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Die Welt · 1910-03-04 · 9 (4.3.1910) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
9 (4.3.1910)
Date
1910-03-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
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DIE KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING 31 ELT ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XIV. JAHRO. KÖLN, 4. März 1910 q-nnb ND'nn'« TIN No. 9. STAMMESBEWUSSTSEIN — VOLKSBEWUSSTSEIN Von Dr. Richard Huldschiner Es kann die Frage gestellt werden, ob es zweckmäßig war, diese schwierigen Dinge gerade jetzt zu erörtern; da aber nun einmal der Anfang gemacht ist, erscheint es notwendig, sich weiter damit zu beschäftigen, um so mehr als der Rufer im Streit ein Mann ist, der, mit allen Wassern deutscher Kultur gefärbt, dennoch den Weg zum Zionismus gefunden hat. Ich bin in der nämlichen Lage, komme aber zu andern Resultaten als er; denn ich weiß, daß Kultur nicht etwas ist, was man lernen kann, sondern daß Kultur mit uns geboren wird und einen wesentlichen Bestandteil unserer Persönlichkeit ausmacht. Wenn ich die Untersuchung der Frage auf uns deutsche Juden beschränke, so habe ich zu erörtern, ob wir deutsches Kulturbewußtsein im Sinne Oppenheimers haben können; denn das wäre es ja, was uns von den Ostjuden unterschiede. Was ist Kultur? Kultur ist die Summe aller geistigen Strebungen eines Volkes, das durch objektive Stammeseigenschaften und Sprache zusammengehalten wird. Das gilt für große wie für kleine, für hochwie für tiefstehende Kulturen. Das alte Griechenland z. B. zerfiel in eine Anzahl von Staaten, die sich zeitweilig grimmig befehdeten. Dennoch entwickelte sich in Hellas jene feine Blüte geistiger und gemütlicher Bildung, die ganz Griechenland umspannte und von einer ganz spezifischen, nie wieder erreichten Prägung war. So viel Verschiedenes auch bestand, — das Bindende war das Wesentliche, Bestimmende: die Rassengemeinschaft nämlich, und aus ihr heraus geboren das griechische Volksgefühl, das alle Umwohnenden als Barbaren schlechthin abtat. Es entstammte dem Gefühl der direkten Verwandtschaft mit dem ganzen Komplex der göttlichen Erscheinungsformen, die frühe Seher und Dichter gefunden hatten: Gott in allen seinen Gestalten sandte seine Söhne, die Heroen, auf die Erde, die Heroen wurden die Stammväter des Volkes, von einem Punkte her kommt das Volk und bleibt eine Einheit, wie weit es sich auch zerstreut über die Länder der Erde. Denn alle seine Entwicklungsmöglichkeiten sind begrenzt durch seine Abstammung. Seine Kultur ist die notwendige Frucht seiner Art. Demgegenüber spielt das Stammesgefühl eine untergeordnete Rolle. Auf die deutschen Juden angewandt, würde das bedeuten, daß sie der deutschen Kultur durch Erziehung, Umgangssprache, Einfluß von Klima und Landschaft so nahe stehen als möglich, daß aber das Bestimmende ihres Wesens ihre jüdische Stammesgrundlage und ihre heimatliche Sprache ist, die, durch die Ungunst der Verhältnisse dann auf den Kult zurückgedrängt, nichtsdestoweniger ihre einigende Kraft bewahrt hat. Somit stehen die deutschen Juden den Ostjuden viel näher als den Deutschen, und ihre Kultur ist im letzten Sinne die jüdische. - Neben der Kultur steht die Zivilisation. Sie ist viel mehr als die Kultur an Äußerliches gebunden, sie ist erlernbar und übertragbar, da sie ihre Wurzeln nicht in den allerwesentlichsten Elementen der Persönlichkeit hat. Sie ist nur die Folge des Bestrebens der Menschen, sich mit den Nachbarn zu vertragen und das Leben in dieser dichtbevölkerten Welt zu erleichtern. Das ist zugleich eine Frage des Verstandes, nicht des Gemüts, eine Frage des Milieus, nicht der Artung. In diesem Sinne würde ich es für verfehlt halten, z. B. von einer amerikanischen Kultur zusprechen. Es gibt in Amerika nur deutsche, holländische, französische Kultur im Rahmen gemeinsamer, amerikanisch differenzierter Zivilisation. Die Schweiz hat bis heute keine schweizerische Kultur geschaffen; denn die Vorbedingung, der schweizerische Stammesbegriff, ist nicht gegeben. Die Juden aber, als Bürger aller Länder der Welt, nehmen wohl an deren Zivilisationsformen Anteil, aber ihre Kultur, ihre Stammeskultur, ist überall die nämliche, und das ist für uns bei der Betrachtung der durch den Zionismus erstrebten Einigung das Wesentliche. Was uns von den Östlern angeblich trennt, ist auf dem letzten Kongreß und in Zeitungsartikeln zur Genüge l

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