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Die Welt · 1910-02-18 · 7 (18.2.1910) · page 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
7 (18.2.1910)
Date
1910-02-18
Page
– (sequence 16)
Language
German
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daran ist, daß schon jetzt gerade die Juden für den Kampf herhalten müssen. Offenbar wagt man nicht, die als patriotisch geltende moslemische Muhadschir-Bewegung anzugreifen; man spricht daher nur von dem geplanten Zufluß der Juden; man schraubt die Sache abenteuerlich ins Große und behauptet Nasim Bey rufe eine Million Juden ins Land, und damit schreckt man Presse und Regierung. Dieses Schreckbild scheint auch die gewünschte Wirkung zu erzielen; denn die offiziöse Presse beeilte sich, das Komitee und Nasim Bey gegen einen so furchtbaren Vorwurf in Schutz zu nehmen. Und die Anhänger des jungtürkischen Führers scheuen sich nicht, zu erklären, daß von einer Einwanderung von Juden nach Mazedonien gar keine Rede gewesen sei. Das heißt also: Noch vor ihrem Erscheinen werden die Juden Objekt des politischen Kampfes, und auf den ersten Schlag wird ihre Sache von ihren Förderern und Wohltätern geopfert. Ein gelindes Grauen will einen überkommen, wenn man sich den Hergang analog etwa nach erfolgter Judenniederlassung denkt. Was heute Zeitungsartikel sind, dürfte dann blanke Waffen darstellen, und wenn die Jungtürken dann ebenso schnell bereit sind, ihre jüdischen Freunde zu verleugnen, so mag es eine Katastrophe geben. Diese Perspektiven übertreiben nicht. Denn jetzt bereits hat sich, Blättermeldungen zufolge, ein griechisch-bulgarisches Komitee (o holde Eintracht!) in Mazedonien gebildet, das mit allen Mitteln die Einwanderung verhindern will. Gerüchte fügen hinzu, die gewaltsame Beseitigung Dr. Nasim Beys sei als erstes taktisches Mittel bereits beschlossen. Das kann lieblich werden, echt mazedonisch! In dieses Land will man Juden führen, und es gibt Juden, die das wollen. Wir zweifeln aber nicht daran, daß dieses erste bezeichnende Intermezzo ihnen die Lust dazu ein wenig trüben wird. Ein neues, unendlich potenziertes Böhmen hier für die Juden zu schaffen, wo sie als Puffer für die eine Nationalität und als Prügelobjekt für die andern werden dienen müssen, wird ihnen doch etwas bedenklich erscheinen. Aus dem Lande der politischen Räuberbanden, das werden sie wohl erkennen, ist ein Heiliges Land schlechterdings nicht zu machen. Für die Flotte Die ottomanischen Juden führen ihre patriotischen Anstrengungen energisch fort. Aus allen Teilen, besonders den Großstädten des Landes, werden Veranstaltungen zum Besten der Flotte gemeldet. Die Spitze nimmt, wie gewöhnlich, wieder Salonik. Wie der gestrige „Stambul" meldet, haben sich nämlich die Saloniker Juden das Ziel gesetzt, aus jüdischen Mitteln allein die Summe für den Ankauf eines Panzerkreuzers zusammenzubringen, der den Namen „Israel" tragen soll. Sollte ihnen diese Absicht gelingen, so wird dieser Name tatsächlich, wie selten, zu Ehren kommen. Die Flottennummer der vereinigten jüdischen Presse der Türkei nach dem Vorschlage der „Aurore" verspricht nicht bloß eine patriotische, sondern zugleich eine jüdische Tat zu werden. Sie soll nämlich nach den ersten Beschlüssen des Pressekomitees den Titel tragen: „La Renaissance Juive" und folgende hochinteressanten Beiträge enthalten: 1. Geschichte der jüdischen Gemeinden der Türkei. 2. Geschichte des jüdischen Journalismus im ottomanischen Reiche. 3. Die spaniolische Sprache im Orient. 4. Die türkische Sprache und die Juden. 5. Die ökonomische Lage der ottomanischen Juden. 6. Die palästinensischen Kolonien. 7. Geschichte des ottomanischen Judentums. 8. Ihre Sitten und Gebräuche. 9. Sephardim und Aschkenasim. 10. Die jüdische Kunst. 11. Notwendigkeit einer nationalen Sprache für die ottomanischen Juden, 12. Die jüdisch-spaniolische Literatur bei den ottomanischen Juden. 13. Die jüdischen Schulen einst und jetzt. 14. Eine literarische Novelle aus dem Leben der türkischen Juden. Dieses Programm ist wahrhaft glänzend. Wenn die Ausführung der Absicht stichhält, so wird das ein literarisches Denkmal werden. — Die meisten jüdischen Zeitungen der Türkei haben die Mitwirkung bereits zugesagt. Nach Jerusalem Der vor kurzem nach Salonik zurückgekehrte Großrabbiner dieser Stadt, Rabbi Jakob Mair, gedenkt der „Epoca" zufolge am 9. März wiederum nach Konstantinopel aufzubrechen, um mit Rabbi Nahum gemeinschaftlich die Reise nach Jaffa und Jerusalem anzutreten. Die beiden Großrabbiner wollen dort endlich den Gemeindezwiespalt beseitigen. Auf der Rückreise wird sodann der Chachambaschi der Türkei der Stadt Salonik einen Besuch abstatten. Im Laufe des Monats Mai gedenkt sodann Rabbi Nahum eine Europareise anzutreten. Aus der Presse Die leidige, völlig ins Persönliche ausgeartete Kontroverse pro und kontra Zionismus hat glücklich ihr Ende erreicht, wenn der Schein nicht trügt. Momentan ist jedenfalls Ruh' auf allen Gipfeln, jedes Blatt widmet sich ruhig seiner positiven Aufklärungsarbeit. Viel bemerkt wurde im „Hamewasser" ein Aufsatz von Rabbiner Dr. Ehrenpreis-Sofia über die „Renaissance der Sephardim". Er stellt fest, daß die spaniolischen Juden seit Josef Karo und Israel Nagara keinerlei Anteil mehr an der hebräischen Literatur genommen haben und geistig stagnierten. Das Resultat dieses Niedergangs sei heute eine intellektuelle Inferioritiät des Sephardi gegenüber dem Aschkenasi.. Demgegenüber spricht er jedoch dem Sephardi eine moralische Überlegenheit über den Aschkenasi zu; er glaubt, dieser habe mehr Goluth in seine Seele aufgenommen als jener und habe mehr den Sinn für das Äußere, für die Ästhetik verloren. Der Artikel hat in der spaniolischen Presse vielfaches Echo und Besprechung gefunden. In der „Aurore" wird beklagt, daß die Türkei keine eigenen Rabbiner stellen könne und gezwungen sei, bei Bedarf zum Ausland ihre Zuflucht zu nehmen und in diesem Zusammenhang die Frage aufgeworfen, wie es denn eigentlich mit dem Rabbinerseminar in Kusgundschuk stehe, das doch berufen sein sollte, Rabbiner für das Reich auszubilden. — Im gleichen Blatt richtet ein Brief aus Monastir einen verzweifelten Appell an den Hilfsverein der Deutschen Juden, den elenden Schulzuständen der dortigen jüdischen Gemeinde zuhilfe zu kommen. Die Talmud Torah sei dem Untergang nahe, 200 Kinder lägen ohne Unterricht auf der Straße, die Gemeinde sei sehr arm, und die Alliance und die Ica, die Beihilfe leisteten, gingen mit der Absicht um, diese noch zu reduzieren. „Nur der Hilfsverein", schließt der Brief, „könnte unsere Talmud Torah retten, indem er sie unter seinen Schutz nimmt." Aus dem Schulwesen Der Minister des öffentlichen Unterrichts wird demnächst der Kammer ein Gesetzesprojekt für die Lösung der Frage der nichtmohammedanischen Schulen unterbreiten. Der Großrabbiner hatte für gewisse jüdische Schulanstalten, wie das Rabbinerseminar, Dispensation von der Immobiliensteuer verlangt. Es wurde ihm jedoch der Bescheid, daß nur durch Kaiserliches Trade gegründete Schulen diese Vergünstigung erfahren könnten. Die türkischen und hebräischen Kurse in der Or-Toraschule des Hilfsvereins erfreuen sich eines sehr starken Zuspruchs. Die Knabenschule der Alliance in Galata ist seit mehreren Wochen wegen Baufälligkeit geschlossen. Der Neubau ist noch nicht vollendet, so daß mehrere Hundert Kinder momentanohne Unterricht sind. Der „Avenir" meldet, daß 15Jüdische Knaben, die in die Militärschule in Salonik eingetreten waren, dort allseitig, wie man mit Bewunderung bemerkte, glänzende Fortschritte machen. In Smyrna macht man Anstrengungen, um durch Errichtung von Nähkursen die Armut und ihre demoralisierenden Wirkungen zu bekämpfen. Der jüdische Turnverein „Makkabi" Vor kurzem ist wieder ein neuer Vorort der Organisation des Turnvereins erschlossen worden. In Ortaköj hat sich eine Sektion des Vereins gegründet; es wird fleißig geturnt. Wie wir erfahren, sind die Verhandlungen zwecks Engagement eines Turnlehrers für die jüdischen Turnvereine Konstantiriopels und Palästinas ihrem Abschluß nahe. Bibliographie „Los judios de Levante", Kritischer Rückblick bis 1907 von Max Leopold Wagner, Konstantinopel. (Revue de la Dialectologie Romane, Brüssel 1910.)] Unter diesem Titel erschien dieser Tage eine kleine, recht verdienstvolle Arbeit, die es sich zum Ziele setzt, über die Bibliographie und die wichtigsten Daten betreffs der Geschichte und Sprache der spaniolischen Juden zu informieren. Die Schrift behandelt in ihrem ersten Teile die „Niederlassungen der spaniolischen Juden in der Levante nach ihrer Vertreibung aus Spanien" und skizziert darin die Entstehung und Entwicklung der sephardischen Hauptgemeinden in der Türkei und den andern Ländern des Orients. Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit dem „heutigen Verbreitungsgebiet in

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