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Die Welt · 1910-02-25 · 8 (25.2.1910) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
8 (25.2.1910)
Date
1910-02-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
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162 DIE^ELT No. 8 kam eine knifflige Szene. Denn Mr. Lodge meinte: „Ich habe doch wirklich immer angenommen, daß die Juden eine Rasse seien. Ich finde z. B. in der von Herrn Cyrus Adler gezeichneten Vorrede zur „Jewish Encyclopedia" folgende Bemerkung: „An even more delicate problem that presented ' itself at the very outset was the attitude to be observed by the encyclopedia in regard to those Jews, who, while born within the Jewish Community, have, for one reason or another, abandoned it. As the present work deals with Jews as a race, it was found impossible to exclude those who were of that race, wrhatever their religious affiliations may have been." In wörtlicher Übersetzung: „Ein noch schwierigeres Problem, das sich uns gleich bei Beginn bot, war das Verhalten, das wir in der Enzyklopädie den Juden gegenüber zu beobachten hätten, welche, obgleich sie in der jüdischen Gemeinschaft geboren waren, diese aus irgendwelchem Grunde verließen. Da dieses Werk nun sich mit den Juden als Rasse befaßt, so war es unmöglich, irgendein Mitglied dieser Rasse auszuschließen, welche religiöse Zugehörigkeit immer es nachher besessen haben sollte." In derselben Encyklopädie — sagte Lodge weiter — finde ich eine Erklärung des Herrn Dr. Josef Jacobs, des früheren Präsidenten der Jüdischen Historischen Gesellschaft in England, die lautet: „Anthropologisch betrachtet, sind die Juden eine Rasse von ausgesprochen einheitlichem Typus, der entsteht entweder durch die Einheit der Rasse oder durch die Gleichheit der Umgebung." Herr Wolf blieb bei seiner Meinung, die sich nur änderte, als er nach Benjamin Disraeli gefragt wurde. Hier zog er eine Einschränkung. „In religiöser Hinsicht hörte er auf, Jude zu sein." (Als er getauft wurde sc.) Hier kannte Herr Wolf plötzlich zwei Seiten der Frage. Nach den Proben, die wir hier geboten haben, wird sich wohl jeder sein Urteil bilden können über die. Beweggründe, die Herrn Wolf zu seinen Erklärungen unbewußt veranlaßt haben mochten. Es sind dieselben wie anderwärts. Die hervorragenden Männer jüdischen Stammes, die Disraeli, Heine, Börne, akzeptiert man gern. Die Einwanderer aber, die an Armut und Judentum kranken, sollen aus der Statistik verschwinden, damit ja nicht irgendwer aus ihrer großen Ziffer auf die Zustände schließen kann, in denen sie ihre Volksgenossen „daheim" zurücklassen. Und noch etwas Schlimmeres liegt in jenen Erklärungen, die sich auf die volksbewußten Zionisten beziehen. Es ist dieselbe Tendenz, die wir in Deutschland, in Österreich, die wir überall angetroffen, überall gleich energisch zurückgewiesen haben. Es ist überall die Hydra, der man einen Kopf abschlägt und der man sofort zwei neue nachwachsen sieht: die Absicht, die Zionisten als Staatsfeinde, als unpatriotisch zu verdächtigen. Der „Maccabean", unser amerikanisches Bruderorgan, unterzieht sich wieder der Aufgabe, diesen Spuk zu bannen, und sagt: „Als Zionisten, als Juden und als amerikanische Bürger erklären wir, die man beschuldigt, unpatriotisch zu sein, daß wir mehr Vertrauen setzen in die Loyalität des amerikanischen Volks als diejenigen, die immer wieder ihren amerikanischen Patriotismus betonen zu müssen glauben. Wir glauben, daß sich das amerikanische Volk nicht dadurch zum Antisemitismus wird verleiten lassen, daß die Anzahl der einwandernden Juden genau bekannt wird. Wenn es überhaupt etwas gibt, was ein Vorurteil gegen die Juden erwecken könnte, so ist es nach unserer Ansicht das tiftelnde, unmännliche und würdelose Vordrängen der Vertreter eines Volks, die gegenüber den Tatsachen und der Geschichte ihre eignen persönlichen, Oberzeugungen und sogar ihre nationalen Geburtsrechte verleugnen." Wie ganz anders gegen das — von allem übrigen abgesehen — kaltherzige Vorgehen des Herrn Wolf, den an der furchtbaren Frage der jüdischen Wanderung nur das sonst recht kleinliche Detail der Eintragung in die Statistik interessiert, wirken die prächtigen Worte, die in der Jahresversammlung der „Jewish Immigrant Society" gefallen sind, als der Emigrationskommissar Williams seine Maßregeln gegen die jüdischen Einwanderer zu verteidigen suchte. Der Richter Leon Sanders antwortete ihm: „Mögen Sie, Mr. Williams, in Ihrem schweren Amte stets folgendes bedenken: Wenn Emigranten anderer Völker zurückgeschickt werden, so haben sie eine Heimat, in welche sie zurückkehren können; die jüdischen Emigranten aus dem europäischen Osten sind aber heimatlos, und wenn - sie zurückgeschickt werden, müssen sie ruhelos umherirren und zugrunde gehen." Alle diejenigen, die dem JudenprobLem gerade ins Auge sehen, müssen wünschen, daß sich die warme Bruderliebe, die aus diesen Worten spricht, mit den Bestrebungen jener einigen möge, die dem jüdischen Volke eine Heimat schaffen wollen, die der wandermüde Jude mit froher Hoffnung ohne Muskelexamen und Einwanderungsämter betreten kann. Der russische Reichsrat und die Judenfrage Wenn man von der Stellung der Duma zur Judenfrage und zur Durchführung verschiedener Erleichterungen auf dem Gebiete der Gesetzgebung für Juden ■ spricht, vergißt man oft, daß, wenn sich sogar die Duma über diese Probleme in einem für die Juden günstigen Sinne ausspricht, doch die endgültige Entscheidung über die Annahme dieses oder jenes Gesetzprojekts noch von der Bestätigung durch den Reichsrat abhängt. Der Vorsitzende des Reichsrats ist Akinon3 und die maßgebenden Mitglieder sind die Durnowo, Prehno et consortes. Jedes Gesetzprojekt, welches von der Duma angenommen wird, muß vom Reichsrat bestätigt werden, ehe es dem Zaren unterbreitet wird. Wenn es also einmal dazu kommen wird, daß die Duma ein für Juden günstiges Gesetz annimmt, so muß es dann wieder die Sanktion des Reichsrats erlangen. Wie verhält sich aber der Reichsrat zur Judenfrage? Wenn man die Zusammensetzung des Reichrats in Betracht zieht, so sieht man, daß sein Programm nicht viel weiter nach links gehen kann als das Programm des „Verbandes des russischen Volks". Und so ist sein Verhältnis zur Judenfrage klar. Offiziell ist die Judenfrage bis jetzt im Reichsrat noch nicht berührt worden, aber oft streift man sie in einem für die Juden höchst ungünstigen Sinne. Eine Zeitlang spielte der jetzt verstorbene Fürst Kasatkin-Rostowskij die Rolle des Judenfressers. Er ging so weit, zu behaupten, daß die revolutionäre Bewegung in Rußland von Juden auf Kosten des internationalen Judenverbandes und auf Beschluß eines vor sechs Jahren abgehaltenen Zionistenkongresses inauguriert worden sei. Er wußte sogar, daß man für diesen Zweck 200 Millionen Rubel angewiesen habe.

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