Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 8 (25.2.1910)
- Date
- 1910-02-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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164 DIE20KLT No. 8 Parteien geschieht, und daß Ideale in voller Reinheit nicht zu erreichen sind. Auch ein Wort der Rahel fällt , mir da ein, das sie zur Zeit der preußischen Freiheitsbewegung an Freiherrn v. Stein schrieb: . . . „Es ist unglaublich, wie Eitelkeit, Neid, Selbstsucht und alle kleinlichen Triebe sich schließlich, doch einen, um eine große Sache zu fördern." (Ich zitiere aus dem Gedächtnis.) Aber ich bin noch immer Idealist genug, um zu wünschen, daß diese unsere Bewegung, fdie in der Geschichte ihresgleichen nicht hat, auch in ihrer Konstruktion und in ihren Lebensanschauungen von andern Bewegungen möglichst sich unterscheide. Denn ich glaube daran, daß unsere Bewegung in ihren Anfängen eine solche der Bruderliebe war, und wir sollten nur immer wieder in diese reine Ursprungsquelle tauchen, um von allen Gebrechen des Menschlichen, Allzumenschlichen zu ge- - sunden. Und da geht mein Wort in allererster Linie an unsere Brüder in Rußland. Meine lieben Freunde! Als ihr zum ersten Male zu uns kamt, da flogen euch alle Herzen zu. Es war rührend, zu sehen, wie Theodor Herzl an euch hing. Ich weiß es, und mit mir wissen es viele, daß euer Auftreten für ihn ein Höhepunkt der Befriedigung, eine der wenigen reinen Freuden war, die unsere Bewegung ihm geboten hat. Ich sage: euer Auftreten, die ganze stramme, geschlossene Art, die wir selbst noch nicht besaßen, und die bei euch um so mehr Erstaunen weckte, freute und rührte ihn; die feste Liebe zu Zion, die Geschlossenheit des Charakters bei dem einzelnen und das feste Gefüge der Geschlossenheit der Landsmannschaft. Nach und nach änderte sich das Bild, mit jedem Schekel, der mehr einging, kamen feste Forderungen, Verlangen nach garantiertem Einfluß, was uns um so mehr in Verwunderung setzte, als wir doch meinten, die ganze Arbeit fast ausschließlich für euch zu leisten, und weil die volle Verantwortung der Welt gegenüber hier lag. Was offen nicht durchzusetzen war, wurde dann heimlich versucht. In jener Zeit kam es so, daß jeder „Politiker", dem etwas bei Herzls Anträgen oder unsern Arbeiten nicht recht war, ganz einfach kam und sagte: „Das wird den Russen nicht passen." Und natürlich ist es, wenn er dafür sorgte, daß es nicht paßte. Wir erlebten so eine Art unterirdischer Politik, die unserer Bewegung sehr geschadet hat. Ich erinnere mich ganz genau, daß wir gewohnt waren, einzelne Leute mit einer gewissen Scheu zu betrachten, weil sie „mit den Russen in Verbindung waren". Aber es kam viel schlimmer; wo ein unzufriedener oder ränkespinnender Politiker oder Beamter war, er wandte sich an euch und suchte seine schwache Position an euch zu stärken, wodurch übrigens mancher wackere Gesinnungsgenosse, der ein'besseres Schicksal verdient hätte, auf eine schiefe Ebene kam. Auch mir predigte man: „Wenden Sie sich an die Russen, wenn Sie was durchsetzen wollen." Habe ich es je getan? Und liebe ich euch weniger als jene, die eure Kraft und euer Ansehen so lange gebrauchten, bis ihr abgenutzt wäret? Meine lieben und geliebten Freunde! Ihr steht mir viel zu hoch, als daß ich euch zu Intrigen mißbrauchen möchte! Ich mißbillige eure Opposition durchaus nicht. Das Mißtrauen ist eine Notwendigkeit in der Politik, es ist das Bewegende im Fortschritt des sozialen Zusammenlebens. Wir meinten auch beim letzten Kongreß, die Oppo- . sition sei persönlich. Und wir mußten es glauben, weil ein Teil eures westeuropäischen Anhangs ausschließlich persönlich gegen das Präsidium eingenommen ist und eigentlich „theoretisch" euch ferner steht als wir. Die Machthaber suchen sich drückender Beschlüsse zu entledigen oder konstitutionelle Beschränkungen zu umgehen. Das alles ist auch schon bei uns vorgekommen. Und wenn ihr beim letzten Kongreß eine solche Tatsache vorgebracht hättet, wir würden unsere Konsequenzen daraus gezogen haben. Und wenn ihr beim nächsten Kongreß irgendeine Verletzung unserer Konstitution nachweisen werdet oder eine Umgehung eines Kongreßbeschlusses, wir alle werden unsere Konsequenzen daraus ziehen. Wenn ihr welche Arbeit immer verlangen werdet, wir werden sie leisten, wenn es nur, wie immer, mit unsern Kräften vereinbarlich sein wird. Das sage ich hier im Namen aller Zionisten des Westens, ohne mit einem einzigen darüber gesprochen zu haben, denn ich kenne ihre Gesinnung euch gegenüber und kann sicher sein, nicht desavouiert zu werden. Wenn wir finden werden, daß es tatsächlich in Köln nicht weitergeht, daß die Leitung uns nicht vorwärts bringt, wir werden mit euch in brüderlicher Form beraten, wie dem abzuhelfen sei; aber konspiriert nicht mit jenen wurmstichigen Elementen, die sich schon heute öffentlich brüsten, mit euch in Fühlung zu stehen. Jene wenigen jungen Heißsporne aus Deutschland, die mit euch gehen und deren gute Absichten außer Frage stehen, nehme ich gerne aus. Aber zumeist, ich wiederhole das, hängen sich jene an eure Frackschöße, die ihre Position erschüttert sahen und eure Kraft für ihre Zwecke ausnützen wollen, Leute ohne Vergangenheit, ohne Zukunft und ohne Anhang. Wollen wir uns in brüderlicher Liebe verständigen, und verzeihet mir meine Freunde, daß ich öffentlich zu euch spreche, der ich auf dem letzten Kongreß krank gewesen bin und mich nicht verständigen konnte. Vom ersten Tage, da ihr nach Wien gekommen seid, haben wir uns gesehen. Und ich stehe noch immer in der Kampflinie, ohne Wunsch nach Ehren, ohne jede Absicht auf Stellen, frei, aus eigner Kraft und bereit, euch zu dienen, die ihr die Verkörperung des Zionismus bedeutet. W7enn ich meine Blicke nach Zion wende, dann wandern sie über Rußland nach der alten Judenheimat, wenn ich übers Judenland rede oder schreibe und unsere Zukunft preise, dann sehe ich euch, euer Leid und eure ungebrochene Kraft. Ich kann meine ganze Empfindung in einen Satz kleiden. Es war zu einer Zeit, da ich in der Bewegung schweres Leid erfahren hatte, über das ich mit Herzl korrespondierte, der mir meiner Meinung nach unrecht getan hatte. Ich schrieb ihm: „Sie tun mir unrecht, Sie tun mir wehe; aber Sie können mit mir machen was Sie wollen, denn ich liebe Sie, wie ich nur noch das jüdische Volk liebe." Meine lieben Brüder, ihr seid mir und allen echten Zionisten hier im Westen die Repräsentanten des größten