Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 8 (25.2.1910)
- Date
- 1910-02-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 8 diei|kelt 163 Fürst Kasatkin-Rostowskij starb, hinterließ aber genug ebensogut unterrichtete Nachfolger. Einer von diesen, Kr am er, behauptete vor kurzem im Reichsrat, daß die Juden vor einiger Zeit 30 Rubel für jeden politischen Mord zu zahlen pflegten. Sogar Graf Witte, den die Verbändler „das jüdische Väterchen" nannten, benutzt von Zeit zu Zeit die Gelegenheit, um von der Tribüne über die jüdische Konkurrenz zu klagen. Es kam nun einmal vor, daß während der Sitzung der Finanzkommission bei der Verhandlung des Budgets für das Jahr 1909 der Deputierte des Minsker Gouvernements, Wojnolo witsch, daraufhinwies, man könne die ökonomische Lage des Landes nur durch die Abschaffung des jüdischen Ansiedlungsrayons verbessern. Dieser Antrag verblüffte den Reichsrat dermaßen, daß man ihn vollständig überging und ihn mit keinem Worte weiter erwähnte. So ist die Körperschaft beschaffen, so tief ist das geistige Niveau der Korporation, die in letzter Linie über die Geschicke der Juden Rußlands zu'entscheiden hat. Meine Anklagen Von H. York-Steiner (Schluß) Von den Unverträglichen und von den Verleumdern Vom Beginn der Bewegung an sind einige Männer, und nicht die untüchtigsten, damit stigmatisiert worden, daß es hieß: „Mit diesem Manne kann man nicht arbeiten, er ist herrschsüchtig, — oder unverträglich." Mehrere dieser Freunde sind durch diese Ausstreuungen außer Gefecht gesetzt worden. Nach und nach habe ich gesehen, daß alle unsere leitenden Männer, Herzl an der Spitze, als Leute dargestellt wurden, mit denen „man" nicht arbeiten kann, und ich begann dieses Phänomen etwas näher zu beobachten. Und siehe da, ich fand folgendes: Es ist sicher, daß alle Menschen, die stark genug sind, um sich in einer solchen Bewegung zu behaupten oder gar führend zu betätigen, bei Berührung mit den andern ihren Willen, ihre Ansicht durchzusetzen wissen. Ebenso fest steht, daß wir Juden nur ungern einen andern Willen anerkennen, und daß sich selbst der Schwächste nicht leicht unterordnet. Den Zwang zur Unterordnung, den ihm die Stellung oder der Geist des Stärkern auferlegt, nennt er dann „Unmöglichkeit des Zusammenarbeitens". Wo man nicht anders konnte, fügte man sich, — aber zähneknirschend, — wenn es aber anging, dann wurde jeder, der verdächtig war, stark zu sein, so lange als „unmöglich" verleumdet, als Despot und Tyrann hingestellt, bis er selbst verbittert wurde, die andern mißtrauisch wurden, und so ein ersprießliches Zusammenarbeiten tatsächlich unmöglich gemacht war. Das ist aber noch nicht das Schlimmste, was die Verleumder geleistet haben. Ja, wird sich .mancher Leser entsetzt fragen, gibt es denn solche unter uns? Gewiß, unter den vielen guten, aufopferungsfähigen Männern, unter den zahllosen reinen Seelen voll Idealismus gibt es auch solche, die so voll Selbstanbetung, Anmaßung und Dünkel sind, daß sie alles, was geschieht, in sich selbst verkleinern und beschmutzen, jede Leistung und jeden, der leistet, so lange giftig bekritteln, bis »etwas hängen" bleibt. Und leider, selbst besser geartete Männer können von der verdammenswerten Gewohnheit m nicht lassen, jedes Urteil über ihre Mitarbeiter mit einer hinterhaltigen und zweideutigen Bemerkung zu schmücken, die dann, vergröbert und vergrößert, bis zur tötlichen Verleumdung heranwächst. Geht man einer solchen ausgewachsenen Nichtsnutzigkeit zu Leibe, dann findet man die eigentlichen Urheber sachlich gepanzert. Sie haben nur das Recht der freien Meinungsäußerung gebraucht, und halbe Worte, Achselzucken, Kaffeehaus-Redensarten lassen sich nicht kontrollieren. Findet sich jedoch ein Rechtsucher, ein kleiner Michael Kohlhaas, einer, dem es in der Seele brennt, das gerade die Kämpfer für ihr Volk gegen solche Tücke ankämpfen müssen, und ist er gewillt, den Dingen auf den Grund zu gehen und die giftigen Quellen zu verstopfen, dann wird er als gefährlicher Stänkerer dargestellt und möglichst „unschädlich" gemacht. Die Verleumdung beginnt ihren Kreislauf. Die Organisationsfanatiker Wir wissen, mit welcher Inbrunst Theodor Herzl an der Organisation hing, und wie sehr wir alten Zionisten sie respektieren. Die Ziele und Aufgaben der Idee müssen organisiert sein. Das ist klar. In neuerer Zeit jedoch heißt jedes Komitee oder die Tischgesellschaft, die sich der kleinsten Teilorganisationen bemächtigt hat, kurzweg „die Organisation". Jedes Klübchen erfindet sich neue Theorien des Zionismus, neue praktische Ideen, und wer nicht mit dem organisierten Stammtisch durch dick und dünn geht, — stört „die Organisation". Köstlich zeigte sich das auf dem letzten Kongreß. Schon die Wahlen zeigen den Stammtisch-Charakter. Man klaubt sich mit allen Mitteln einige Ja-Sager zusammen, zieht zum Kongreß, stoppelt zwischen den ermüdenden Verhandlungen einen „Beschluß" zusammen und ist empört, wenn die erfahrenen Delegierten dann ihre eignen Wege gehen, wenn die Entwicklung der Verhandlungen dies notwendig macht. Diese Organisationsfanatiker stehen alle auf dem Standpunkt: „Die Organisation, das bin ich!" Und im Augenblick, wo die Organisation von ihnen verlangt, daß sie sich einem Beschluß zu beugen haben, der ihnen unbequem ist, dann üben sie offene Rebellion und entziehen sich mit einem faulen Kompetenzstreit, oder auch ohne einen solchen, der Organisationsordre. Die Russen Fast ohne aufzublicken, mit einem Fuße auf der Schiffsplanke, habe ich all das Vorstehende niedergeschrieben. In einem Atem ist all das abgerollt von mir, was mich beschwert, seit einem Jahrzehnt bedrückt. Meine größten Bedenken, meine drückendsten Sorgen bleiben in mir verschlossen. Nie, weder in einem Zeitungsartikel, noch in einer Novelle habe ich dem . pessimistischen Zuge Raum gegeben, der gelegentlich alle Juden wie ein Alp bedrückt: Der Zionismus ist der zur Tat gewordene Optimismus. Der Pessimismus in uns und in den andern muß niedergekämpft werden, ebenso wie es möglich ist, all den Übeln zu steuern, die ich flüchtig dargestellt habe. Es komme mir niemand mit Erklärungen: warum und wieso. Soviel Psychologie beherrsche ich auch, um zu verstehen, daß all diese Dinge menschlich sind, daß viel davon, ja fast das meiste, auch in andern l*