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Die Welt · 1910-03-04 · 9 (4.3.1910) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
9 (4.3.1910)
Date
1910-03-04
Page
– (sequence 5)
Language
German
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No. 9 DIEE^ELT 189 (□□□□□□ FEUILLETON SEELENVERBANNUNG (Eine Geschichte aus denr heiligen Lande) Aus dem Hebräischen?des Sch. J. Agnon übertragen von Ernst Müller □□□□□□ So heißt es in den heiligen Schriften: Ein Faden der Qnade zieht sich durch alle Werke Israels, — und der Heilige selbst, gepriesen sei sein Name, in seiner Herrlichkeit, sitzt und webt daraus Gewebe an Qewebe, eine kostbare Gewandung, ganz aus Huld und Gnade, daß sich die Gemeinde Israel darein hülle in den Freude- und Wonnestunden der Gebotserfüllung, — und darum leuchtet sie manchmal so in ihrem Schönheitsglanze an Sabbaten und Feststagen, selbst in den Stätten ihrer Verbannung, gleichwie in ihrer Jugendzeit in ihrem Vaterhause, im Königstempel, in der Königsstadt. Und in jener Stunde, da Segnungen zu ihm aufsteigen, bemerkt er, daß sie gar nicht befleckt und erniedrigt wurde, nicht einmal im Lande ihrer Feinde, — und siehe, dann tut er, als ob er ihr mit dem Haupte zunickte und ihr huldigte: „Schön bist du, meine Freundin!" — — — — Und das ist das große Geheimnis, die Macht und Erhebung und Liebeswonne, die zu solchen Stunden jeder Mensch, jedes Weib und jeder Säugling in Israel empfindet. Doch manchmal tritt, Gott behüte, irgendein Hemmnis ein, welches den Faden im Gewebe unterbricht, die Hülle wird vergröbert, böse Winde wehen, dringen in sie ein und reißen sie in Stücke, — dann erfaßt alle eine große Scham, und „sie wissen, daß sie nackt sind".--Ihre Sabbatstille wird zerstört, ihre Festlichkeit erschüttert, statt Schmuck bedeckt sie Asche, und Sulamith ist in Gram und jammert: „Sie schlugen, sie verwundeten mich und rissen meinen Mantel von mir." Ihr Geliebter ist von ihr gegangen, und sie sucht ihn, seufzt und spricht: „Findet ihr meinen Geliebten, dann erzählt ihm, daß ich krank vor Liebe bin."----Und solche Liebeskrankheit führt nur zu schwerem Trübsinn und verunreinigt sie wie, Gott erbarme sich, ein preisgegebenes Weib,----- bis wieder aus der Höhe ein Hauch über uns kommt, daß wir von neuem erlesen werden zu guten Taten, die ihren Schöpfern zum Ruhme gereichen, und wieder fortspinnen jenen Faden der Huld und Gnade vor dem Allgegenwärtigen....... Und danach zielt der Verfasser mit der Erzählung des folgenden merkwürdigen und furchtbaren Begebnisses im heiligen Lande, von einem ganz erlesenen reichen Manne, der ehrenvollen Persönlichkeit des Rabbi Achieser, den sein Herz angetrieben hatte,aus dem Golus nach der heiligen Stadt Jerusalem zu ziehen, dort in der Gemeinde große Verbesserungen vorzunehmen, den Zustand seines Volkes zu heben, auf daß es sich in Ehren ernähre, die Lehre in Israel zu erweitern und zur Macht zu bringen und den „Vorhof"1) ein wenig von den Zeichen der Zerstörung zu befreien, bis wir dessen gewürdigt werden, daß er selbst zum Palast- *) „Vorhof" und „Palastraum" sind kabbalistische Bezeichnungen der diesseitigen und jenseitigen Welt. Nach der Wiederherstellung Zions wird das diesseitige Leben dem jenseitigen gleichen. räum sich wandle, wenn der Heilige, er sei gepriesen, seine Herrlichkeit wieder erscheinen läßt über Zion, in Bälde, in unsern Tagen. Rechne es ihm Gott zum Guten an, was er an seinen Brüdern, den Söhnen seines Volkes getan hat, welche in den Ländern des Lebens2) vor dem Angesichte des Ewigen wohnen, — ob es ihm auch nicht gelingen sollte. Männliche Nachkommen hatte Rabbi Achieser nicht, doch siebenmal des Tages dankte er dem Hochzupreisenden für die einzige Tochter, die ihm; gegeben war. Diese seine Einzige hütete er wie seinen Augapfel. Er hielt ihr Dienerinnen und Mägde, und jedem Worte, das aus ihrem Munde kam, folgte sofortige Erfüllung wie dem Befehl einer Königin. Und wahrlich, dieses Mädchen war all der Ehre würdig, so waren in ihr alle edlen Wesenszüge vereinigt. Ihr Angesicht strahlte wie das einer Königstochter, in ihrer frommen Art war sie wie eine der Stammesmütter, ihre gelassen feine Stimme glich dem Tone der Davidsharfe, all ihr Wandel geschah in Ehren und Züchten. Keusch war sie; ihre Ehre hielt sich im Innersten des Hauses; nur die in dem fürstlichen Hofe aus- und eingingen trafen zuweilen die Tochter des Edlen, zur Abendzeit lustwandelnd, in dem Garten ihres Häuschens; so schritt sie zwischen würzigen Sträuchern und Rosenbeeten, und eine Schär von Tauben umschwebte sie in der Dämmerung, flüsternd von Liebe und Innigkeit, und hielten die Flügel über sie gleich den goldenen Cherubim über der heiligen Lade, Als aber die Zeit der Liebesreife kam, schickte ihr Vater Sendboten nach allen zerstreuten Städten Israels, einen würdigen Jüngling zu finden, ein Kleinod, das nicht seinesgleichen hätte. Und alsbald stellte sich auch der Satan ein. Nicht umsonst begannen sie ihm nachzureden, daß er die Lehrhäuser und Jeschiwoth des heiligen Landes in Schande brachte und einen Bräutigam für seine Tochter gerade draußen in den Ländern des Golus suchen mußte, — doch wer mag einem Großen seinesgleichen sagen: Was tust du? Alle begannen erwartungsvoll auszuschauen, was für einen Ehebund der Heilige, sein Name sei gepriesen, für diese verborgene Perle bestimmen mochte, für die herrliche einzige Tochter, das gepriesene Kind Jerusalems, und man erwartete auch große Werke der Mildtätigkeit und wichtige Veränderungen in der heiligen Stadt, welche gewiß zugleich mit der Hochzeit geschaffen würden am Tage der Herzensfreude des frommen und hochgesinnten Rabbi Achieser. Und nach einigen Monaten kam wirklich ein Brief von den Sendboten, darin also geschrieben war: „Wir haben zu künden unverhohlen, daß wir gefunden im Lande Polen einen herrlichen Jüngling, schön an Wuchs. 2J Als „Länder des Lebens" wird das heilige Land bezeichnet. 2

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