Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1910-03-04 · 9 (4.3.1910) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
9 (4.3.1910)
Date
1910-03-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316406-3316416--52959-3346697
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

erörtert worden; es braucht uns hier nicht zu beschäftigen, um so mehr als das, was uns eint, hier wie dort das gleiche ist, die gleiche Not, die gleiche Sehnsucht naeh endlichem Ausruhen in der uns eigentümlichen, angestammten Volkskultur. Ja, es ist wahr, die Juden in Rußland sitzen auf einem Pulverfaß, sie haben nicht jene Sicherheit für Gut und Blut wie wir; das aber sind Dinge von mehr praktischer Bedeutung, und ich könnte mir vorstellen, daß eine Zeit kommen wird, wo auch Rußland seinen jüdischen Bürgern Luft und Bewegungsfreiheit zugestehen wird. Das Wesentliche für West wie Ost ist die seelische Pein, die den mehr oder weniger freundlich geduldeten Gast nach der Heimat auszuschauen zwingt. Was macht denn das Wesen der ausgeglichenen Persönlichkeit aus? Doch wohl nur die Übereinstimmung des Kultur- und Stammesbewußtseins eines Menschen mit -dem seiner Umgebung. Wir, die wir die wunderbare Fülle deutscher Kultur aus nächster Nähe betrachten dürfen, so nahe, daß viele von uns meinen, sie hätten sie sich ganz zu eigen gemacht, fühlen gerade aus unserer nationalen Eigenart heraus die Kluft, die uns von jener trennt. Deutschland ist kein Staatengebilde wie die Schweiz, und wenn wir auch ebensogute Staatsbürger sind wie nur irgend ein Verdy du Vernois, und so gut deutsch-staatsbürgerlich fühlen wie die Italiener im Kanton Tessin oder die Franzosen im Kanton Genf schweizerisch-staatsbürgerlich, so dürfen jene ungetadelt der italienischen oder französischen Kultur anhängen; wir aber inmitten der deutschen Kultur, die nur eine ist für alles deutsche Land, wir sind die Entwurzelten, die das Land der Heimat mit der Seele suchen, und das um so mehr, als die Verlockung, dem großen, starken und reichen Wirtsvolk sich mit Haut und Haar zu ergeben, eine um so größere ist, je höher wir eben seine Kultur bewerten müssen. Deutscher zu-sein, ist mehr, als Russe zu sein; wir westlichen Juden verzichten auf Größeres als die im Osten; unsere Not ist so groß wie die ihre und vielleicht größer. Aber das ist sie nur, solange wir uns noch nicht zum Zionismus durchgerungen haben. Die Ideen der jüdischen Renaissance — ohne oder mit Judenstaat, das gebe ich Herrn Dr. Oppenheimer zu — ist die Befreiung von aller Not. Denn sie bringt unsere Kultur mit unserm Stammesgefühl in Einklang und hindert niemanden daran, alles das von der Zivilisation seiner Umgebung sich ganz zu eigen zu machen, was ihm lieb geworden ist. Nicht nur für diejenigen, welche „sozusagen schon zur Reise nach Palästina gepackt haben", sondern auch für uns andere, deren theoretisches Eindringen in deutsche Kultur ein stärkeres ist, ist der Zionismus die Befreiung aus Zwiespalt zur Einheit. s£ sfc * Es liegt mir fern, Dr. Oppenheimer zuzurufen: „Du bist kein Zionist!" Nicht die Tatsache, daß er das Baseler Programm anerkennt, macht ihn in meinen Augen zum Zionisten, sondern — und er sagt es ja auch selber — seine Zugehörigkeit zum jüdischen Stamme und sein Wille zum Zionismus. Ich stehe nicht an zu behaupten, daß jeder Jude, der nicht mit allen Mitteln aus seinem Volkstum wegstrebt, jeder Jude also, der jüdische Wesenheit als etwas Wertvolles, Behaltenswertes, Schönes und Adeliges erkannt hat, zu uns Zionisten gehört, selbst wenn ihm die Unmöglichkeit, als Jude die deutsche Kultur in ihrem gangen Umfang in sich aufzunehmen, nicht klar geworden wäre. Und darum ist mir nicht bange um den Zionismus, Mögen die einen — wie die Östler z. B. — mit fieberhafter Eile und Ungeduld auf die baldige Erfüllung der jüdischen Heimatsidee hinarbeiten, mögen die andern, wie das bei uns Westlern zutrifft, erkannt haben, daß wir erst in den Anfängen stehen, daß schon viel getan ist, wenn dem Zionismus als dem jüdischen Kulturideal allgemeine Geltung zugebilligt wird, — das eine machtunser Streben vor dem Tribunal der Geschichte gleich: West wie Ost kämpfen um das gleiche Ziel. Nicht nur der Schekelzahler ist Zionist. Zionist ist jeder, der sich nicht schämt, ein Jude zu sein. Wer über sein Judentum nachdenkt, wird zu uns kommen müssen, wie groß auch das Opfer an Hinneigung zu einer fremden Kultur sei, das er bringen muß. Das Manifest der Berliner Eine der wichtigsten Fragen, die in unserer Zeit die vernehmlichsten geistigen Führer beschäftigen, ist die, ob der Parlamentarismus wirklich die Panacee geworden ist, von der das Heil der Nationen zu erwarten stünde. Diese Frage ist fast gleichzeitig in national einheitlichen Staaten, wie England und Deutschland, und in von dem Fieber national-wirtschaftlicher Kämpfe geschüttelten Ländern, wie z. B. Österreich, aufgetaucht. Es gehört daher zu den stolzesten Errungenschaften unserer, der zionistischen Bewegung, daß der zu Beginn der organisatorischen Zusammenfassung der Zionisten von HerzI unternommene Versuch, ein jüdisch-bewußtes, kraftvolles Parlament zu schaffen, sich glänzend bewährt hat. Der Kongreß ist die Tribüne geworden, von der aus das jüdische Volk, durch die Träger und Vertreter seiner nationalen Ideale und Hoffnungen repräsentiert, frei zu aller Welt spricht und sich an die Nationen aufklärend wendet. Andere jüdische Körperschaften — ihr guter Wille sei hier nicht weiter in Frage gezogen — vertreten ja nicht das jüdische Volk, stützen sich nicht auf seine Legitimierung. Unser Agens ist die auf ein unverrückbares Ziel sich richtende Wucht der nationalen Idee. Den Hoffnungen, die die zionistische Bewegung in den Kongreß gesetzt hat, der zur ständigen obersten Legislative des öolus geworden ist, ist bisher kein Abbruch geschehen. Von Session zu Session fortschreitend, hat der Kongreß die Aufgaben der Organisation immer schärfer umschrieben, ihre Grundlagen gefestigt, ihre Bahnen genau vorgezeichnet. Und es ist weiter eine rühmliche Tatsache, daß jeder Zionist die Beschlüsse unseres Parlaments als einzige Richtschnur für sein Verhalten innerhalb der Bewegung achtete und daß die zionistische Armee ihren Marsch einig und geschlossen fortsetzte. Es fehlte ja nicht an bedauerlichen Versuchen, das jüdische Temperament dazu zu benutzen, eine auf der Basis gesunder Argumente operierende Opposition zu Stürmen und Angriffen gegen die Leitung vorzuführen und fortzureißen. Aber immer siegte die Festigkeit, die politische Reife und die Pflichttreue der Zionisten über solche Versuche, und immer schloß sich an solche Experimente die einheitliche Versicherung des Vertrauens zu der Leitung, deren Ernst und Verantwortlichkeitsgefuhl die Würdigung der Kongreß delegierten in einer Weise erfuhr, die unzweideutig bewies, daß man die schwierige Arbeit der Leitung vollauf erkannte.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.