Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 7 (18.2.1910)
- Date
- 1910-02-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 7 --------= DIE3 feiert auch Orgien in der Erklärung des Zionismus, man sucht jedem kleinen Mann die Idee auf seinen Standpunkt zu bringen, ihn praktisch und sachlich zu erläutern, anstatt dem Neuling mit einem guten Ruck und Schwung etwas von der leuchtenden Schönheit unserer Bewegung, von den Idealen des Zionismus beizubringen und seinen Alltag* zu verschönen. Martin Buber hat darüber bei unserm letzten großen Palästinaabend in Wien, den die Ben Koehba veranstaltete, ein feines Wort gesagt, das ich hier in einfachen Sätzen wiedergeben will. Er führte in feinziselierter Form und tiefgründigem Gedankengang aus, daß die Romantik ein Hauptstützpfeiler des Zionismus sei, und daß man es nicht immer wieder versuchen sollte, ihn praktisch zu erklären. Denn, so sagte er, „der beste Zionist, im Augenblick, wo er die Idee unserer Bewegung praktisch erklärt, ist er, ohne es zu wissen, gar kein Zionist." Von den Ironischen und Furchtsamen, den Uberklugen und Unersättlichen Auf dem Dritten Kongreß war es, wo ich den ersten Ironiker unter uns kennen lernte. Es war ein blonder Mann von hübschem und kultiviertem Aussehen. Ich klagte damals über das Benehmen unserer Brüder aus dem Osten, und daß wir die unangenehmere Stellung hätten, weil wir doch isoliert seien, während sie in den jüdischen Volksmassen lebten und für ihre Mühe die Wärme des herzlichen Beisammenseins genössen. Der Delegierte, er war von der polnischen Fraktion der Russen, sah mich scharf an, ließ mich meine Rede wiederholen, lachte mir ins Gesicht und verließ mich, immer noch lachend, mit einem ironischen Blick, den ich bis heute nicht vergessen, noch verwunden habe. Seither habe ich viele ironische Worte schlucken müssen, manche höhnische Bemerkung über begeisterte, dichterisch oder künstlerisch veranlagte Gesinnungsgenossen, über Romantiker und Pathetiker gehört, und jedes solches Wort tötet etwas in mir, macht mich ärmer und älter. Ich verstehe, daß man nicht immer unter dem Hochdruck der reinen Idee stehen kann, daß der Geist eine Entlastung braucht, die sich manchmal humoristisch löst, aber — mich verletzt es. Dagegen beängstigen mich die Furchtsamen, die seit Jahren predigen, daß die Bewegung aufhören werde, stillstehen, ja schon aufgehört habe zu existieren, mehr als alle Gegner. Es sollte allen Zionisten eine heiligste Pflicht sein, keinen Pessimismus zu zeigen. Die Hoffnung erzeugt Freude, entzündet die Gemüter und erquickt die Herzen. Der Pessimismus ertötet jede Bewegung. Der Zionismus lebt in uns und schreitet vorwärts, wenn wir an ihn glauben. Lähmend wie die Furchtsamen wirken die Oberklugen. Was immer gemacht und geschaffen wurde, es ist nicht gut oder gar schädlich, wobei sie durchschimmern lassen, daß sie es weit besser gemacht hätten. Das sind die Leute, die noch nie etwas geschaffen haben. Aber, unsere Zeitungsartikel sind ihnen schal, unsere Novellen kindisch, die Gedichte banal, die Zeichnungen unserer Künstler eintönig, der Nationalfonds eine Bettelei, die Ölbaumspende ein Humbug, derfeezalel eine Dilettanterei. Und traurig, zu sagen, diese sind häufig bei uns zu finden, diese Überklugen, viel zu häufig. Und ihre Orgien feiern sie auf theoretischem Gebiete, d. h., sie wissen für jede ihrer Dummheiten eine theoretische Entschuldigung und für die Arbeit anderer EELT - 145 ein geistvolles Anathema. Seltener, aber immer noch häufig genug, kommt der Unersättliche vor. Was auch immer geschehen sei, ihm ist es nicht genug. Das ist zunächst einer, der nie etwas leisten könnte, oder nur sehr wenig. Er ist nicht so anmaßend wie der Uberkluge, aber es fehlt ihm der Maßstab. Zählt man ihm 40 Kolonien auf, dann fragt er, „Nu? Was ist das?" Sammelt man 100 000 Francs, dann zuckt er die Achseln. „Auch ein Geld." Und bringt ein Gesinnungsgenosse ein Opfer, das alle Einsichtigen rührt und dankbar stimmt, dann, und ich meine nicht bloß Geldopfer, — kalkuliert er, „der Mann kann's ja tun." Könnt' er's aber nicht tun und stört es sein eignes Gleichgewicht, — der Unersättliche hat sein Sprüchlein bereit. Diesmal heißt es: Wer hat's ihm geschafft? Hat sich aber jemand im Auftrage der Partei wehe getan, dann sagt er: Für das Volk muß man alles opfern. Ihm ist keine Leistung groß genug, kein Opfer zu schwer, daß ein anderer bringt. Diese Unersättlichen sind ein großer Schaden; denn sie lassen kein Gefühl der Anerkennung aufkommen, sie züchten oft, ohne es zu wissen und zu wollen, die Undankbarkeit, diese Giftschlange, diese eigentlich unjüdische Regung, die leider im Golus dem Juden gegenüber so vielfach kultiviert wird. (Schluß folgt) „Der russische Mendelssohn44 Zum 50. Todestage Isak Ber Levinsohns Aus einem engen, ärmlichen Häuschen bei KremeniU, einem kleinen Städtchen in Wolhynieu, unweit der russisch-österreichischen Grenze, ergoß sich in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts ein Lichtstrom in die düstere Weitabgewandtheit der Judenheit im Zarenreich. In jenem Häuschen lebte, von andauernder Krankheit und den größten Entbehrungen geplagt, und starb im Elend am 15. Februar 1860 im Alter von 72 Jahren Isak Ber Levinsohn, der Begründer der Haskala in Rußland. Diese Aufklärungsströmung, die von Deutschland über Galuien nach Rußland vordrang, ist. namentlich in Kreisen der Jüdischnationalen vielfach verkannt worden. Es wird ihr häufig vorgeworfen, daß sie absichtlich zur Assimilation und zum Abfall vom Judentum geführt habe. In bezug auf die Folgen der Haskala ist diese Behauptung zum Teil zutreffend; jene Folgen waren jedoch sicherlich von den meisten Schöpfern der neuzeitlichen jüdischen Aufklärungsepoche nicht vorausgesehen, geschweige denn beabsichtigt worden. Besonders ist dies bei den ersten Maskilim im europäischen Osten nicht der Fall gewesen. Neuerdings wird . sogar in der hebräischen Literatur, wenn auch noch vereinzelt, der Meinung Ausdruck gegeben, daß die Haskala die moderne nationaljüdische Bewegung vorbereitet und angebahnt hätte und eine notwendige Vorläuferin derselben gewesen wäre, indem sie die Judenheit von ihrer Erstarrung! aufgerüttelt und sie modernen Anschauungen — wie es auch der nationaljüdische Gedanke ist — zugänglich gemacht hätte. Diese Ansicht trifft besonders auf Isak Ber Levinsohn zu, dessen Schriften auf den eine Generation später wirkenden Perez Smolensky, den ersten Verkünder und Verfechter der nationaljüdischen Idee in der neuhebräischen Literatur, den größten Einfluß ausgeübt hatten. Derselbe Smolensky, der Mendelssohns Behauptung, daß das Judentum nur eine Religionsanschauung sei, mit der ganzen Glut seines Temperaments und der hinreißenden Wucht seiner Persönlichkeit befehdete, verehrte in Levinsohn den vorbildlichen Meister. Man pflegt zwar Levinsohn als den „russischen Mendelssohn4' zu bezeichnen. Diese Benennung ist jedoch nicht ganz richtig. Levinsohn wich in wesentlichen Grundfragen von den Lehren der „Berliner Haskala" ab. Er war nicht bloß ein Vermittler der von Deutschland ausgegangenen Aufklärungsideen und Bildungsbestrebungen, sondern er paßte dieselben den andersgearteten Verhältnissen an, modifizierte sie in prinzipieller Hinsicht und ging über sie hinaus. Er vermochte sie bereits nach ihrer Gestaltung und ihren Wirkungen zu werten, und das Gute und Bewährte davon aufzunehmen, es weiter zu bilden und zu ergänzen. Bezeichnend