Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 7 (18.2.1910)
- Date
- 1910-02-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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142 NEBELT No. 7 f Orten von viel geringerm Druck. Wir haben Sicherheit für Gut und Blut, und, wenn wir nicht assimilationssüchtig sind, auch unsere leidliche gesellschaftliche Existenz, trotz mancher Kränkung und Zurücksetzung. Und darum haben wir Gefälle, d. h. strömen wir nur nach solchen Orten, die noch geringem Druck haben. Das heißt: Viele von uns würden wohl nach Palästina übersiedeln, wenn, alles zusammengenommen, unsere wirtschaftliche und gesellschaftliche Gesamtlage sich dadurch besserte; einige wohl auch, wenn sie sich nur gleich bliebe, d. h. sie würden für die staatliche Vollberechtigung gewisse materielle Opfer bringen, — aber nur ganz wenige von uns würden auch dann übersiedeln, wenn sie sehr starke materielle Opfer zu bringen hätten: einige Fromme, die die Heimat der Patriarchen mit der Seele suchen, einige Enthusiasten, die an einem großen Kulturwerke mitschaffen wollen. Da aber nur wenige von uns daran zu glauben vermögen, daß Palästina bei unsern Lebzeiten ein Land so großen Wohlstandes und so hoher Kultur werden wird, so denken auch nur wenige an die eigene Zukunft, wenn sie zionistisch arbeiten. Sie denken allenfalls an Kinder und Enkel, aber meistens nur an die Stammesgenossen, die gerettet werden sollen, an den guten Namen des alten Stammes, der heute geschändet ist und der glorreich wiederhergestellt werden soll durch eine Volksschaffung, die den hohen Kulturwert des Blutes vor allen Hassern und Neidern unwiderleglich beweist; sie denken an Freiheit und Recht, an Menschlichkeit und Selbstbestimmung, die sie gegen ungerechte Barbarei zum Ziele führen wollen. Man sagt oft, der zionistische Idealismus sei nur in Osteuropa zu finden. Umgekehrt wird ein Schuh daraus! Wir Westler sind die Idealisten! Die Ostler wollen etwas für sich, und niemand macht ihnen einen Vorwurf daraus, — aber wir wollen nichts für uns; sie dienen sich und müssen sich dienen; wir, die wir glücklicher sind (und darum ist kein Grund, uns dessen zu rühmen), dienen einer Idee! Für diese Idee tragen wir geduldig den Hohn und Spott unserer Volksgenossen und oft genug unserer Glaubensgenossen, bringen wir unsere Arbeit dar; zu all dem führt uns keine unmittelbare Not, viele nicht einmal mehr der religiöse Trieb, sondern nur der Stolz auf unsere adlige Herkunft, unser Stammesbewußtein. Auch das müssen endlich unsere östlichen Brüder zu verstehen und zu verzeihen lernen. Und zwar nicht nur, weil wir ehrliche Mitarbeiter sind, sondern weil sie uns unsere Arbeit auf das äußerste erschweren, wenn sie ihre besondere Stellung zum zionistischen Problem als die einzig mögliche, die einzig berechtigte ausrufen. Wir brauchen, sie selbst brauchen westjüdische Intelligenz und westjüdisches Kapital dringendst für das Werk ihrer Befreiung, ihrer Menschwerdung. Und sie stoßen beides zurück durch die Art ihrer Propaganda. Mutet den amerikanischen, kanadischen, südafrikanischen, englischen, französischen, belgischen, holländischen, selbst den preußischen Juden zu, Nationalbewußtsein im Sinne des Ostjudentums zu haben, d. h. sich nur als Juden, als Nationaljuden und Kulturjuden zu betrachten, — und die meisten weisen euch entrüstet die Türe! Und mit Recht! Länder der Zuflucht sind ihnen oder ihren Vätern ihre Vaterländer gewesen, haben ihnen Sprache und Sitte, Wohlstand und Bildung' staatliche Gleichberechtigung und oft genug volle oder fast volle bürgerliche Gleichberechtigung gegeben. Ein schlechter Mensch, ein unnatürlicher Mensch, wer das vergessen kann! Was wahrhaft lebendig ist, schlägt Wurzel, wo es lebt; wer in einem Rechtsstaate leben kann, als Bürger leben kann, der verdient allen Haß, wenn er nicht mit Liebe dankt! Sogar die ausgewanderten Russen drüben, sobald sie - nur aufatmen können aus dem Druck des Eastend, werden Patrioten, — und wir sollten uns als Fremde fühlen, als Nur-Gäste in Ländern, in denen seit vierzig Generationen die Grabsteine unserer Väter stehen? Die Ostjuden, »die Unglücklichen, die an der Seele leiden, die kein Vaterland kennen, sollen ihre abnorme Lage nicht für die Regel halten und uns nicht Assimilanten schelten, wenn wir uns als Patrioten bekennen. Wären wir Assimilanten, wir wären gewiß, nicht Zionisten und wahrscheinlich dem Judentum längst entfremdet. Das also läßt sich die große Masse der Westjuden nicht zumuten. Aber das, was ich Zionismus nenne, das werden sie alle freudig annehmen. Es werden Skeptiker außen stehen bleiben aus praktischen Gründen; sie werden bestreiten, daß man aus Juden Bauern machen kann, sie werden nicht glauben, daß man die Möglichkeit haben kann, eine dichte jüdische Bevölkerung in Palästina anzusiedeln aus den oder den Gründen. Aber grundsätzlich ist jeder Westjude, der noch Jude heißen will, Zionist in meinem und meiner Gesinnungsgenossen Sinne. Die Zionisten haben sich bis jetzt in ihrem öffentlichen Auftreten damit begnügt, sich als loyale „Staatsbürger" zu bezeichnen. Das müssen sie sagen, sogar in Rußland und Rumänien. Aber-wir Westler sind mehr als nur das. „Loyale Staatsbürger", das ist etwas Negatives; wir sind etwas sehr Positives, wir sind Patrioten. Keine Hurrapatrioten, aber Patrioten! Wir lieben unser Vaterland und sein Volk, seine Kultur und seine Landschaft, wir dienen aus vollem Herzen seiner Gegenwart und seiner Zukunft, die auch unsere Zukunft sein soll, und wir sind entschlossen, alles daran zu setzen, damit seine Zukunft so aussehe, daß wir Ohne Rückhalt, ohne Vorbehalt, ohne Einschränkung, den ganzen Komplex des staatlich-gesellschaftlichen Gefüges bejahen können. Wir sind keine „Gäste" die morgen weiter wollen, sondern Bürger auf die Dauer. Vielleicht wird einer oder der andere von uns sein Glück in Palästina ader anderswo suchen; es sind ja auch schon alldeutsche Offiziere nach Amerika ausgewandert; in der Masse aber denken wir nicht an Auswanderung, wenn man uns das Leben nicht so sauer macht, daß wir ehrenhalber nicht bleiben können. Wir haben das Volksbewußtsein des Volkstums, in das wir hineingeboren sind. Dennoch sind wir Zionisten, dürfen es sein. Denn wir haben daneben, mit unserm Volksbewußtsein durchaus verträglich, unser jüdisches Stammesbewußtsein. Wenn diese Auffassung nicht mehr bloß wie bisher im Zionismus geduldet, sondern als vollberechtigt, als gleichberechtigt anerkannt wird, dann wird unsere Werbearbeit im Westen leicht sein. Dann sagen wir unsern noch außenstehenden Stammesgenossen: „Von den russischen und rumänischen Juden kann kein verständiger und sittlicher Mensch Patriotismus