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Die Welt · 1910-02-25 · 8 (25.2.1910) · page 8

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
8 (25.2.1910)
Date
1910-02-25
Page
– (sequence 8)
Language
German
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168 DIE^ELT No. 8 dem Vollbesitze der Entwicklungsmöglichkeit aller natürlichen Kräfte, der heilige Haß gegen allerlei Fesseln, die den Volksgeist verkrüppeln und seine freie Entfaltung unterbinden. Das ist der innere Sinn, die immanente Logik der großen jüdischen Bewegung zur Freiheit, innern Wahrhaftigkeit und Eigen - persönlichkeit, die in ihrer Entwicklung die äußere Erscheinungsform wechselt und bald auf Aufklärung und religiöse Reformen, bald auf nationale Wiedergeburt ausgeht. Wenn wir uns zur methodologischen Orientierung der hegelianischen Trias von Thesis, Antithesis und Synthesis bedienen dürften, könnten wir wohl sagen, daß, wie die Geschichte der jüdischen sozialen Bewegungen dieser Zeit, so auch das persönliche Leben und Wirken Lilienblums pragmatisch nach diesem triadischen Rhythmus verläuft. Auf die Thesis: die naive Unberührtheit des alten Ghetto, das in seiner heiligen Einfalt die vielen Fesseln des Geistes gar nicht ahnt — oder aber aus dem Instinkte der Selbsterhaltung heraus sie weise ignoriert, solange für ein freies Emporstreben die Zeit noch nicht gekommen scheint —, folgt die schroffe Antithesis als rücksichtslose Negation aller Werte, aber auch aller Lebensfaktoren des Ghettos, um sodann einer höhern, vollkommnein synthetischen Entwicklungsstufe in Form des Ringens und Strebens nach nationalem Volleben zu weichen. Und dies ist das große Verdienst Lilienblums, daß er trotz des titanischen Kampfes, den ihn das Emporklimmen zur zweiten Entwicklungsstufe seines Lebens kostete, die seltene psychologische Unbestechlichkeit und Wachsamkeit besaß, um sich nicht bei der mühsam errungenen Position zu beruhigen. Sein scharfer kritischer Sinn und seine glühende Wahrheitsliebe wies ihm sehr bald den Weg der weitern Entwicklung und Entfaltung des Volkslebens. Und so konnte er rechtzeitig seinem Volke ein Wegweiser werden. Lilienblum hinkte niemals dem Leben und den Geschehnissen nach, sondern ging immer als Führer und Meister voran. Schon im Jahre 1874 trat Lilienblum in Smolenskys „Haschachar" gegen die Assimilation auf. Schärfer und konsequenter noch schrieb er im Jahre 1879 in einem Artikel für eine russisch-jüdische Zeitschrift. Freilich wurde dieser Artikel von dem vorsichtigen Redakteur, der die unbequeme Ansicht seines Mitarbeiters nicht teilte, stark verhunzt. Was aber von diesem Artikel in Lilienblums autobiographischem Werke „Der Weg der Rückkehr" zitiert wird, zeigt eine entschiedene und folgerichtige Verwerfung der assimilatorischen Aspirationen. Die Assimilation sei bestenfalls ein Glück wie das Seligwerden, das nur nach dem Tode komme. „Die Assimilation ist nichts als nationaler Tod." „Dieser Wahn hat nur Schaden angerichtet." Daß er sich schon damals zu dieser Ansicht erheben konnte, ist, wie bereits angedeutet, auf seinen scharfen kritischen Sinn und auf seine große innere Wahrhaftigkeit zurückzuführen. Die rücksichtslose Wahrheitsliebe und der Mut zur Konsequenz, die Lilienblum, dem-Jüngling, die Kraft gegeben hatten, sich von den Einflüssen des Milieus und der Erziehung zu emanzipieren, ja, sogar gegen alles, was in diesem Milieu als heiliges Erbe der Väter bewertet wurde, den Vernichtungskrieg einzuleiten, befähigten auch Lilienblum, den Mann, seine bessere Einsicht gegen den Einfluß der neuen geistigen Atmosphäre und — was noch mehr sagen will — gegen die suggestive Kraft der eignen, jahrzehntelangen geistigen Tätigkeit zu behaupten. Lilienblum wußte sich frei von jeder romantischen Rücksichtnahme. Er ließ sich durch das romantische Gefühl gegen das Überlieferte, — das ja jedem in ein bestimmtes Kultursystem eingeborenen Menschen eigentümlich ist, — nicht abhalten, als es galt, Tempel zu zerstören; er ließ sich aber auch später von dem neuen romantischen Gefühl, das die Zerstörung von Tempeln begleitet, nicht beherrschen, als ihm die Zeit gekommen schien, dies Geschäft aufzugeben und ein neues Aufbauungswerk zu beginnen. * * * Dabei war Lilienblum durchaus nicht der kalte Rationalist, als den man ihn gewöhnlich hinzustellen pflegt. Der Einfluß der Zeit der russischen Aufklärung der sechziger Jahre (Pisarew) machten ihn freilich zum überzeugten nüchternen Realisten, was uns Jüngere immer an ihm etwas befremdete. Allein, es war dies bloß eine theoretische Anschauungsweise, die für sein inneres Gemütsleben keineswegs als Maßstab gelten darf. Im Grunde seines Herzens war er ein Gemütsmensch im besten Sinne des Wortes, ein Mann von tiefem intensivem Gefühlsleben, dabei aber sehr schüchtern und vornehm diskret. Er gehörte zu denen, die weder laut frohlocken, noch öffentlich schluchzen. Mit jungfräulicher Schamhaftigkeit verschloß er sein inneres Gefühlsleben vor fremden.Augen. Er vermochte' es nicht, sein Herz dem Mikroskop der Leute draußen auszusetzen. Seiner Überzeugung nach hartnäckiger Realist und kühler Verstandesmensch, war er also seinem innern Wesen nach nichtsdestoweniger ein Idealist reinsten Wassers. Aber die ganze Glut seines idealistischen Herzens stellte er in den Dienst seiner realistischen Auffassung und Handhabung der sozialen Probleme. Er war, um mit Theodor Gornperz zusprechen, „ein Enthusiast der Nüchternheit", kurz: er hatte ein warmes Herz und einen kalten Kopf, einer Maschine zur Erzeugung von künstlichem Eis vergleichbar, die durch einen Dampfkessel in Betrieb gesetzt wird. So vereinigten sich in diesem Manne ein scharfer praktischer Verstand mit einem tiefen unmittelbaren Gefühl zu einer schönen natürlichen Synthese, die seiner Persönlichkeit einen besondern Reiz verlieh. Sein tiefes, echtes Gefühl bewahrte ihn vor der Gefahr, der kühle Verstandesmenschen gewöhnlich ausgesetzt sind: vor der exklusiv analytischen Geistesrichtung, die wohl in der Kritik und Negation Großes zu leisten vermag, beim Aufbauen und Schaffen aber versagt. Wie alle tief veranlagten Naturen war er ein durchaus positiv gerichteter Kopf, ja, er war eine starke,

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