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Die Welt · 1910-02-18 · 7 (18.2.1910) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
7 (18.2.1910)
Date
1910-02-18
Page
– (sequence 6)
Language
German
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in der Form, das Wesen der Idee jedoch darf nie berührt werden, sie ist die Seele, die Organisation, der Körper. Der Grundgedanke unserer zionistischen Bewegung war ein romantischer. Täuschen wir uns darüber nicht. Herzl war ein Romantiker. Er wollte es nicht gelten lassen, drapierte sich mit diplomatischen und geschäftlichen Formen und war doch ein Romantiker. Romantisch war sein Judenstaat gedacht, romantisch die Hoffnung, daß die Rabbinen das Judenvolk mit fliegenden Fahnen ins gelobte Land führen würden, und romantisch seine Art den hohen Herren und Fürsten gegenüber, wie seine Freude an dem Studententum und an Repräsentation nach" außen. Und diese seine Art gewann die Menschen. Romantiker waren wir auch alle, die in der ersten Zeit mit ihm gingen, Romantiker jene von uns, die sich in Wirts- und Kaffeehäusern auf die Tribüne stellten, um den Zionismus zu predigen, und Romantiker jene, die monatelang umherzogen, Geschäft, Werkstätte, Bureau, Patienten oder ihre Familie im Stiche lassend. Und siehe da, all diese Romantiker sind heute wie in eine Versenkung gefallen! Wie kam das? Ganz einfach. Ein Teil ist verloren gegangen und der andere ist nicht zu erkennen. Sie haben sich gehäutet, oder besser, sich ein neues Fell angewöhnt, so wie das Hermelin im Sommer sich grau färbt. Sie haben die blaue Farbe der Romantik mit dem eintönigen Grau vertauscht. Und warum das? Mein Gott, die Romantik wurde unmodern. Die erste Regung kam von außen. „Unsere Leute", die Nichtzionisten, wollten „Tachles" sehen, wollten praktisch überzeugt werden, und man redete nur praktisch, nachdem die romantische Rüstung zurückgeschoben war. So wie man sich im allgemeinen des alten Judentums schämt, das ja auch ein Stück Romantik darstellt, begann man sich des prononcierten, des romantischen Zionismus zu schämen. Man wurde interner Politiker, Vernunftsfanatiker, Organisationstechniker, Banktechniker, Palästinafachmann, — alles, alles durfte man sein, nur kein Romantiker, kein Herzlianer. Die Romantiker stellten wegen Mangels an Nachfrage den Betrieb ein. Und siehe da, nun hätte man sie plötzlich gebraucht. Denn die Agitation hörte auf, die Artikel in den Zeitungen, die imstande waren, ganze Volksschichten aufzuwühlen, fehlten, auch neue Gedichte und Novellen wollten sich auf praktischem Wege nicht erzeugen lassen. Und eigentlich braucht man sie zur Agitation. Und die Agitation braucht man zur Fortführung einer solchen Bewegung. Man kann diese Agitatoren, diese Leute, die imstande sind, ihr Temperament, ihren Geist, ihre Seele andern indifferenten Menschen mitzuteilen, dann in der Organisation so gering einschätzen wie man will, aber man muß sie haben. Die Leute jedoch, die fähig waren, dergleichen zu leisten, merkten bald, daß es fast als Makel galt, reden oder schreiben zu können, und sie zogen sich langsam zurück, denn es ist nicht jedermanns Sache, eine Idee zum Leben, zur Organisation zu bringen und sie dann von andern leiten zu sehen, die den großen Vorzug haben, nicht reden und nicht schreiben zu können. Ich kenne nichts ähnliches von einer jungen Organisation, wo soviel Geist unds soviel Kraft, soviel Idealismus, soviel Begeisterungsfähigkeit in so kurzer Zeit still gemacht wurde, wie bei uns. Es komme mir aber niemand und sage: „Ja, was sind das für zimperliche Puppen, die sich so leicht kalt stellen lassen oder selbst kalt stellen?" Gewiß, es herrscht viel zu viel Empfindlichkeit bei uns, — aber die echten Zionisten sind, wie ich ausführte, zumeist Romantiker. Sind sie noch dichterisch oder künstlerisch begabt dabei, dann stecken sie in einer besonders empfindlichen „ Hülle. Hier und da sind sie kostbare Gefäße, immer aber zerbrechliche. Und ich sehe zu viele Scherben. Die Banausen des Praktischen Man mißverstehe nicht, das soll nicht heißen: jene, die praktische Arbeit in Palästina verlangen, seien Banausen des Praktischen, denn die sind zunächst genau so romantisch belastet, wie wir alten Herzlianer, oder sie rechnen mit der Romantik. Ist es nicht Romantik, Ölbäume zu pflanzen auf eines Andern Namen, für dritte iVlenschen und ferne Zwecke? Gewiß, man gibt sich Mühe, das Land mit praktisch gedachten, geschäftsmännisch richtig fundierten Organisationen zu kultivieren. Nun? Ist es bisher gelungen, außerhalb des Kreises der Romantiker, der waschechten Zionisten, Geld zu finden? Und wird es je gelingen? Ich fürchte, — nein. Aber es gibt genug Romantiker innerhalb des Judentums, die noch nicht bewußte Zionisten sind, diese werden uns vielleicht Geld geben. Und da ist es gut, daß diese kleinen Organisationen geschäftlich korrekt organisiert sind und gute Zinsen versprechen. Die Banausen, das sind jene, die es besser wissen, und immer überlegen lächeln, jene, die praktisch arbeiten, indem sie Zirkulare abziehen oder Listen schreiben, in kleinen Vereinen oder Körperschaften bei- oder Vorsitzen. Man findet sie auch'in großen. Banausen sind jene, die den Romantiker über die Schulter ansehen, die ganze Bewegung von ihrer Ecke und von ihrem Gesichtswinkel betrachten und vergessen, daß sie ohne die Romantiker, welche die Bewegung geschaffen haben, unbekannte, unbeachtete, unbedeutende Mittelstandsfiguren geblieben wären. Es gibt auch Geschäftsbanausen. Ich verachte die Geschäftsleute gewiß nicht; denn ich habe die Kaufmannschaft sozusagen gelernt und arbeitete seit Jahren in Grenzgebieten, aber ich sehe es nicht gerne, wenn die Geschäftsleute uns verachten, die wir etwas komplizierter organisiert sind. Kaufmannschaft und Schriftstellerei haben auch ein Gemeinsames, man kann es nicht lernen. Das heißt, man lernt wohl das Handwerkliche des kaufmännischen Betriebes, man ist aber dann noch lange kein Kaufmann, höchstens ein Kommis. Kaufmann ist eine Begabung, ähnlich wie Künstler und Dichter. Und diese Begabung findet sich auch bei Schriftstellern oder Künstlern. Ich meine nicht jene, die ihre Produktion geschickt und einbringlich auf den Markt tragen, diese kleinen geschäftlichen Talente muß jeder Handwerksmeister besitzen. Nein, es gab von jeher Schriftsteller von größter kaufmännischer Begabung. So ist es z. B. viel zu wenig bekannt, daß Voltaire ein großer Bankier war, oder richtiger Geldverleiher, der schon zu seiner Zeit Großindustrien schuf, ja sogar eine Industriestadt. Gewiß, geschäfliche Unternehmungen müssen in geschäftlichen Formen abgewickelt werden, aber jene, die diese Technik gelernt haben, sind noch lange nicht berechtigt, die andern gering einzuschätzen. Und das wurde bei uns mehrfach versucht. Das Banausentum

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