihetag der heiligen Lade, da man sie in jenes Gotteshaus einziehen lassen wird, welches der gepriesene Edle zu Ehre und Herrlichkeit gegründet hat, — und sie werden Thorarollen hineinsetzen, gekrönt mit Gold- und Silberkrönung und aller Ausschmückung der Heiligkeit, würdig für eines Königs Besitz. Und Ben Uri arbeitet mit einer wachen Begeisterung wie nie zuvor. In keinem Land, in keiner Stadt, bei keinem Werke hatte er Ähnliches empfunden wie hier, M 1 wo die „Schechinah" sich geoffenbart und dann „um unserer Sünden willen" das Los der Verbannung erlitten hatte ... Und die Arbeit war vollendet. V