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Die Welt · 1910-02-18 · 7 (18.2.1910) · page 10

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
7 (18.2.1910)
Date
1910-02-18
Page
– (sequence 10)
Language
German
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143 NEBELT No. 7 und die ihr zugewiesene Summe reichte nicht aus, alles was sie brauchte einzukaufen. An solchen Tagen kam ihr immer ihr guter Zalki zu Hilfe, er gab ihr nicht nur freudig die gesparten Groschen, sondern er;;lieh" ihr auch noch die wrenigen Groschen Trinkgelder, die er von den Kunden seines Vaters beim Abliefern der Hosen ab und zu erhielt. Und sie vergalt Liebe mit Liebe. Wenn sich alle im Hause nur mit trockenem Bröl begnügen mußten, erhielt er ein Stück Hering dazu, das er aber nicht aß. sondern seiner Mutler wiedergab, damit sie sieh ■ erquicke. Zalki sah, wie gesagt, gute Tage und genoß eine glückliche Jugend. Allein die Freitage waren für ihn unglückliche Tage, . An den Abenden dieser Tage saß er immer am weißgedeckteu Tisch zur Rechten seines Vaters, verschwiegen und in sich versunken, aß nicht, begleitete auch nicht den Vater beim Gesang, und weder gute Worte noch l?s Drohungen vermochten ihn aufzurütteln. Er klagte nie, ließ nie ein Wort über Unwohlsein oder dergleichen 5; verlauten. Er zeigte ein trauriges Gesicht und starrle if halb träumerisch, halb betrübt auf die drei großen Stearinkerzen, die in blankgeputzten Messingleuchtern auf dem weißgedeckten Tisch standen und mit ihrem f> leisen Knistern die Sabbatliweihe in der armlichen || Schneiderhütte verbreitetem Vater und Mutter konnten y nie den Grund der Traurigkeit ihres Sohnes erfahren. So vergingen Monate und Jahre. Zalki war die ganze fj Woche immer lieb und folgsam, und am Freitag stets |l betrübt und traurig. Aber wie er am Freitag zu Hause war, mürrisch und niedergeschlagen, so war er \ jeden Tag im Glieder. Allein, was den Eltern und dem ä\ Ghederrabbi unbekannt war, wußte jeder seiner Mitjpj schüler. Zalki. obwohl der Sohn eines Hosensehneiders. j *| trug immer geflickte oder zerrissene Hosen, und manche \.\\ seiner Mitschüler neckten ihn oft, indem sie ihn die ] > „zerrissene Hose" nannten. Beim Anblick seiner aus!'.«.* bunten Fetzen gedickten Hose spotteten sie seiner. 1 / lachten ihn aus und rissen ihm die Fransen herab.! \' * Zalki, der verschwiegene gute Zalki, antwortete nie, zankte nicht mit seinen Mitschülern und ertrug stumm '< f duldend alle Neckereien und mutwilligen Spott. An einem Freilag vor Ostern kam Zalki ganz erregt 1 ' und aufgebraaht heim, setzte sich vor die Nähmaschine, wo der Vater saß, und begann laut zu schluchzen: ,; Vater, jetzt habe ich den ganzen Winter hindurch an alle deine Kunden neue Hosen abgeliefert, alle meine Kameraden haben neue Hosen, ja ganze Anzüge, und nur ich muß so wie ein Bettelsohn herumlaufen." Der Vater sah seinen guten verständigen Zalki halb verwundert an und sagte ihm: „Du weißt, daß ich kein Tuchfabrikant bin: zudem habe ich vor den Feiertagen genug Arbeit —, ich kann mich nicht zerreißen und kann nicht aus der Haut springen". Und Zalki mußte auch am ersten Osterabend in die Synagoge mit seiner alten, gellickten und durchlöcherten I lose kommen. Der Vater hatte nicht einmal Zeit, seine und seines Sohnes Hosen zu flicken. Die Osterl age waren sehr kalt. Es schneite, und kalte Winde heulten und erschreckten die Lüfte . . . Zalki erkältete sich am zweiten Ostertag, zog sieh eine Lungenentzündung zu —, in elf Tagen war er tot . . . Die ganze Zeit während seiner Krankheit sprach er nur von seiner Hose, er sprach natürlich aus dem Fieber, — und nachts sprach er laut aus dem Schlaf —, immer von der Hose?. — Elf Tage und elf Nächte phantasierte der Knabe von einer neuen Hose aus ganz neuem Tuch. . ., wie die Kameraden ihn wegen seiner neuen Hose beneiden werden . . . Bis zum letzten Atemzuge beschäftigte die neue Hose sein überreiztes, fieberndes Gehirn, und mit dem schönen Traum von einer neuen Hose starb er . . ., ohne eine neue Hose bekommen zu haben . . ., denn selbst seine kleinen Totenkleider waren nicht aus neuem Stoff. . . . Jetzt trauern Vater und Mutter und Schwestern um ihren einzigen Sohn und Bruder." Hier hörte mein Freund auf. Auch wir schwiegen; er hatte ohne jede Bewegtheit, ohne jede Anteilnahme gesprochen —, etwa so wie ein Geometer von den Figuren spricht —. trocken und gleichgültig. Die Tonart ließ auf einen ganz merkwürdigen Menschen schließen, und er erregte durch die Trockenheit seiner Erzählung mehr Neugierde für seine Person als Mitleid für seinen Zalki. Ich hatte meinen Hunger vergessen. Meiji ganzes Interesse galt jetzt diesem merkwürdigen Menschen, der so „frei" das Leben zu betrachten weiß. Nach einer geraumen Weile fing ich in etwas schüchternem Tone an: „Ich kenne Sie schon jetzt seit längerer Zeit und weiß so wenig von Ihnen .... es ist nicht angenehm, mit einem Menschen zu verkehren, ohne von ihm — von seinem Vorleben — etwas zu wissen. Von mir wissen Sie fast alles! . . / Darauf mein Freund:;;Sie sind ein sehr neugieriger Mensch und sind noch, gewiß hungrig dazu. . . . Da es Tischo-beow isl und ich Ihnen auch kein Brot geben kann —, will ich ihnen, wenn ich in der Stimmung bin, später von mir etwas erzählen. Aber eine Bedingung: Sie dürfen nichts fragen, nur hören —, nur hören/ . . . Mit diesen Wörtern erhob er sich von seiner Niederlassung and gab ein Zeichen zum Aufbrechen. Ich erhob mich auch und weckte den „Verkäufer", der eingeschlafen war. AVir sammelten unsere Kräfte zum Weitermarschieren und nahmen unsern Weg auf. Wir marschierten vorerst ruhig, ohne an unsern Hunger zu denken. Nach etwa einstündigem Marsch näherte ich mich meinem Freund. Er sah mich durch sein „Monocle" an und rief etwas verächtlich aus:;;Sie sind ein neugieriger Mensch." . . . Ich bestätigte verschämt meine Neugierde, indem ich hinzufügte: „Russische Polizisten und Juden sind die neugierigsten Menschen der Welt. Aber es ist nun einmal so." Der Verkäufer war halb gebrochen und matt und schlotterte hinter uns, seine Geschäftsjoppe über die Schuller geworfen, her. Mein Freund drehte sich um, sah den „Verkäufer" an und hielt augenscheinlich den Moment für geeignet, mir das Gewünschte mitzuleilen. „Sie wollen also wirklich wissen? Hier mein Freund. 1875 geboren. 1880 Chederjuuge. 83 Talmudjünger. 85 Mülzenmacherlehrling. 87 seilwindsüchtig, 89 wieder Talmüdjünger und Thorarollenschreiber, 91 Hauslehrer, 92 Spinozisl, 93 Hafenarbeiter. 95 Gymnasial-Abiturient in externo. durchgefallen ... 96 stud. phil., 97 wieder Hauslehrer und Buchhalter, 98 Kolonist und Sekretär, 1900 der linke Lungenflügel weg. dann abwechselnd Mathematiker, Kopist, Sprachlehrer . . ., und heute bin ich ein freier Mann. . . . Ich habe noch etliche Brüder, mehr als etliche Schwestern, aber ich weiß nicht wie, wo, was? . . . Ich bin nicht neugierig. . . . Ich war dreimal verliebt, zweimal Sozialdemokrat . . . ungläubig und wieder gläubig, und habe nur ein Buch, auf meinem Gewissen/'

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