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Die Welt · 1910-03-04 · 9 (4.3.1910) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
9 (4.3.1910)
Date
1910-03-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
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188 ME^ELT No. 9 Resultate allerdings an Faktoren denken, die sich außerhalb des zionistischen Einflußkreises befinden; aber auch diejenigen sind in die Begründung eines negativen Urteils einzubeziehen, die ihre Arbeitskraft in fruchtlosen und verbitternden innern Streitigkeiten erschöpften, statt ihre wertvolle Energie ganz für die Schaffung positiver Werte einzusetzen. Die Leitung hat bei ihrer Tätigkeit mit den ihr von der Organisation zur Verfügung gestellten Mitteln rechnen müssen. Werden alle Zionisten ihre Pflicht tun, wird die Organisation mehr Mittel aufbringen, so wird die Leitung, soweit das an ihr liegt, mehr leisten können. Ihr den ehrlichen Willen zur Arbeit in Palästina absprechen, ist kein ehrliches Argument. Resümieren wir: 1. Der Streit zwischen Ost und West ist, soweit er zionistische Fragen berührt, nicht prinzipiell-politischer oder nationaler Natur, sondern betrifft nur die Methode der Arbeit in Palästina. 2. Die Leitung arbeitet in Palästina und in der Türkei und hat — es ist ja bedauerlich, das sagen zu müssen — den festen Willen, auch weiter in Palästina zu arbeiten und unsere türkischen Positionen zu stärken. Bleibt det letzte Punkt, in dem das Manifest etwas schleierhaft die Verwirklichung des organisatorisch-volkstümlichen 'Gedankens in der Leitung unserer Bewegung als eine Lebensfrage bezeichnet. Nun hatte ja die Leitung selbst dem Kongreß einen Entwurf vorgelegt, der eine Umgestaltung der Führung — dem Stande der Bewegung entsprechend — in Ressorts mit verantwortlichen Vorständen, die ihr Amt nicht nur bekleiden, sondern es auch versehen, anregte. Dieser Entwurf kam nicht zur Beratung. Die Opposition hatte bessere Verwendung für die Zeit des Kongresses. Es kam nicht dazu, daß die Leitung selbst dem Kongreß ihre Bereitwilligkeit erklären konnte, für ein kollegiales Zusammenarbeiten die Grundlage zu schaffen. Und wir sind deshalb so frei, die Priorität dieses guten Gedankens für die sonst so verscholtene Leitung in Anspruch zu nehmen. Daß er von den 19 Herren, die das Manifest unterfertigt haben, aufgegriffen wird, zeigt nur seinen innern Wert. . Was also die Herren gutes vorschlagen, ist nicht neu. Was sie aber sonst vorbringen und fast mit dem ganzen Wortschatz, über den die deutsche Sprache verfügt beweisen wollen, legt wieder die Frage nahe, die vor dem Kongreß, die während des Kongresses so oftmals gestellt wurde: Wie lautet das konkrete Programm dieser Opposition? — Der Worte haben wir viele gehört, wir wollen Taten sehen. Die Bewegung hat ein Anrecht darauf, von jedem, der ihr neue nützliche Impulse verspricht, auch zu fordern, das er sie nennt. Aber seit Monaten erwarten wir vergebens die so oft in Aussicht gestellten progammatischen Grundsätze, die der Bewegung frisches Leben geben sollten, die Vorhandenes, schwer Errungenes nicht zerstören, sondern weiter bauen, die nicht neue tiefgehende Spaltungen erzeugen, sondern die Bewegung auf der bestehenden Grundlage geeinigt in geschlossener Masse weiterführen sollten. Das aber, was uns vorliegt, erfüllt diese selbstverständliche Forderung nicht. Dieses abstrakte Elaborat ist ein Experiment, das, indem ein Gegensatz zwischen der Leitung und der Organisaiton, zwischen den einzelnen Teilen der Organisation künstlich konstruiert wird,, die Organisation in ihrem innersten Leben, in ihrer Einheit, ihren Grundprinzipien bedroht. Deshalb kann der Angriff, der auf die Leitung und durch den in ihm liegenden Keim gefährlicher Verwickelungen auch auf den Kongreß und damit auf die Bewegung vei sucht wird, nicht scharf und deutlich genug zurückgewiesen werden. Politischer Brief aus Ungarn Das Gewitter, das sich über die koalierten Parteien des ungarischen Parlaments entlud und die vom Geiste der Reaktion durchwehte Regierung von der Bildfläche wegfegte, scheint wenigstens auf unsere gedrückte Atmosphäre gewirkt zu haben. Wenn die Zeichen nicht trügen, ist tur die lieranbrechende Periode das klerikale Schlagwort außer Mode. „Es gibt Antisemiten und antijüdische Strömungen," —- sagte der ungarische Ministerpräsident Graf Khuen H6deväryzum Berichterstatter des Budapest! Napiö, — „an einen Mann in meiner Position dürfen diese sich aber nicht heranwagen." „Schon die Frage, wie ich über das Verhältnis zum Judentum denke, ist unstatthaft; denn sie gesteht die Möglichkeit zu, daß man am Staatsruder sein und sich von einseitigen konfessionellen Gesichtspunkten leiten lassen könne. Diese Möglichkeit widerspricht den Staatsgrundgesetzen, muß darum in dieser Form ausgeschlossen sein." Sein Amtskollege im Reiche der Justiz, der provisorische Kultus- und Unterrichtsminister, Franz Szekely, hat diesen Worten die entsprechende Tat als Kommentar folgen lassen. Der gefürchtete Sektionschef des Unterrichts- und Schulwesens, Graf Hadik Barköczy, mußte in der Versenkung verschwinden. Was seine Entfernung für das durch ihn gezüchtete jüdische Kulturproletariat bedeutet, kann man beurteilen, wenn man weiß, daß er jedem Lehramtskandidaten, der sich auf Grund höherer Qualifikation für ein Amt meldete, mit brutaler Offenheit die Ergänzung seiner Eingaben durch den amtlich bestätigten Taufschein abforderte. Jüdische Talente mußten unter ihm kümmerlich verkrüppeln. Nur wer mit elastischem Charakter sich in geregelte konfessionelle Verhältnisse hineintaufte, ward vom Sonnenstrahl seiner katholischen Gnade in die Höhe getrieben. Nun wird es anders. In allen Sektionen gibt es nun Schutt abzutragen. Mit einem wahren Sadismus hat die Grenzpolizei ihre staatserhaltende prophylaktische Aufgabe erfüllt. Sie sollte das Land vor der fremden Invasion, worunter die jüdische Einwanderung aus der andern Reichshälfte verstanden war, sichern. Sie waltete ihres Amtes mit einer Gewissenhaftigkeit, die an zynische Gewissenlosigkeit grenzte. Was vom Judentum an den Karpathen nicht rechtzeitig die Familienpapiere sichtete, wurde als staatsgefährlich nach „Estreich" (sprich Galizien) abgeschoben. Daß diesem Treiben durch einige Kahalpotentaten an der Grenze, die wie Scharmann in Kaschau durch das Abströmen des östlichen Elements ihr ewiges Westlertum im jüdischen Kahalrat sichern wollten, bewußt Vorschub geleistet wurde, läßt die traurige Geschichte der ungarischen Judenheit nur deprimierender erscheinen. Ja, selbst der vom Hungertyphus bedrohte jüdische Bauer von Bereg, Ugocsa, Märm. Sziget, der um den Hausierschein für den Dorfhandel bei der Obrigkeit einkam, bekam sein angestammtes Judentum bitter zu fühlen. Was den Walachen, Slowaken und ßosniaken ohne weiteres gestattet wurde, die freie Bewegung im Lande, ward ihm untersagt. Die Städte blieben ihm verschlossen... Die Funktion des jüdischen Elends hat sich — und das ist das Dankenswerte aus dieser traurigen Epoche — ihr Organ instinktiv schaffen müssen. Nicht nur der ungarische jüdische Kulturverein, auch der jüdische Patronagenverband hat seine Existenz der aufgezwungenen Selbsthilfe zu verdanken. Alljährlich wurden über 2000 Kinder der alleinseligmachenden Kirche in den Schoß getrieben. Man hat die verlassenen Geschöpfe wie herrenloses Gut behandelt und ad majorem gloriam dem Judentum aus dem Leibe geschnitten. Nun werden sie von jüdischer Munifizenz geschützt. Der jüdische Kulturverein, für den auch die zionistischen Kräfte energisch arbeiten, bearbeitet den aufgewühlten Grund mit keimsicherer Saat. Und auch die mit starrer Pein am Alten festhaltende Partei der Strenggläubigen ist daran, den Ausbau ihrer autonomen Organisation den neuen Umständen anzupassen. Sogar im Verhalten der Presse ist ein Umschwung zu verzeichnen. Für diesen Wandel möchte ich auf den kolonisatorischen Plan des „Pesti-Hirlap", der bis auf ein Haar den Gedankengängen Nasim Beys ähnelt, hinweisen. „Siebenbürgen geht dem ungarischen Naturalstaat verloren. Die dortigen Urmagyaren werden von der Majorität der Walachen und Sachsen vernichtet. Wollen wir diesen geographischen Begriff in den ungarischen lebendigen Organismus zurückverpflanzen, so geht dies nur durch eine kühne jüdische Bluttransfusion. Kolonisieren wir Juden. Das ist der letzte Rettungshalm. Der wild bestialische Haß, den der Rumäne gegen den Juden empfindet, wird letztern zum fanatischen Apostel des ungarischen- Staatsgedankens machen. Platz für den jüdischen Puffer, sonst zerschellt der ungarische Staatswagen am Siebengebirge." Und vor nur drei Jahren hat dasselbe Organ den Gedanken, die 60CO0 Acker Schaumburg-Lippeschen Besitzes für jüdische Kolonisationen im ungarischen Süden zu verwenden, für Vaterlandsverrat gestempelt, der im Zuchthaus Ahndung verdient. Zioni. (Man macht sich also in Ungarn daran, so wie in Böhmen die Juden zu Schleppträgern der bedrohten deutschen, hier der magyarischen Nation zu machen und den Haß der sich in die Höhe ringenden kleinen Völkerschaften auf die Juden abzuleiten. Diesem traurigen Beginnen sollte beizeiten entgegengearbeitet werden. D.Red. )

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