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Die Welt · 1910-02-18 · 7 (18.2.1910) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
7 (18.2.1910)
Date
1910-02-18
Page
– (sequence 8)
Language
German
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146 DIEXnKLT in dieser Beziehung ist sein Verhalten zur hebräischen Sprache, die er als den Schwerpunkt jüdischer Geistesbetätigung, als die erste Kraftquelle für das nationale Sein, als das stärkste Band zur Zusannnenhaltung der über alle Erdteile zerstreuten Judenheit betrachtete, — während sie von der „Berliner Schule" vornehmlich nur als Bildungsmittel gebraucht wurde. War so der „russische Mendelssohn" in seiner Auffassung vom Wesen des Judentums von seinem großen Vorgänger prinzipiell abgewichen, so hatte er doch mit ihm viel gemeinsames im Wesen seiner eigenen Persönlichkeit. Seelenzartheit und geistige Feinheit, Milde des Charakters und Herzensgüte, Bescheidenheit in den eigenen Ansprüchen und Erhebung über die Niederungen des Lebens waren ihnen beiden eigen. Sie stellten beide den Typus des Weisen dar, der dem menschlichen Geschlechte neue Bahnen ebnet, selbst aber genügsam und anspruchslos ist. Das Geschick der beiden „Mendelssohns" war aber ein sehr ungleiches. Während der Berliner Philosoph von Glanz und Reichtum umgeben war, lebte der „Weise aus Kremenitz" — wie er namentlich von christlichen Landsleuten genannt wurde, die ihn häufig aufsuchten und mit größter Hochschätzung von ihm sprachen — in den kümmerlichsten, traurigsten Verhältnissen. Er kränkelte fortwährend und mußte jahrelang das Bett hüten, wozu noch ständige Armut hinzukam. Er grämte und beklagte sich aber weiter nicht darüber. Es verdroß ihn nur aufs tiefste, daß er aus Mangel an Mitteln bei der Herausgabe seiner Werke die größten Schwierigkeiten zu überwinden hatte. Seine Hauptwerke „Beth Jehuda" und „Teuda be- Israel" wanderten mehrere Jahre in verschiedenen Städten umher, ehe sie veröffentlicht wurden. Mehrere Schriften von ihm, die nach seinen eigenen Angaben die frühern an Umfang und Bedeutung übertreffen, sind zu seinen Lebzeiten, zum Teil sogar jetzt noch nicht erschienen! Levinsohn hatte auch umständliche Mühe, um die für seine Studien nötigen Quellen und Bücher zu erlangen, da Kremenitz nicht gerade ein großes Kulturzentrum war. So war es für den „russischen Mendelssohn" ein Ereignis, als er zufällig und auf Umwegen die „Gottesdienstlichen Vorträge" von Zunz zu lesen bekam. Um so erstaunlicher ist sein geradezu universelles Wissen. Er besaß eine tiefe jüdische Gelehrsamkeit und eine vielseitige, aber gründliche allgemeine, naturwissenschaftliche, historische und sprachliche Bildung. So verkörperte Levinsohn selbst in hohem Maße das von ihm der Judenheit gepredigte Ideal: Die Synthese des Echtjü dischen mit der Menschheitskultur. Das ist der Grundgedanke in seinen genannten Hauptwerken. Er weist darin nach, daß jene beiden Wesenheiten einander nicht ausschließen oder widerstreben, sondern sich ergänzen, daß die bedeutendsten Repräsentanten des historischen Judentums mit den großen Schöpfungen anderer Völker vertraut waren. Besonders plädiert er auch für die Würdigung des Handwerks und des Ackerbaues jüdischerseits und verlangt die Gründung von jüdischen Gewerbeschulen und Kolonien, wobei er wiederum anführt, daß viele der hervorragendsten Tannaim und Amoräer Handwerker waren. Diese Forderungen blieben nicht wirkungslos. Die jüdischen Kolonien in Südrußland, die modernen Rabbinerschulen in Shitomir und Wilna und manche andere Institutionen waren eine Folge davon. Die von Levinsohn gegebenen Anregungen wurden auch von der Regierung Nikolaus I. — der das Buch „Teuda be-Israel" mit tausend Rubel prämiierte — beachtet und häufig befolgt. Von Kremenitz aus wirkte er bei jeder Gelegenheit in den höchsten Regierungskreisen, deren Verehrung er genoß, für eine Besserung des zu jener Zeit besonders traurigen Loses der russischen Juden. Von aktueller Bedeutung war auch seine spätere Schrift „Efes Damim", die auf Grund einer umfassenden historischen und religionsethischen Beweisführung der damals vielerorts aufgetretenen Blutbeschuldigung mit überzeugender Kraft entgegentrat. Von Levinsohns Werken ist nur das letztgenannte in andern Sprachen übertragen worden. Er ist so dem westjüdischen Publikum nur oder kaum dem Namen nach bekannt. Und dabei war er gerade der Träger westlicher Kultur unter seinen Brüdern! Merkwürdigerweise wurde er es durch einen Krankheitsfall: er suchte im Jahre 1812 physische Heilung in Brody, dem damals wichtigsten Haskala-Zentrum, — und fand hier eine geistige Neugestaltung. Wäre dann zufällig in Kremenitz ein guter Arzt gewesen, dann würde jetzt das russische, vielleicht das gesamte Judentum anders aussehen. Was für Zufälle doch manchmal die Golus-Geschichte bestimmen! Josef Lin Moses Lob Lilienbluni No. 7 Aus Odessa kommt die erschütternde Kunde, daß Moses Löb - Lilienblum von uns gegangen ist Unter dem frischen Eindruck der Trauernachricht vermögen wir nicht, diesen unersetzlichen Verlust in seiner ganzen Größe und Bedeutung darzustellen. 'In dem Heimgegangenen wurden die geistigen Wandlungen der russischen Judenheit während der letzten zwei Generationen verkörpert. Sein Wirken und Schaffen kennzeichnen die Grundrisse der ostjüdischen Kulturgeschichte im letzten Halbjahrhundert. Er stellt eine ganze Periode im jüdischen Leben dar; eine Periode voll geistiger Kämpfe und tiefer Erlebnisse. Es ist der Übergang von den assimilatorisch angehauchten Aufklärungsideen zum Nationalismus in seinen strengsten Forderungen. Eine erschöpfende Würdigung von Lilienblums Bedeutung muß deshalb zugleich eine Skizzierung dieses historischen Abschnitts sein. Wir wollen in einer der nächsten Nummern die lichtvolle Persönlichkeit Lilienblums und seine die jüngste Epoche unseres Volksstrebens in hohem Maße beeinflussende Tätigkeit näher zu werten versuchen; und wollen uns jetzt nur mit einigen charakterisierenden Grundstrichen begnügen. ., i In Lilienblums Werdegang treten drei Hauptabschnitte hervor, die zugleich die Grundentwicklung des russischen Judentums wiederspiegeln: Auflehnung gegen die verknöcherte Erstarrung und den lebensabgewandten Dogmatismus des Rabbinismus und die Forderung, das „Gesetz mit dem Leben in Einklang zu bringen" und die Tore des Ghetto der europäischen Kultur weit zu öffnen. Es folgt. darauf eine nicht lange währende Enttäuschung an der allein beglückenden Wirkung moderner Bildung auf das Innenleben und das äußere Geschick der Juden in den Exilländern. Die Konsequenz davon war die Negieru'ng des Golus, wo nur entweder eine Isolierung des Judentums oder eine fortschreitende Zersetzung desselben möglich ist. Und so wurde Lilienblum zu einem flammenden Verkünder und Verfechter der Zionsidee, deren Dienst er sich dann Jahrzehnte hindurch mit nie ermüdendem Eifer, mit der ganzen Kraft seines logischen und klaren Geistes bis zum letzten Atemzuge gewidmet hat. Lilienblum war in erster Reihe ein Kämpfer. Seine ganze hervorragende Tätigkeit auf dem Gebiete der hebräischen Literatur — von seinem „Chatanth Neurim" bis zu seinem „Derech Teschuba" und „Derech laabor Golim", einschließlich seiner zahlreichen Aufsätze in verschiedenen periodischen Publikationen — waren von Ideen getragen und dienten einer bestimmten Tendenz. Er griff nur dann zur Feder, wenn er zu einer Lebenserscheinung Stellung nehmen wollte und etwas Bestimmtes dazu zu sagen hatte. Er verzichtete dabei auf jeden äußeren schriftstellerischen Effekt. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb wirkte er stets überzeugend durch seine schlichte und ruhige Sprache, die aus einer edlen, warmen, prätensionslosen Seele floß. Sachlichkeit, logische Klarheit, — das ist Lilienblumscher Stil und Denkart. Und Wahrhaftigkeit ist fast seine Schwäche. Es ist jene Wahrhaftigkeit, die sich an das Wirkliche, Praktische klammert und die Idee, das „Buch", als eingebildete Werte, die das Leben hemmen und verfälschen, erklärt. Der Brennpunkt all seines Fühlens und Denkens war: Die Sorge um das jüdische Wohl. Er hatte dies zuerst in der Befreiung der Einzelindividualität gesucht und gelangte dann zur Erkenntnis, daß der Entfesselung des Menschjuden die nationale Befreiung des jüdischen Volkes vorausgehen muß. In den äußerlich abweichenden Linien seiner Bestrebungen und Anschauungen lag doch ein einheitlicher Grundzug: Die Verneinung des Anormalen und die Hervorkehrung der Realität. Der „zerstörende Lilienblum" von früher und der „bauende Lilienblum" der letzten Epoche haben — entgegen der Behauptung der „suchenden Junghebraisten" — eine gemeinsame Wesensart: die Erfassung des Wirklichen. Er begriff seine Zeit und folgte ihren Wandlungen. In den kleinen Städtchen des Kownoschen Gouvernements Keidany, wo er am 22. Oktober 1843 geboren wurde, und Wilkomir, wo er nach seiner frühzeitigen Vermählung einen Teil seiner Jugendjahre verbrachte, hatte Lilienblum die ganze Einseitigkeit und Weltfremdheit der jüdisch-orthodoxen Erziehung und Lebensweise beobachtet und selbst durchgemacht, — was ihn zum Kampfe gegen die Kluft zwischen „Gesetz und Leben" aufrüttelte. In Odessa sah er dann später die Schäden der Aufklärung, die Entfremdung der jüdischen Jugend und Intelligenz vom Judentum, — und geriet in Verzweiflung. Dann sah er noch die über die Juden in Südrußland hereingebrochene Pogrom-Katastrophe, — und nun erfaßte er die „jüdische Goluswirklichkeit" in ihrer ganzen Entsetzlichkeit

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