Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 8 (25.2.1910)
- Date
- 1910-02-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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No. 8 DIESaEELT 167 Im Gegensatz zu dieser Generation wächst nun jetzt in den Jugendvereinen eine andere heran, Rekruten, die noch nicht auf ein bestimmtes Parteiprogramm vereidigt sind, die erst im Begriff sind, ihre Ansichten über Juden und Judentum genau zu formulieren. Alles ist bei ihnen noch im Werden, in der Entwicklung begriffen, vieles am Judentum ist ihnen noch wildfremd, sein eigentlicher Charakter, den sie bis dahin erst nur verschwommen geahnt hatten, erschließt sich ihnen erst jetzt in seiner wahren Wesensart. Sie lernen vor allem, daß es außer der Ansicht, die man ihnen im Hause eingeimpft hat, auch,noch andere, anscheinend gleichberechtigte gibt, wodurch sie zum Abwägen und Vergleichen, zur Wahl und Auslese genötigt werden. Auf Schritt und Tritt kommt ihnen Neues entgegen; sie sehen, daß das, was sie bisher für „das Judentum" gehalten haben, nur ein Teilchen des gewaltigen Gedankenkomplexes ist. Zuerst werden sie vielleicht stutzig, dann aber zum selbständigen Nachdenken veranlaßt werden, — und das ist ungemein wertvoll. Wie viele Juden, die gedanken- und teilnamslos bei Seite stehen, jeder Anregung und jeden Interesses bar, würden den Weg zu uns gefunden haben, wenn sie es nur einmal im Leben vermocht hätten, sich von allen Vorurteilen, von jeder Parteilichkeit frei zu machen, mutig, frei und logisch, über das Judentum nachzudenken und ihre Stellung zu ihm einer Revision zu unterziehen! Aber leider verfügt ja nicht ein Jeder über den Mut, die unbedingte Ehrlichkeit und die Freiheit des Denkens und Handelns, die dazu gehört. — In den Jugendvereinen nun soll versucht werden, das zu bessern. Dadurch, daß die jungen Leute Männer der verschiedensten Richtung im Judentum anhören, daß man sie durch das Prinzip der absoluten Unparteilichkeit des Vereins direkt zwingt, von der ihrigen abweichende Meinungen zu tolerieren und auf das Gute hin, das sie enthalten mögen, zu prüfen, ist die wichtigste Vorbedingung für Erfüllung unserer Wünsche gegeben. — Es dürfte vielleicht noch am Platz sein, die Stellung der Zionisten zu den andern, insbesondere zu den Logen, unter deren Auspizien die Vereine begründet wurden, zu beleuchten. — Selbstverständlich hatten in der ersten Zeit die Zionisten mit großen Widerwärtigkeiten zu kämpfen; man betrachtete sie mit unverhohlenem Mißtrauen, und hielt mit der Meinung nicht zurück, daß die jungen Zionisten nur als Agitatoren und Unruhstifter gekommen seien. Es bedurfte der intensiven Zusammenarbeit von mehr als einem halben Jahre, bis dieses Mißtrauen endlich zu weichen anfing und derv. Überzeugung Platz zu machen begann, daß die Zionisten keinerlei Sonderinteressen verträten, und lediglich, wie alle andern, gut jüdische Arbeit leisten wollten. Wie oft haben wir es nicht schon versucht, klar zu machen: Der Zionismus ist und will keine Sonderpartei im Judentum sein, er will vielmehr die einigende Basis schaffen, auf der jeder Jude, wenn er nur jüdisch arbeiten will, sich betätigen kann. Es ist wahrlich an der Zeit, daß man beginnt unsern Versicherungen den Glauben zu schenken, den wir uns durch die Tat schon längst verdient haben, daß man endlich beginnt einzusehen, daß wir nicht auch gelegentlich nebenbei allgemein-jüdisch arbeiten, weil wir nun einmal Zionisten sind, sondern, daß wir eben Zionisten sind, weil wir voll und ganz Juden sind, weil wir jede Parteilichkeit und alle Sonderinteressen aus dem Judentum verbannt sehen wollen, und alle Kräfte sammeln wollen zu gemeinsamer, fruchtbringender Arbeit! Und die jungen Zionisten in den deutschen Jugendvereinen, sie bauen darauf, daß man auf der andern Seite voll und ganz zu dieser Überzeugung wird kommen müssen, daß man ihre ehrlichen Absichten nirgends länger verkennt, sie werden auch weiterhin, — gleichviel ob man ihnen von drüben Dank und Anerkennung zollt, — nach Kräften mitarbeiten und überall an erster Stelle stehen, wo es gilt, jüdische Arbeit jeder Art zu leisten----weil sie Zionisten sind. (□□□□□□ o \-;---O > FEUILLETON on □□□□□□]) o LILIENBLUM, DER SCHRIFTSTELLER UND DER MANN DER TAT Bin schlichtes Gedenkblatt Von Dr. M. Glücksohn I. Der Altmeister der jüdischen Renaissaucebewegung, der Veteran der hebräischen Literatur, Lehrer und Führer zweier Geschlechter, Mosche Leib Lilienblum, ist dahin. Der letzte Feldherr der alten Garde der Zionsstreiter ist zu seinen wackern Mitkämpfern versammelt worden, und wehmütig neigt sich die umflorte Zionsfahne vor dem toten Helden. An seiner Bahre trauert das gesamte nationale Judentum, jenes Judentum, das seine Vergangenheit nicht verleugnet und an seiner Zukunft nicht verzweifelt. * . % * Es mag nun hier der Versuch gestattet sein, in kurzen, schlichten Sätzen zu sagen, wer Lilienblum war und was er uns war. Von Lilienblum, dem vornehm maßvollen Geiste, dem aufrichtig bescheidenen Menschen und Schriftsteller, dem alles Gekünstelte und Aufgeblasene verhaßt war, kann und soll nur in einfachen Worten gesprochen werden, ohne Schwulst und Übertreibung. Und keine Übertreibung ist es, wenn wir behaupten: Lilienblum war einer der großen Schaffenden, die ein bewegender, treibender Faktor sind in der Geschichte ihres Volkes und ihrer Zeit. Mehr als das. Lilienblum war einer der wenigen, die in der hochgehenden Flut einer wogenden, gärenden Übergangsepoche wie ein warnender, weganzeigender Leuchtturm hervorragen; die in dem bunten Wechsel der Geschehnisse und Erscheinungen ordnend und klärend eingreifen, dem chaotischen Kampf zweier Zeitalter Sinn und Zweck verleihen. Indes, nur den allerwenigsten unter diesen wenigen ist es vergönnt, Hebel und Machtfaktor zweier Epochen zu werden, Führer zweier historischer Bewegungen zu sein, die ihrem Wesen und ihren Zielen nach anscheinend grundverschieden sind. — Und zu diesen allerwenigsten zählte Lilienblum. Er war der Prophet zweier Geschlechter geworden; ein großer Neinsager und Zerstörer alter Tempel zu den Zeiten der Väter und ein großer Jasager und Aufbauer neuer Altäre im Zeitalter der Söhne. Mit der Leidenschaftlichkeit eines Elias führte er in der Haskalaepoche den unerschrockenen, rücksichtslosen Kampf der Aufklärung gegen alles Morsche und Verrottete im alten Judentum; und mit der idealen Begeisterung und weisen Unverdrossenheit eines Nehemias verkündete er dem nachfolgenden Geschlechte die wunderbare Botschaft von der Erlösung und Wiedergeburt und schaffte während drei Dezennien als umsichtiger und weitblickender Baumeister an dem Zukunftsbau der jüdischen Nation. Kurzsichtige machten ihm einen Vorwurf aus diesem „Frontwechsel". Er habe kleinmütig die Flinte ins Korn geworfen, voreilig vor vorübergehendem Ungemach kapituliert. Sie begriffen nicht den eigentlichen Charakter der beiden Zeitalter, das innere Wesen beider Bewegungen, beider Erhebungen, deren Verkünder und Führer Lilienblum wurde. Sie sahen nicht den gemeinsamen innern Sinn und Beweggrund des großen Freiheitskampfes, den Lilienblum sein Leben lang führte. Und dieser innere Sinn beider Bewegungen heißt: die Erhebung des souveränen Volksgeistes gegen jede Art Knebelung, das Erwachen des Menschen im Juden, kurzum: T'chijah. Beiden Bewegungen ist gemeinsam: die große, schöpferische Sehnsucht nach innerer Wahrhaftigkeit und Ganzheit, das elementare Streben nach 2*