Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 8 (25.2.1910)
- Date
- 1910-02-25
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 8 --== DIE] aber die reiche und große Literatur des jüdischen Volkes, das in Deutschland 500000 Angehörige zählt, hat auf den deutschen Lehrstühlen keine Vertretung. Weiter sei es nötig, die Aufmerksamkeit der nichtjüdischen Umgebung auf die jüdischen Kulturwerte zu lenken. Auch die Organisierung des Judentums zum Zweck der ungehinderten Entfaltung seiner Kräfte, die Hinwegräumung veralteter, demütigender gesetzlicher Bestimmungen, wie z. B. des preußischen Judengesetzes vom Jahre 1847, dessen Wirkungen der Redner drastisch illustrierte, dürfe -nicht aus den Augen gelassen werden. Eine intensive Beschäftigung mit dem reichen ostjüdisehen Leben ist unerläßlich für die Beseitigung der Mißverständnisse zwischen dem Ost- und Westjudentum, die sich gegenseitig kennen und verstehen lernen müssen. In besonders temperamentvoller Weise trat Dr. Klee schließlich für die Erlernung und Verbreitung der hebräischen Sprache ein. Dem Vortrag, der mit stürmischem Beifall aufgenommen wurde, folgte ein musikalisch-rezitatorischer Teil. Das umfassende Programm, bei dessen Bestreitung sich die Damen Frl. Ferse-Köln und Weiß und die Herren Samuel, Steinberg, Referendar Mayer und Reitzkin- Köln den lebhaften Dank der Zuhörer erwarben, bot den würdigen Abschluß der Vereinsfeier. Österreich Mathias Achers 25jähriges Schriftsteller- Jubiläum Wien. Am 8. d. M. veranstaltete die jüdisch-akademische Verbindung „Kadimah" aus Anlaß des 25jährigen Schriftstellerjubiläums ihres Ehrenburschen und Alten Herrn Dr. Nathan Birnbaum (Mathias Acher) einen Festkommers. Viele Korporationen und Vereine hatten ihre Vertreter entsandt. Es sprach im Namen der Aktivitas iur. Bruno Singermann, Dr. Kadisch für den Nationalverein, Dr. Sofer im Namen des Innerösterreichischen Distriktskomitees u. v. a. Mathias Acher selbst erwiderte in. herzlichen bewegten Worten allen jenen, die seines Jubiläums in so aufrichtiger Weise gedacht hatten. Rußland Keine Mischehen in Rußland Auf Drängen des Synods zog das Ministerium des Innern den Vor zwei Jahren in der Reichsduma eingebrachten Gesetzentwurf über die Mischehen zurück. Der Synod will nur Mischehen zwischen Angehörigen der Staatskirche und andern Christen zulassen, wobei in jedem Falle die Erlaubnis eines rechtgläubigen Bischofs erforderlich sein soll und die Kinder der Staatskirche angehören müssen; ferner muß eine schriftliche Erklärung in diesem Sinne abgegeben werden. Damit wird der in der Praxis aufgehobene Reversalzwang wieder eingeführt. Ehen von Angehörigen der Staatskirche mit Juden, Mohammedanern und Heiden sind nicht gestattet Judentaufe und Wohnrecht Petersburg. Der heilige Synod hat nachstehendes, die Taufe von Juden betreffendes Zirkular an sämtliche Eparchien versandt: „Nachdem ein Priester sich geweigert hatte, Juden zu taufen, weil sie nicht berechtigt waren, sich dauernd in der Residenz aufzuhalten, teilte der Gehilfe des Ministers des Innern, Senator Kryshanowski dem heiligen S}Ti6d mit, das Ministerium habe, als es im Jahre 1903 die Festsetzung eines Modus für den Austritt der außerhalb des Ansiedelungsrayons lebenden Juden zur orthodoxen Kirche anregte, keineswegs der Taufe der mit behördlicher Erlaubnis temporär in den innern Gouvernements wohnenden Juden ein Hindernis in den Weg legen wollen und ersuche daher den heiligen Synod, alle, die es angeht, davon in Kenntnis zu setzen, daß der temporär, aber behördlich gestattete Aufenthalt von Juden außerhalb des Ansiedlungsrayons kein Hindernis für die Taufe sein könne." Wahrlich eine weitherzige russische Reform! Ausländische Juden Petersburg. Der Senat erläuterte, daß aus dem Auslande in Rußland eintreffende Juden fremder Untertanschaft, die infolge ihrer Industrie und Handelsumsätze bekannt sind, falls sie die Genehmigung zum Betriebe eines Unternehmens* oder eines Handelsgeschäftes in Rußland erhalten sollten, verpflichtet sind, die ganze Zeitdauer hindurch, während welcher sie handelsindustrielle Geschäfte betreiben, Handelsscheine erster Kategorie zu kaufen, selbst wenn auch für die Art ihrer handelsindustriellen Unternehmungen keine so hohe Differenz vorgesehen sein sollte. KELT 1 177 Rabbi Abraham Bornstein Einer der angesehensten Rabbis in Polen, Abraham Bornstein, bekannt unter dem Namen: Sochatschower Rabbi, ist gestorben. Er besaß in Chassidimkreisen einen nach Zehntausenden zählenden Anhang und galt daneben auch als hervorragender Talmudist. Eine Expedition nach Mesopotamien Der Agronom Ettinger, der an der Expedition der Jewish Colonisation Assocation (JCA) nach Mesopotamien zur Erforschung der dortigen Kolonisationsmöglichkeiterl teilnimmt, berichtet u. a. über die Juden in Bagdad. Danach befinden sich dort unter 200000 Einwohnern ungefähr 50000 Juden, die zum Teil von den zur Zeit des babylonischen Exils hingekommenen Juden abstammen. Ein anderer Teil kam später, als die Kreuzfahrer Tausende von Juden aus Palästina und andern Ländern des Orients vertrieben. Die Juden von Bagdad bedienen sich ausschließlich der arabischen Sprache. Selbst das Hebräische sprechen sie nach den Regeln der arabischen Sprache aus und leisten auch ihre Gerichtseide in arabischer Sprache. Ihre Schulen, Talmud-Thoras, sind vom Typus ähnlicher Schulen des Orients. Die jüdischen Frauen kleiden sich so wie die Mohammedanerinnen. Auf der Straße sieht man sie nur dicht verschleiert, und auch zu Hause unterscheidet sich das Familienleben der Juden nur wenig von dem der Araber. Die Frauen nehmen ihre Mahlzeiten niemals zusammen mit Männern ein, selbst mit ihren Ehegatten nicht. Über seine allgemeinen Beobachtungen berichtet Herr Ettinger: Meine Reise hierher ging zu Meer über Ägypten und Indien. Von Bassora, der ersten Stadt Mesopotamiens, fuhr ich teils per Schiff, teils zu Pferde ungefähr 800 deutsche Meilen bis Bagdad. Das Land ist durchweg unbebaut, man kann sagen, eine Wüste, aber der Boden Lt sehr fruchtbar, genau so wie in uralten Zeiten. Die Engländer sind hier schon fleißig an der Arbeit und beginnen mit der Gründung großer Unternehmungen. Die Kultur von Baumwolle, Reis und Rohrzucker kann hier die Quelle menschlicher Reichtümer werden. In den Wintermonaten ist das Leben hier sehr gesund. Wir sind im Januar, und hier ist es sehr warm. Des Morgens haben wir 10—12 Grad Wärme, und am Tage ist es recht heiß. In einen- Monat beginnt der Frühling und im März-April schon der Sommer Im Sommer erreicht die Hitze mitunter 50 Grad Celsius im Schatten Im allgemeinen vertragen die Europäer hier die Hitze gut, dem das Klima in Mitlei-Mesopotamien ist sehr trocken. England Rabbi Elieser Gordon Noch einen großen Verlust hat die russische Judenheit zi verzeichnen. Aus London kommt die Nachricht, das dort de» bekannte Rabbi Elieser Gordon, Rabbiner in Telschi (Gouv Kowno) verschieden ist. Er war einer der bedeutendsten talmudischen Kapazitäten dei Gegenwart und einer der wenigen opferwilligen und tatkräftigen Vorkämpfer des orthodoxen Judentums. Er begründete in Telschi eine Jeschiba, die ihre Popularität und Wirksamkeit seiner unerschöpflichen Energie und Hingabe zu verdanken hat. Rabbi Elieser Gordon war nach London gereist, um durch persönliche Rücksprache mit den führenden Kreisen der englischen Judenheit materielle Förderung für die von ihm geleitete Lehranstalt zu erlangen. In der Fremde ereilte ihn plötzlich der Tod. Ein Herzschlag machte seinem Leben ein Ende. Das Leichenbegängnis gestaltete sich zu einer außerordentlich imposanten Trauerkundgebung, an der sich Zehntausende von Personen beteiligten. Insbesondere die Juden des Eastend waren in kolossalen Massen herbeigeströmt, um dem verstorbenen russischen Gaon die letzte Ehrung zu erweisen. Ein großes Polizeiaufgebot sorgte für die Aufrechterhaltung der Ordnung in dem endlosen Leichenzuge. Vor der Synagoge, in der der Verstorbene während seines Aufenthalts in London die Gebete verrichtet hatte, blieb der Trauerzug stehen, liier hielt der Reisegefährte des Verewigten, der Rabbi aus Swhady, eine erschütternde Trauerrede, die die anwesende Menge aufs tiefste bewegte. Weitere Reden hielten die Londoner Dajanim Rev. Feldman und Rev. Hyamson, ferner Chiefrabbi Dr. Gaster, Rabbi Chaikin u. a. Auf dem Friedhofe hielten noch Rabbi Jakob David Ridbas, Rabbiner in Saffed (Palästina), und Rabbi Manderland sowie abermals der Rabbiner von Schady ergreifende Trauerreden. Für die Jeschiba in Telschi sowie für die hilfsbedürftigen Hinterbliebenen Rabbi Elieser Gordons wurde eine Sammlung eingeleitet, an deren Spitze sich Lord Rothschild mit einer namhaften ¥ '