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Die Welt · 1910-03-04 · 9 (4.3.1910) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
9 (4.3.1910)
Date
1910-03-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Und das geschah immer zum lebhaftesten Mißvergnügen einer von Kongreß zu Kongreß sich in der Persönlichkeit der Anhänger gleichbleibenden Schar von stets Unzufriedenen, die es kaum je für richtiger hielten die Leitung zu unterstützen, ihre eigene Individualität dem Ganzen unterzuordnen, sich ihm einzufügen, sondern die stets nach Crispis berühmten Ausruf die Regierung verfluchten, weil sie immer regnen ließ. Was immer die Leitung tat — erst hieß es „Wien", heute heißt es „Köln" — war unrecht. Man sah nicht ihre Tätigkeit, sondern suchte mit der ganzen jüdischen Gründlichkeit nach Lücken in der Art, wie die Leitung die Befehle des Kongresses volkog. Was die Leitung sagte, um ihre Haltung zu erklären, ihr Vorgehen zu rechtfertigen, hörten jene gar nicht an. Und man muß immer an jenen Redner denken, der im seligen Frankfurter Parlament sagte: „Die Gründe der Regierung kenne ich nicht, allein ich muß sie mißbilligen!" Man hat vielfach in diesen von Kongreß zu Kongreß wiederkehrenden, in den gehaltenen Reden, in ihrem Ton, ihrer Bitterkeit und — in der Person der Redner sich immer gleichbleibenden Erscheinungen Äußerungen des negativen Pessimismus erkennen wollen, der, um nicht in Resignation umzuschlagen, sein Heil im Klagen und Analysieren, im Grübeln und Kritisieren sucht. Aber ein solcher Pessimismus müßte doch einmal den Angelpunkt angeben, wo man mit dem Bessermachen zu beginnen hätte. Er müßte doch einmal, statt immer zu predigen, die Leitung sei unfähig, von dem schon Erreichten den Weg zu zeigen, das Erreichbare näher zu bringen* Es gibt aber einen positiv wirkenden Pessimismus, der nicht aus sich selbst erwächst, sondern der die Frucht der Tat und des Geschehens ist. Der Pessimismus eines Volkes ist sicherlich ein Zeichen dafür, daß es seinem Leben an starken Anregungen fehlt, daß ihm keine Ziele gesteckt sind, an die es ein leidenschaftliches Streben setzen mag. Aber solcher Pessimismus ist mit immerwährendem Neinsagen nicht identisch, denn dieser Pessimismus bildet mit seiner Erkenntnis vorhandener Übel doch nur die vorbereitende Stimmung, aus der wieder der Wille zur Tat erwachsen muß. Das jüdische Volk ist kein müdes Volk, kein Volk von Greisen und auch kein Volk, das gesättigt ist. Es hat noch zu streben und in der Welt noch etwas zu erringen. Und dieses Bewußtsein führt — wir brauchen gottlob solchen Mangel nicht zu beklagen — zu freudigem Bejahen, zum Wollen und zur heilsamen Kritik, die, wenn von starkem Willen vorgebracht, bessere Früchte trägt als ein gieichgiltiges Geschehenlassen. Ein Darüberhinausgehen aber, ein bewußtes, stetiges, höhnisches Bagatellisieren jeder Arbeit der Leitung ist nicht solcher vorwärtstreibender Pessimismus, sondern Zerstörung des Erreichten. Es ist ein Minenlegen in den festgefügten Bau der Organisation. Wir haben letzthin das Manifest jener schon mehrfach erwähnten Gruppe ausführlich genug veröffentlicht und dazu bemerkt, was der Augenblick zu sagen gebot. Wir haben heute die Pflicht, ernst und nachdrücklichst vor der Fortsetzung von Versuchen zu warnen, die in ihrem letzten Ende nur ein neues Chaos zu schaffen geeignet sind, die weniger einen Angriff auf die Leitung, als vielmehr auf die Organisation und auf unser Parlament darstellen. Der Berliner Aufruf stützt sich auf den Willen der russischen und österreichischen Landsmannschaft, ihren Prinzipien zum Durchbruch zu verhelfen, und strebt einen Zusammenschluß der Zionisten der andern Länder zur Unterstützung dieses Willens an. Wir wollen hier zunächst nur feststellen, daß die österreichische Gruppe durchaus nicht den gleichen Willen äußerte. Ein Teil der Galizier, alle Delegierten aus der Bukowina, aus Mähren, und die Mehrheit der böhmischen Delegation sprachen sich für die Arbeit der Leitung aus. In der Opposition stand auf dem Kongreß die kleinere Hälfte der westösterreichischen Delegation. Und fragt man nach der Stimmung in der russischen Landsmannschaft, so gibt über die Taktik, die dort befolgt wurde, der offene Brief, den Herr Dr. Rosenbaum-Minsk au das Zentralkomitee »richtete, genügenden Aufschluß. Er zeigt, daß auch dort die Ansichten in bezug auf die Leitung durchaus nicht die gleichen waren. Und wenn man weiß, daß sich zur Opposition nicht alle Russen, aber Delegierte der verschiedensten Länder zählen, so ist man schon damit allein imstande, die Klage von dem Streit zwischen Ost und West, über die Ausschaltung der Russen auf das richtige Maß zurückzuführen und sie für ein fein ausgesonnenes demagogisches Schlagwort zu erkennen, das bei urteilsunfähigen Lesern seine Wirkung tun soll. Es ist ein müßiges Beginnen, aus der Haltung der russischen Delegierten auf eine gleiche Stimmung unter ihren Wählern schließen zu wollen und eine prinzipielle Differenzierung zwischen Ost- und Westjudentum nachzuweisen. Es liegt eine lange Reihe von Vertrauenskundgebungen für das E. A. C. aus* Rußland, Galizien und Rumänien vor und dieser Umstand an sich zeigt schon klar, daß die Landesgrenzen aufgehört haben, im Zionismus irgendeine Rolle zu spielen. Man spricht von einem Riß, der sich zwischen Ost und West geöffnet hat. Wo ist er zu sehen? Das Baseler Programm besteht aufrecht, die Arbeit in Palästina ist jedem Zionisten ernst und teuer, ob er nun in Rom oder in Wladiwostok lebt, die Beschlüsse des Kongresses sind jedem Zionisten oberstes Gesetz. Und wenn der Osten das geistige und kulturelle Leben der Westjuden, die Westjuden das ihrer östlichen Brüder kennen lernen wollen, so stehen ihnen beiderseits so viele Hilfsmittel zur Verfügung, daß die Zionisten es wahrlich nicht nötig haben, hierzu von der Leitung ans Gängelband genommen zu werden. Nein, es gibt keine Spaltung zwischen zionistischem Ost und West. Es existieren nur innerhalb des Zionismus verschiedene Auffassungen über das Tempo, in dem die Palästinaarbeit zu vollziehen ist. Diese Auffassung mag sich, was an sich berechtigt erscheint, nach den äußern Lebensumständen unserer Brüder im Osten stürmischer, drängender zeigen, — unberührt davon bleibt das reine zionistische Ideal, das uns allen die gemeinsame Weltanschauung geworden ist, von der aus wir an die Dinge herantreten. Die Unterschiede zwischen uns sind nur taktischer Natur. Man höre doch mit so großen und tönenden Worten wie „Ausschaltung der Rus:en" auf. Nicht die Russen sind ausgeschaltet worden, sondern diejenigen ihrer Wortführer, die mit dem Streit lange vor dem Kongreß begannen, die dann die Zeit des Kongresses mit ihren Angriffen auf die Leitung in Anspruch nahmen und dann schließlich, als von ihnen ernste Arbeit gefordert wurde, ihre Unfähigkeit, zeigten die Bewegung auch wirklich zu leiten, die bisherigen Mitglieder der Leitung durch fähigere oder auch nur gleich fähige zu ersetzen. Nun die Palästinaarbeit und die reale, moderne Politik. Was hat die Leitung in Palästina und in der Türkei getan? Ja, wer hat denn die A. P. C. in Jaffa, wer ihre Filialen in Beirut, Haifa, Hebron, Jerusalem geschaffen? Wer hat die P. L. D. C. gegründet das Palästinaamt aktiviert? Wem verdankt der Achusat Baith, die Ölbaumspende ihr Gedeihen? Die Bezalelschule wird von der Leitung unterstützt, die auch die Errichtung des Technikums in Haifa fördert. Das E. A. C. unterstützt das Palästina-Industrie-Syndikat, das sich um Konzessionen bewirbt, führt mit dem Nationalfonds die Landkäufe durch und greift überhaupt bei jeder nötigen Gelegenheit in Palästina ein. Die Leitung hat in Konstantinopel eine Bank gegründet; sie hat dort eine ständige zionistische Vertretung errichtet. Sie hat alles getan, was die dort gegebenen Verhältnisse und die Forderungen des Momentes erheischten. Das mag ja jedem, der nicht die Unsumme der hierin liegenden Arbeit und Mühe sehen will, gering erscheinen. Aber die Leitung hat bei den in Palästina geschaffenen Institutionen die Mittel der Organisation bis an die äußerste Grenze festgelegt. Wenn sie nicht mehr erreicht hat, so muß man bei der Beurteilung der vorhandenen 1*

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