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Die Welt · 1910-02-25 · 8 (25.2.1910) · page 16

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
8 (25.2.1910)
Date
1910-02-25
Page
– (sequence 16)
Language
German
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176 DiEESELT No. 8 Konstantinopel geben, wohl Erfolge zu zeitigen in der Lage sind, selbst da, wo, wie bei den genannten Gemeindeschulen, die Alliance Israelite sich an der Kulturarbeit beteiligt. Besonders aufrichtig aber müssen wir es begrüßen, daß von einer offiziellen Stelle das Hebräische als unsere nationale Sprache anerkannt wird; und wir wollen hoffen, daß dieses eine Beispiel an allen entsprechenden Instanzen der Türkei Nachachtung finden wird, so daß sich nicht die Goluserscheinungen auf diesem Gebiete, die die westeuropäischen Länder aufweisen, im türkischen Orient reproduzieren. Gegen die Anreihung des Türkischen als zweiter Nationalsprache für die ottomanischen Juden ist natürlich vom zionistischen Standpunkt aus, der eine gesunde jüdische Nation innerhalb einer starken geeinigten Türkei will, absolut nichts einzuwenden. Talaat Bej beim Qroßrabbiner. Der von uns jüngst angekündigte politische Tee beim Chachambaschi hat stattgefunden. Dienstag den 15. d. M. war der Minister des Innern bei Rabbi Nahum zu Gaste. Natürlich war nicht nur vom schönen Wetter die Rede. Rabbi Nahum plädierte bei dem Minister für die Gewährung einer Subvention an die Erziehungskommission der Gemeinde, die die Reorganisation des jüdischen Schulwesens der Hauptstadt zum Ziele hat. Ferner bat er ihn, seinen Einfluß dahin aufzubieten, daß eine von derselben Kommission zu organisierende Lotterie zu einem Kapital von sechs- bis siebentausend Pfund (120—140 000 M) die behördliche Autorisation erhalte. Dem Hospital Or-Hachajim, bat er, die Subvention zu erhöhen. Von größerer Wichtigkeit ist das Verlangen um Beihilfe der Regierung zur Regelung der Gabellaverhältnisse im ganzen türkischen Reiche und zur Schaffung einer Gemeindesteuer, die für jedes Gemeindemitglied obligatorisch sein soll. Im übrigen wurde die Rangfrage des Großrabbiners erörtert, der bekanntlich bei den letzten Hoffesten, dem . frühern Brauche zuwider, im Range herabgesetzt worden war. Der Verfall des Rabbinerseminars. Wie in voriger Nummer gemeldet, hatte die „Aurore" das iroßrabbinat wegen der Zustände am Rabbinerseminar in Kusgundchuk interpelliert. Auf diese Anfrage wurde ihm folgende Auskunft: tfur infolge der Schwierigkeiten, die das alte Regime mit sich •rächte, war früher jegliche Reform des Seminars unmöglich. Unter!en neuen Verhältnissen wiederum sei nichts zu machen, weil bsolut die Mittel hierzu fehlen. Die schönsten Projekte für dieses nstitut seien aus diesem Grunde zur Unausführbarkeit verurteilt, ichritte bei der Alliance, dem Elend abzuhelfen, waren bisher erfolglos. An ein Aufleben dieser für das ottomanische Judentum hochwichtigen Anstalt ist also bis auf weiteres wohl nicht zu denken. )er Blütentraum Rabbi Nahums vor seiner Wahl, dem Seminar ine neue Abteilung als hebräisches Lehrerseminar anzugliedern, st wohl erst recht längst zerronnen. Ein deutsches Blatt als Scharfmacher gegen den Zionismus Wir haben uns in diesen Spalten schon wiederholt mit dem Konstantinopeler „Osmanischen Lloyd" beschäftigen müssen. Es hat nun wirklich den Anschein, als ob dieses deutsche Blatt, wie man sagt, eine Emanation der deutschen Botschaft, die Arbeit, die .msere hiesigen jüdischen Zionistenfresser niedergelegt haben, seinerseits aufgenommen hätte. Dieses Blatt verfolgt seit einiger Zeit ein :egelrechtes System der Diskreditierung unserer Bewegung. Bald .verden Korrespondenzen aus Jerusalem oder Jaffa publiziert, deren Effekt es ist, die jüdische Arbeit in Palästina als enorm und — soweit das von dem Jerusalemer Berichterstatter ausgeht — als möglichst gefährlich hinzustellen; bald werden von demselben Skribenten so nebenbei die Juden des heiligen Landes als Abschaum, als Keime aller Krankheiten und Verbrechen, allen Schmutzes und Elends in Palästina geschildert; bald werden aus Rußland Originaltelegramme und -briefe veröffentlicht, die haarsträubende Dinge von dort berichten. Neuerdings hat sich die Redaktion des „Lloyd" einen Spezialkorrespondenten in Warschau zugelegt, der die unglaublichsten Dinge mit dem lächerlichsten Ernste und der unverschämtesten Stirne fabriziert. Seine Rubrik lautet regelmäßig „Zionistisches". Da spricht er von einem phantastischen „Kolonisationsverein" mit gewaltigen Mitteln, dem die jüdische Großfinanz unbegrenzte Fonds noch daneben zur Verfügung stellt, erfindet Aliswanderungsstatistiken mit erschreckenden Ziffern, die offenbar die jüdische Invasion nach Palästina illustrieren sollen, und lenkt die Aufmerksamkeit der Regierung auf den in Bildung begriffenen „jüdischen Vasallenstaat". Ein wackerer und begabter Bursche, ain passendes Objekt für Burzew! Ist es möglich, daß der „Lloyd" ^wirklich nur durch Leichtgläubigkeit nach beiden Seiten hin, der palästinensischen wie russisch-polnischen, so unverantwortlich hereinfällt? Oder haben wir es wirklich mit einer auf deutsche Ordre hin geführten, systematisch angelegten Kampagne gegen uns zu tun? Dann muß es aber in Wahrheit traurig stehen mit den deutschen Ansiedelungen in Palästina. Deutschland Eine Qewaltmaßregel Stuttgart, 15. Februar 1910. Auf Veranlassung des Stadtrabbiners Dr. Krön er und des Israelitischen Kirchenvorsteheramts hat die Kgl Israelitische Oberkirchenbehörde durch Vermittlung der Kgl. Stadtdirektion Stuttgart dem Schächter der Israelitischen Religionsgesellschaft das Schächten im hiesigen Schlachthaus verbieten lassen. Zur Kommentierung dieses geradezu unglaublichen Vorkommnisses diene, daß die I. R.-G. seit 32 Jahren unter den größten Opfern völlig unabhängig und bisher auch unbehelligt von der Isr. Oberkirchenbehörde sämtliche Institutionen einer gesetzestreuen jüdischen Gemeinde unterhält. Der Schächter besitzt Approbation von mehreren gesetzestreuen Rabbinern und ist sowohl in religiöser als technischer Beziehung völlig einwandfrei. Trotzdem dies alles dem Stadtrabbiner Kroner bekannt war, forderte er am 28. Januar 1909 den Schächter der I. R.-G., über den Kopf seiner Vorgesetzten hinweg, auf, sich bei ihm zur Prüfung einzufinden, und berief sich dabei auf diverse, vom Ministerium und der Oberkirchenbehörde erlassene Verordnungen. Der Schächter übergab diese Vorladung seinem Vorgesetzten, dem Vorstand der I. R.-G., welcher es nunmehr in einem Schreiben ablehnte, einen ihm unterstellten und von ihm bezahlten Beamten dem Stadtrabbiner zur Prüfung zuzuschicken, da sich die angezogenen Verordnungen nur auf die Beamten der Kirchengemeinden bezögen und nicht auf Beamte einer Privatgemeinde. Hierauf erhielt der Vorstand der I. R.-G., die augenscheinlich trotz ihrer 32 jährigen Existenz für die jüdischen Behörden als nichtvorhanden betrachtet wird, keine Antwort. Dagegen wurde der Schächter vom Israelitischen Kirchenvorsteheramt unter Androhung von Polizeigewalt nochmals aufgefordert, sich beim Stadtrabbiner einzufinden. Der Schächter antwortete hierauf, er sei Beamter der I. R.-G., das Isr. Kirchenvorsteheramt möge sich mit dem Vorstand ins Benehmen setzen. Als Antwort kam eine von der Kgl. Israel. Oberkirchenbehörde veranlaßte Vorladung zur Kgl. Stadtdirektion, und hier wurde der Schächter unter Androhung des Schächtverbots aufgefordert, sich vom Stadtrabbinat prüfen zu lassen. Hiergegen legten der miterschienene Vorstand und der Schächter Protest ein. Nunmehr erfolgte durch die Kgl. Stadtdirektion im Auftrage der Kgl. Isr. Oberkirchenbehörde das Verbot des Schächtens mit Androhung von — zunächst — 10 M. Strafe für jeden einzelnen Übertretungsfall. — Gegen dieses Verbot hat der Schächter natürlich Beschwerde bei der Kgl. Kreisregierung eingelegt. Wir sind überzeugt, daß diese hohe christliche Behörde den religiösen Überzeugungen einer gesetzestreuen Minderheit besseres Verständnis entgegenbringen wird, als die jüdische Behörde. Jubiläum des Jüdischen Literaturvereins in Bonn Bonn. Am letzten Sonntag fand sich hier eine ansehnliche Schar von Freunden des Vereins für jüdische Geschichte und Literatur im Saale des Bürgervereines zusammen, um den Tag des zehnjährigen Bestandes des Vereines zu begehen. Herr Dr. Edelstein hieß im Namen desjubilierenden Vereines die Anwesenden willkommen, gab eine Übersicht über die zehn Jahre des Bestandes des Vereines, als dessen vornehmlichsten Schöpfer er^den verewigten Rabbiner Dr. Rülf, den Autor der „Aruchath bas ammi" in warmen Wrorten rühmte. Nach einer beglückwünschenden Ansprache des Rabbiners Herrn Dr. Kalischer nahm sodann, sehr sympathisch begrüßt, Herr Rechtsanwalt Dr. Kl ee-Berlin, einer der Gründer des Vereines, das' Wort, um in längerer wirkungsvoller Rede die Aufgaben der jüdischen Literaturvereine auseinanderzusetzen. Ihre vornehmlichste Aufgabe sei wohl, die Liebe für das Judentum, seine Geschichte und seinen Besitz an Kulturwerten zu schaffen. Die jüdische Forschung und Wissenschaft müsse durch die Errichtung jüdischer Katheder an den deutschen Universitäten in die richtigen Wege geleitet werden. Man könne sich, sagt Redner, an den preußischen Universitäten über finnische und litauische Literatur, über Sakuntala und Kaiewala informieren,

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