Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1910-02-25 · 8 (25.2.1910) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
8 (25.2.1910)
Date
1910-02-25
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3316406-3316415--52947-3346684
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

aufzunehmen, da — wie in einer vertraulichen Sitzung klargelegt worden ist — man ihres Geldes bedarf ... Die Frage der Verbesserung der Lage der Jeschibahjünger ist ad calendas graecas verschoben worden usw. Kurz und gut, der Landesverband ist zu einem Handlanger der Landeskanzlei gesunken, derselben Landeskanzlei, die das verkörperte Ideal des assimilierten orthodoxen Judentums ist. L. B. Belgien Antwerpen. Am 12. Januar fand in der „Diamant-Börse" eine große Versammlung statt, in der die Delegierten zum IX. Kongreß ihre Berichte erstatteten. Die Versammlung, die durch ihren kolossalen Besuch das rege Interesse der hiesigen Judenschaft erwies, wurde von den Herren Jean Fischer und Dr. Rosner geleitet. Die Referate der Delegierten, Dr. Mirkin (hebräisch) und Rüben Cohen, die beide mit dem Ausdruck des Vertrauens für den Präsidenten Wolffsohn schlössen, wurden nach längerer Diskussion, an der sich auch der Präsident des zionistischen Zentralkomitees, Herr Jean Fischer, mit einer großzügigen Rede beteiligte, zur Kenntnis genommen, Brief aus Konstantinopel (Von unserm Berichterstatter) Die herrschende Nation und die Beherrschten Bs war ein großer Irrtum, zu glauben, daß dieser Begriff tot sei. Er war das Rüstzeug des alten Regimes, und man hielt ihn mit diesem für gefallen; aber die Tatsachen zeigen immer klarer, daß er noch lebt und gar drauf und dran ist, neue Lebenskraft zu gewinnen. Aus der neuesten Zeitgeschichte ist fölgertdes zur Illustration anzufühferh Öegenwärtig ist wieder ehirrial. die Rivalität zwteelieti Senat lind Kammer auf der pölitischen Tagesordnung, kleine deichen verrietenschori seit einiger Zeit dieses gegenseitige4 Mißbehagen, aber aus Anlaß der Revision der Konstitution ist es zu offener Kampfsteilung geworden. Der Senat hat drei Viertel Jähr lang das von der Kammer revidierte Verfassungsprojekt schlafen lassen, ohne sich damit abzugeben; wahrscheinlich weil er sich nicht beeilen mochte, mit der Sanktionierung dieses Entwurfs sein eigenes Grab zu graben; denn die neueste Verfassung will, daß zwei Drittel der Senatoren vom Volke gewählt würden, nicht mehr vom Sultan ernannt. Indem der Senat nun endlich, von der Kammer brüsk gedrängt» das Projekt tum Studium vornahm, führte er durch den* Muüd seines Berichterstatters Dämad Fefid Pascha eitlen kräftigen Schlag gegen diese ganze Revision wie gegen das Verfassungsleben überhaupt. Er bekämpfte einfach deri Begriff der Volkssouveränität schlechthin und setzte ihm die Zweiheit: Tfadi* tion und Kalifentum entgegen. Er verlangte, daß neben däs Parlament, das die Volksautorität repräsentiere, der Senat gesetzt werde als Emanation des Willens des Sultan-Kalifen, als gleich starke, eher noch übergeordnete Macht Dieser alttürkische Vorstoß wäre aber zweifellos noch nicht gewägt worden, wenn nicht ein Argument zur Benützung bereitgelegen hätte, das auf die gegenwärtige politische Psychologie der Leiter der Reichsgeschicke Wirkung zu üben versprach: man berief sich auf die Gefahr seitens der Nationalitäten. „Wem", so hieß es in dem Bericht, „wird denn die Voikssouveränität durch die revidierte Verfassung gegeben? Nicht dem türkischen Elemente allein, sondern allen das Reich zusammensetzenden Völkern, deren Ursprung, Glaube, Sprache, Zukunftsideale, Denk- und Gefühlsweise ihm absolut entgegengesetzt sind. Dieser Antagonismus, der Panhellenismus und der Panslawismus voran, können der Einheit nur Hindernisse schaffen. Anderseits wird das Anwachsen der Anhängerzahl der Dezentralisation aus dem gegenwärtigen System, weit entfernt, die persönliche Sicherheit der einzelnen zu gewährleisten, ein Instrument zu Händen der verschiedenen Elemente machen, das ihnen dazu wird behilflich sein müssen, ihre Sonderbestrebungen zu realisieren und damit die Zerstückelung des Reiches herbeizuführen. Die gegenwärtige (d. h. unionistische) Majorität der Kammer kann morgen von einer dezentralistischen erdrückt werden. Das beste Mittel, diese Entwicklung zu verhindern, ist also: die Autorität, die Macht und die Rechte im Staate zwischen dem Souverän, dem Senat und der Kammer zu teilen." Für jeden offenen Geist mußte diese Verknüpfung von chauvinistischen mit reaktionären Tendenzen belehrend und offenbarend wirken. Aber die nationalistische Verblendung auch vieler jungtürkischer Elemente ist so stark, daß sie die ihnen in dieser Argumentation gestellte Falle wirklich übersahen und die von Damad Ferid Pascha im Namen des Senates gezogenen Schlußfolgerungen ihrer Prämissen wegen gerecht und annehmbar fanden. Der bisherige Stürmer des jungtürkischen Liberalismus, Hussein Dschahid vom „Tanin", war unter diesen. Gehorsamen merkwürdigerweise der erste; und es wird höchst interessant sein, die Entwicklung dieses Mannes weiter zu beobachten. Aber nicht er allein, eine ganze Reihe jungtürkischer Zeitungen macht mit, so daß es, wenn diese Presse die Meinung der Kammer nicht falsch wiederspiegelt, gar nicht ausgeschlossen ist, den Senat triumphieren zu sehen, und mit ihm rückschrittliche Tendenzen — aus Chauvinismus. Es ist leicht möglich, daß Ferids Wünschen entsprechend die Revision der Verfassung eine solche Gestalt annimmt, daß ein Senat geschaffen wird, speziell geeignet und dazu ausersehen, die Unterdrückung der Nationalitäten im Namen des herrschenden, für einzig reichstreu gehaltenen Elements zu sichern und zum System zu erheben. Es ist kein Wunder, daß die Presse aller nichtmohamedanischen Nationen vor dieser Offenbarung in Unruhe geraten ist; die jüdische natürlich läßt sich so leicht nicht emotionieren. Die Türkei als Ganzes spielt, wenn sie der angedeuteten Tendenz folgt, ein verhängnisvolles Spiel. Es ist schwer abzusehen, wie sie im Innern zur Ruhe kommen soll, wenn sie den Antagonismus zwischen herrschender und beherrschten Nationen als System nicht aufgeben will. Qibt es irgendwo einen jüdischen Staat auf der Karte? Ein höchst pikantem Erlebnis. Dieser Tage im Parlament. Es Wird über Zivilstand, Paßwesen, Identitätsscheine verhandelt. Die Regierung schlägt vor, die Religion eines jeden in die Standesamtsregister einzutragen. Mehrere Deputierte verlangen auch noch die Bezeichnung der nationalen Zugehörigkeit (Armenier, Jude, Grieche, Bulgare, Serbe, Walache usw.) mit aufzunehmen. Bussios Effendi, ein Giieche, unterbrechend: „Können Sie mir irgendwo einen jüdischen Staat auf der Karte, zeigen?" Höchst erstaunlich. Aber" der interessante Zwischenruf, der iiüf den" einen Sinn haben kann, zu bestreiten1, däß es eitle jüdische Nationalität gebe, da ja kein jüdischer Staat existiere ist ohne irgend eilte Beantwortung geblieben. Die jüdischen Deputierten haben ihn jedenfalls überhört, denn Mazliach Effendi, der bald darauf das Wort nahm, sprach über hundert andere Dinge, nur nicht über diese, die Ehre seiner" Nation, die ihn gewählt hat, nahe betreffende Frage. Und doch wäre es so leicht gewesen, entgegenzufragen, ob Bussios Effendi sich etwa zu der Nationalität des auf der Karte befindlichen griechischen Staates (nebbich!) zähle, oder ob es ihm auch einfallen würde, den Armeniern eine solche unverschämte Frage an den Kopf zu werfen. Sie hätten sie sicherlich nicht überhört. Der rote Zettel Informationen aus guter Quelle zufolge hat Talaat Bej, der Minister des Innern, der Hohen Pforte einen neuen Takrir wegen des roten Zettels überreicht, in dem er nochmals den willkürlichen Charakter dieser Einschränkungsmaßregel betont. Hakki Pascha, der neue Großwesir, soll, wie es heißt, der Abschaffung dieses Passes günstig gestimmt sein und hat angeordnet, die Angelegenheit auf die Tagesordnung einer der nächsten Ministerratssitzungen zu stellen.' Unsere beiden nationalen Sprachen Der Verwaltungsrat der sephardischen Gemeinde Galata-Pera hat an die jüdischen Bewohner dieses Stadtkreises ein Dokument versandt, das für uns nicht ohne eine gewisse Bedeutung ist, für uns, die wir auf jedes Zeichen erwachenden Nationalismus und nationalen Fortschritts lauschen. In dem Schriftstück, das über den Mangel an Gemeindefonds klagt und alle Juden der Stadt dringend auffordert, zu den Leistungen der Gemeinde stärker beizutragen, wird der Aufgaben Erwähnung getan, die die Gemeinde zu erfüllen hat. An dieser Stelle heißt es: „Der Neubau der Schule und der Talmud Thora wird große Mittel von unserer Seite beanspruchen, zumal wir entschlossen sind, den Religionsunterricht an ihnen zu verbessern und das Programm derselben dahin zu reformieren, daß die hebräische und die türkische Sprache, unsere beiden nationalen Sprachen, Gemeingut werden." Die geäußerte Absicht der Reformierung des Lehrplans in der angedeuteten Richtung kann alle Freunde der nationalen Regeneration unserer Jugend nur mit Genugtuung erfüllen. Wieder einmal ein Beweis, daß die kräftige Betonung unserer Forderungen in der Öffentlichkeit und das wegweisende Exempel echt jüdischer Erziehung, wie es erfreulicherweise die Schulen des Hilfsvereins in

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.