Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 8 (25.2.1910)
- Date
- 1910-02-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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schöpferische Persönlichkeit, frei von fruchtloser Skepsis und Nörgelei. Diese positive Geistesrichtung zeigte sich auch in seinem Verhältnis zur alltäglichen Arbeit. Er war ein Mann von außerordentlichem Fleiße und großer Ordnungsliebe; Jenes „geniale", ironischüberlegene Verhältnis unserer „Gescheiten" zur deutschen Pünktlichkeit und Kleinarbeit war ihm fremd. Er kannte den Wert der kleinen Dinge, aus denen sich letzten Endes die großen zusammensetzen. Er hatte „die Andacht zum Kleinen", Im alltäglichen Leben ein stiller, ruhiger, sachlicher Werktagsmensch, verlor er dabei nie die großen Zusammenhänge und Gesichtspunkte aus den Augen. In gesunder, fruchtbarer Tagesarbeit im Dienste eines großen Volksideals vergingen die letzten Jahrzehnte seines Lebens. Dies verlieh ihm eine dauernde Gemütsheiterkeit, einen gesunden Optimismus, ohne den fruchtbringende Regenerationsarbeit unmöglich wäre, jenen männlichen Optimismus, der den Grundton des prächtigen Schlußakkords bildet, in den Lilienblums Memoirenwerk „Derech l'aawor Golim" ausklingt. Odessa, 17. Februar 1910. Das Ableben Lilienblums (Brief aus Odessa) Die Nachricht von dem Hinscheiden Lilienblums hat uns, seine nähern Freunde und Bekannten, tief betrübt, aber nicht überrascht. Seit mehreren Wochen hatten wir die erschütternd traurige Gewißheit, daß unser Meister dem Tode geweiht ist, und es war für uns ein tiefer, unsagbarer Schmerz, den teuren Greis, dem wir alle in inniger Liebe und Verehrung anhingen, alimählich dahinsiechen zu sehen. Vor etwa drei Monaten begann er Schluckbeschwerden zu verspüren. Man nahm aber an, daß man es mit einer nervösen Erscheinung zu tun hätte, und beruhigte sich darauf. Als wir vom Hamburger Kongreß zurückkehrten, traf uns die traurige Kunde, daß Lilienblum an Speiseröhrenkrebs leide. Trotz großer Leiden fuhr aber der Kränke fort, seinen Obliegenheiten mit gewohnter peinlicher Gewissenhaftigkeit nachzugehen. Auch als sein Zustand sich bedeutend verschlimmerte, unterließ er es nicht, sich täglich auf dem Verwaltungsbureau der »Chewra Kadischa", wo er mehr als ein Vierteljahr hundert seines Amtes als Kassierer waltete, einzustellen. Die Abende brachte er mit der Korrektur seiner gerade eben im Erscheinen begriffenen gesammelten Schriften zu. Bei dieser Beschäftigung trafen wir gewöhnlich den Schwererkrankten bei unsern Besuchen. Auf Anraten der Ärzte begab sich nun der Kranke in das jüdische Krankenhaus, wo er sich am 9. Februar einer Operation unterzog. Bevor er sich ins Krankenhaus begab, ordnete er seine Papiere. Er übergab dem Palästinakomitee sämtliche Papiere und Dokumente desselben, die sich bei ihm vorfanden; er händigte seinem Sohne eine bei ihm eingegangene Spende zur Errichtung eines Grabdenkmals auf dem gemeinsamen Grabe der Märtyrer von 1905, der Helden von der Selbstwehr, ein, und übergab seinem Freunde, Schriftsteller A. L. Lewinsky, die Manuskripte für den dritten Band seiner gesammelten Schriften. — In der Nacht vom 11. auf den 12. Februar hauchte Mosche-Leib Lilienblum seine Seele aus. Am folgenden Tage wurden seine irdischen Überreste vom Krankenhaus nach der Wohnung seiner Familie übergeführt. Sonntag gegen 2 Uhr nachmittags versammelten sich vor der Wohnung des Verblichenen seine Freunde und Verehrer und eine etwa zwanzigtausend Mann starke Menge, die die Straße und zum Teil auch die Nachbarstraßen stark überfüllten. Nachdem Rabbiner Polinkowsky und der Vorsitzende im „Rate der geistigen Verwaltung", Herr Kaufmann, an der Bahre von den großen Verdiensten des Verblichenen gesprochen und der Kantor der Hauptsynagöge mit dem Chor das „El mole rachamim" gebetet hatten, hoben Mitglieder des Palästinakomitees und Verehrer des Verewigten den Sarg auf ihre Schultern und trugen ihn so den ganzen langen Weg, von der immer mehr anwachsenden und zu einer riesigen Volksprozession sich gestaltenden Menge begleitet, nach dem Friedhof, — mehrere Kilometer weit, — mit einer kleinen Rastpause an der im Innern schwarz drapierten Hauptsynagoge, wo wiederum das Totengebet mit großer Feierlichkeit verrichtet wurde. Als die Trauerprozession auf dem Friedhof angelangt war, begannen die Abschiedsreden der Freunde und Verehrer des Verewigten. Ussischkin sprach im Namen des Palästinakomitees und der Gesinnungsgenossen. Er skizzierte die Tätigkeit Lilienblums als Vorkämpfer der Aufklärung und als Verkünder des Regenerationsideals. In Lilienblum wirkte der wahrheitsuchende, unbändige Geist eines Galilei, eines Giordano Bruno, der Geist Spinozas und Acostas, der unerschrocken seine Wahrheit verkündet und vor keinen Verfolgungen zurückschreckt. Er hatte aber auch den Mut zur Revision seiner Anschauungen. Die Saat, die Lilienblum ausgestreut hat, wird nicht verlorengehen. Was er angefangen hat, werden wir zu Ende führen. Dr. Himmelfarb sprach über den lautern Charakter des Verewigten. Das Andenken des Mannes, der in Gemeinschaft mit Pinsker der Führer der Palästinabewegung wurde, wird immer im Gedächtnis des Volkes bleiben. Rabbiner Tschernowitz, Dr. Klausner und M. Scheinkin sprachen Hebräisch. Tschernowitz hob hervor, daß Lilienblums Forderung religiöser Reformen mit der antijüdischen Reformbewegung in andern Ländern nichts zu tun hat. Nicht um die Fremden nachzuahmen und sich ihnen anzupassen, verlangte L. Reformen, sondern um das Judentum als lebendigen Faktor im Volksleben zu erhalten. Lilienblum war aber nicht nur Theoretiker, er war auch ein ganzer Mann, den großen Propheten vom Schlage Mosis und Elias hierin vergleichbar. Solche ganze Männer kann uns das Golus sehr schwer geben. Nur das künftige Judentum in Palästina wird wiederum solche Typen hervorbringen. Dr. Klausner sprach im Namen der hebräischen Schriftsteller. Was den Verstorbenen als Schriftsteller besonders charakterisiert, ist seine Einfachheit und schlichte Geradlinigkeit. Das zeigt sich schon in seinem Stil, dem alles Blasierte und Gekünstelte fremd ist. Seine Geradlinigkeit zeigte sich auch in der Art, wie er die neue Richtung in seiner Tätigkeit einschlug, sobald er dies für nötig hielt. Unser Verlust ist groß, der Verstorbene hinterlasse uns aber einreiche* geistiges Erbe und ein schöpferisches Ideal. Scheinkin verglich Lilienblum tinem Feldherrn, der seine Armee über eine Brücke zum Angriff ziehen läßt, während er selbst vorerst zurückbeibt, um den Übergang zu bewachen, daß er sich gefahrlos vollziehe, und dann erst seiner Armee folgt. Lilienblum selbst sah das gelobte Land nicht. Sobald aber das jüdische Volk in Palästina sein wird, werden wir die Gebeine unseres großen Meisters und Vorkämpfers herübernehmen. Die Kunde vom Tode des hervorragenden Schriftstellers und Zionskämpfers rief in weiten Voikskreisen tiefe und aufrichtige Trauer hervor. Aus der Fülle der beim Odessaer Komitee und bei Herrn Ussischkin eingelaufenen Beileidstelegramme sei hier ein Teil wiedergeben: Wilna. Tiefgebeugt vom Tode des hervorragenden Vertreters der „Chibbath-Zion"-ldee senden wir dem Komitee den Ausdruck unseres aufrichtigen tiefen Beileids zum unersetzlichen Verlust, den Palästina und die Palästinasache erlitten hat. Wir bevollmächtigen J. Goldberg und Boruchow, unsere Vertreter bei der Beerdigung zu sein. Merkas. (Zionistisches Zentralkomitee.) Wilna. Wir sind erschüttert von der Nachricht über den Tod des Altmeisters der hebräischen Literatur, -der für die Befreiung des jüdischen Denkens und für die Wiedergeburt des jüdischen Volks kämpfte. Redaktion „Ha'olarn". New York. (Hebräisch.) Die zionistische Federation Amerikas drückt ihren tiefen Kummer über den Verlust Lilienblums aus.. Yasin. NewYork. Wir trauern mit euch. Redaktion Yiddische Folk. Jaffa. (Hebräisch.) Die Töchterschule drückt ihren tiefen Schmerz aus über den großen Verlust, den wir alle mit dem Tode Lilienblums erlitten haben. Wir nehmen an der Trauer der Familie Anteil. Jaffa. (Hebräisch.) Die Lehrer Palästinas trauern mit euch über den Tod unseres Schriftstellers Lilienblum, des Kämpfers für die Wiedergeburt unseres Volkes. Zentralkomitee des Lehrerverbandes Moskau. Tief erschüttert von dem großen Verlust, bitten wir Sie (Ussischkin), der Vertreter der ,,Bn6-Zion'4 bei der Beerdigung zu sein. Tschlenow. Moskau. Bne-Zion senden dem verwaisten Komitee, der Witwe und den Waisen des unvergeßlichen Lilienblum den Ausdruck aufrichtigen Beileids und innigsten Schmerzes. Möge unser Bund erstarken und unsere Arbeit sich verdoppeln zum Andenken an den unermüdlichen Kämpfer unter der von ihm entfalteten Fahne der „Wiedergeburt des jüdischen'Volkes im heiligen Lande seiner Väter". Mase, Tschlenow, Neiditsch, Tscherikower, Tolkatschewsky, Halpern, Rosenthal, Feinbrunn, Schur.