Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 8 (25.2.1910)
- Date
- 1910-02-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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166 DIE30EELT No. 8 andere durch Pas man ik. Welche von diesen beiden Antworten ist nun richtig? Ussischkin freut sich darüber, daß es mit dem Charterismus zu Ende sei. Ist dem aber wirklich so? Haben wir wirklich nicht nur die Idee des Judenstaates, sondern auch das Streben nach einer gesicherten jüdischen Autonomie in Palästina für immer aufgegeben? Wäre ich ein begeisterter Herzlianer, oder dächte ich, daß die jüdische Freiheit und die türkische Freiheit eins und dasselbe sei, dann würde ich sagen: Sowohl Herzl als Ussischkin haben recht. Zur Zeit des alten Regimes brauchten wir einen Charter, heute hingegen, wo Freiheit in der Türkei herrscht usw., bedürfen wir eines Charters nicht mehr und können uns mit einer geschlossenen Siedlung zufriedengeben. In Wirklichkeit verhall sich die Sache1 ja aber ganz anders. England, wo die Freiheit und das verfassungsmäßige Leben wohl nicht minder heimisch ist als in der Türkei, gewährt seinen Kolonien mindestens die Autonomie eines Charters, während die größern englischen Kolonien, die auf kulturelle Selbständigkeit Anspruch erheben und nach einer gewissen politischen Selbständigkeit streben, von dem Mutterlande nicht nur einen Charter, sondern in der Regel eine eigne Verfassung erhalten. Der Charter, — dies ist die beschränkteste und minimalste aller Garantien für die freie Selbstbestimmung. Haben wir nun auch dieses Minimum an Freiheit endgültig aus unsern Forderungen ausgeschaltet? Ich verlange von unserm Zentralkomitee eine klare und bündige Antwort, ob dies auch seine Ansicht sei. Sollte der ganze Kampf in Hamburg tatsächlich nur zu dem Zwecke inszeniert worden sein, um dem Zionismus ein Ende zu machen? Und sollte dies der Sieg sein, dessen unsere Führer sich rühmen? Eine andere, mehr „philosophische" Antwort gibt Pasmanik. Naqh seiner Meinung ist das System, für welches in Hamburg gekämpft wurde, — eine eigne Psychologie. Die Zionisten in Westeuropa besäßen kein zionistisches Milieu und keine zionistischen Werte, . darum sei ihnen die Bewegung ein nationalpolitisches Problem. Wir Russen und Galizier hingegen seien die wahren Nationaljuden, darum sei uns der Zionismus gleichbedeutend mit der Lösung der Emigrationsfrage. Dahin sind wir also mit unsern Klügeleien gelangt! Die westlichen Zionisten, die unser nationales Empfinden nicht besitzen, streben nach einer Stärkung des nationalen Gedankens und nach politischer Kräftigung des jüdischen Volkes, während wir, die Nationaljuden mit Leib und Seele, ein Asyl für die Wanderer suchen! Ich frage die Mitglieder des Zentralkomitees: Ist dies das System, das ihr im Munde führt, ist dies der Sieg, den ihr errungen haben wollt? N Ihr laßt euch an dem Schaden, den ihr in unserer Bewegung durch persönliches Gezanke, durch Herabwürdigung des Kongresses und der Personen, die an der Spitze der Bewegung stehen, nicht genügen und wollt den Kampf noch fortsetzen. Sei's drum. Seid ihr euch jedoch über den Weg, den ihr einschlagen wollt, einen Moment klar geworden? Ihr wollt die Zahl der russischen Delegierten auf dem nächsten Kongreß vergrößern. Eure Absicht ist, daß die russischen Zionisten sich zunächst stramm organisieren, sodann einstimmig gewisse Beschlüsse fassen und hierauf den Kongreß zwingen, nicht nach seiner Überzeugung, sondern nach dem Willen der russischen Zionisten seine Entscheidungen zu treffen. So weit wäre die Sache verständlich. Ihr hättet jedoch noch folgendes in Erwägung ziehen müssen: Welchen Zweck kann es haben, daß die westlichen Zionisten diesen Kongreß überhaupt noch besuchen, da er keine andern Beschlüsse wird fassen können als diejenigen, die die russischen Delegierten ihm vorher diktiert haben? Wozu überhaupt der ganze Kongreß? Wir können ja unsere Entschließungen — sagen wir in Odessa fassen. In der Tat, wenn alle Fragen in geheimen Konventikeln entschieden werden sollen, was soll uns da der ganze Apparat des Kongresses? Ist euch keinen Augenblick die Besorgnis aufgestiegen, ob die Scheidewand, die ihr zwischen den östlichen und westlichen Zionisten aufrichtet, indem ihr die erstem in den Himmel hebt und den letztem Bestrebungen andichtet, die ihnen vollkommen fernliegen, — ob diese künstliche Scheidewand sich nicht schließlich in allen Dingen fühlbar machen wird? Können nicht eines schönen Tages die deutschen, englischen und sonstigen westlichen Zionisten kommen und erklären: Wir können mit diesen Herren, die nicht unsere Mithilfe wollen, sondern danach streben, uns in brutaler Weise zu majorisieren, -nicht zusammenarbeiten? Kurz und gut: Ist euch nicht klar geworden, daß eure Taktik und euer Streben, eine Mehrheit — nicht von Gesinnungsgenossen, sondern von Angehörigen einer Landsmannschaft zu schaffen, geeignet ist, den Kongreß und die ganze zionistische Organisation zu untergraben? Eine klare Antwort auf diese tiefernsten Fragen erwarte nicht ich allein von euch." Die jüdische Jugendbewegung in Deutschland und der Zionismus Von Hans Goslar, Berlin Deutschland besitzt seit ungefähr einem Jahre eine wirkliche jüdische Jugendbewegung. In fast allen Städten, wo sich größere Judengemeinden befinden, hat sich der noch jüdisch empfindende. Teil der Jugend in Vereinen zusammengeschlossen, und diese Vereine wieder bildeten den nun schon recht stattlichen „Verband jüdischer Jugendvereine Deutschlands". Diese Tatsache darf wohl als eines der wichtigsten Ereignisse in der Geschichte der deutschen Judenheit bezeichnet werden und erfüllt jeden, der angesichts der Indifferenz der ältern Generation mit schweren Sorgen in die Zukunft des deutschen Judentums geblickt hat, mit neuer Hoffnung. Fast möchte man es als Wunder bezeichnen, daß diese Bewegung überhaupt geboren werden konnte, daß sie Anhänger gewinnen und zu einem wirklich bedeutenden Faktor im öffentlich jüdischen Leben Deutschlands werden konnte, denn nach dem, was vom Elternhaus und Schule an der jungen Generation gesündigt war, durfte man eigentlich nicht annehmen, daß die Jugend in hellen Scharen sich einer jüdischen Bewegung anschließen würde. Tendiert doch die Erziehung unserer Jugend nach einer ganz andern Seite hin, als aus ihr gefestigte und bewußte Juden zu machen; ist doch der Religionsunterricht in seiner jetzigen Verfassung bei weitem nicht in der Lage, den Kindern die Liebe zum Judentum und die Begeisterung für seine Ideale mit ins Leben zu geben, die sie als Angehörige einer verschwindend kleinen, in äußerer und innerer Bedrängnis befindlichen . Minorität unbedingt benötigen! Ja, wir dürfen stolz auf eine Jugend sein, die, — dem Judentum, nicht durch eigene Schuld, zum großen Teil entfremdet, — gewissermaßen durch den Instinkt und die Stimme des Herzens den Weg zu ihm zurück gefunden hat. — Man kann gespannt sein, was für eine Generation wir hier haben werden, wenn die jungen Leute, die in den Jugendvereinen ausgebildet sind, erst einmal im öffentlichen Leben stehen werden. Ein mehr positiver Zug wird entschieden zu verspüren sein; denn das haben wohl die meisten Vereine gemeinsam, — ohne daß sie irgendwie eine bestimmte religiöse oder politische Richtung im Judentum verträten, stehen sie doch auf bewußt jüdischer Grundlage und neigen jedenfalls eher zu positiven Anschauungen, als daß sie extrem liberalen oder reformerischen Strömungen sich zuwendeten. Das wichtigste Moment aber ist unbedingt folgendes: Die Alten sitzen in ihren verschiedenen Vereinen, die sämtlich eine bestimmt ausgeprägte Richtung im Judentum verkörpern. Sie beurteilen alle Neuerscheinungen des jüdischen Lebens nur von diesem eingewurzelten Parteistandpunkt aus; ihre Parteiinteressen sind ihnen in erster Linie maßgebend; sie verkörpern ihnen vielfach das ganze Judentum, obwohl sie oft nur einen verschwindend kleinen Kreis seiner Gesamtinteressen umfassen. Das hat notwendigerweise zu den stark partikularistischen Strömungen geführt, die wir im deutschen Judentum numehr überall finden; es hat zur Folge gehabt, daß die großen einigenden Gesichtspunkte immer mehr hinter allerlei im Grunde höchst nebensächlichen Sonderinteressen zurückgetreten sind und daß sich zahlreiche Gruppen und Grüppchen verärgert und scharf konkurrierend gegenüberstehen. Es hat ferner zur Folge gehabt, daß man unliebenswürdig und intolerant gegeneinander geworden ist, daß man die abweichende Ansicht eines andern nicht mehr anzuhören vermag, weil sie vielleicht in diesem oder jenem Punkte von dem geheiligten Dogma des Parteistatuts divergiert. Von einer derart beschaffenen Generation war natürlich auch für den Zionismus nicht viel zu erwarten, denn er brachte viel zu viel unerhört Neues und Eigenartiges, was die Leute, die sich nun einmal für ein Menschenleben auf ihre statutarisch sanktionierte Parteiansicht eingeschworen hatten, einfach verblüffte und vor den Kopf stieß. Es kommt auch noch hinzu das Prinzip der Bequemlichkeit und Beharrlichkeit, das ebenfalls dazu beitrug, die Angehörigen der verschiedensten Richtungen in dem Glauben, zu bekräftigen, daß man es weiß Gott nicht mehr nötig habe, nach so und so viel Jahren ehrenvoller und zur Gewohnheit gewordener Zugehörigkeit zu der oder der Parteiüberzeugung umzulernen und sich dem beschwerlichen, zeitraubenden und vor allem unbequemen innern Verwandlungsprozeß zu unterwerfen! Nein, da lieber die Reihen fest zusammengeschlossen und Front gemacht gegen das Neue und Ungewohnte, das da im Anzüge begriffen ist und geeignet ist, die behagliche Ruhe des sieben Tage der Woche währenden Sabbathnachmittagsschlafes zu gefährden. — Der Mensch ist ja nun leider einmal in erster Linie Gewohnheitstier, — und Mensch ist ja auch der Jude, wenn man es auch in Rußland nicht recht wahrhaben