Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 7 (18.2.1910)
- Date
- 1910-02-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316406-3316414--52912-3346648- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
empfinden sich daher als Angehörige eines Fremdvolkes, das heimatlos unter Fremden lebt, eines Fremdvolkes mit eigener Sprache, Religion, Tradition, Kultur, das unter eigenen harten entwürdigenden Gesetzen lebt. Ich weiß, daß viele von uns im Westen sich mit Stolz ebenfalls „Nationaljuden" nennen. Einige mögen es wirklich sein: Männer der besitzenden Klasse von besonders empfindlichem Ehrgefühl, die die gesellschaftliche Zurücksetzung als unerträgliche Schmach empfinden, einige „Enterbte", denen ihr Staat nichts gibt und alles versagt; einige junge Feuerköpfe, die den gröbern Keil auf den groben Klotz setzen und das Kind mit dem Bade ausschütten; einige, die sozusagen schon zur Reise nach Palästina gepackt haben. Namentlich die Letztgenannten verdienen unsere besondere Aufmerksamkeit. Sie nehmen das Volksbewußtsein voraus, das sie empfinden werden, wenn sie erst in einem jüdischen Gemeinwesen leben. Denn das ist natürlich klar: wenn ein Jude irgendwelcher Herkunft in einem solchen Volkstum sollte leben können, so wird er jüdisches Nationalbewußtsein haben, mindestens soviel, ja, wegen der vollen gesellschaftlichen Gleichstellung sogar mehr, als wenn er Bürger der Vereinigten Staaten oder Kanadas geworden ist. „Ubi bene, ibi patria." Man spottet wohl darüber, daß jüdische Emigranten schon im Zwischendeck des Dampfers, der sie hinüberbringt, sich als amerikanische Staatsbürger fühlen und benehmen, aber man sollte nicht darüber spotten! Was den Deutschen, die Könige von Rumänien, Bulgarien, Belgien, Zaren von Rußland geworden sind, recht war, sollte armen geplackten Juden billig sein. Auch Alexander von Bulgarien empfand bereits ein glühendes bulgarisches Nationalgefühl, ehe er noch das Land seiner „angenehmen Erinnerung" betreten hatte; verlobten Prinzessinnen wird es zur heiligen Pflicht gemacht, noch vor der Trauung Sprache, Glauben und Sitte der neuen Heimat anzunehmen, und so große Magnaten wie der Herzog von Arenberg haben gar mehrere „Vaterländer" und „NationaJbewußtseine". Wenn also einer von uns, der an das Wort glaubt „nächstes Jahr in Jerusalem!" bereits nationaljüdisches Bewußtsein hat, so befindet er sich in guter Gesellschaft. In so guter Gesellschaft, daß ich mich persönlich durchaus nicht geniere, es bedingt für mich selbst zuzugeben. Gesetzt den Fall, das große jüdische Gemeinwesen, das Herzl vor seinem geistigen Auge hatte, existiere in der Tat: ein Volk mit einer Kultur, die keiner andern weicht, — und dieses Gemeinwesen beriefe mich in einen Wirkungskreis, der mich befriedigte: ich zweifle nicht daran, daß schon von dem Augenblicke an, wo ich den Entschluß gefaßt hätte, überzusiedeln, ich mich in sehr bedeutendem Maße als Nationaljude und Kulturjude fühlen würde, ganz so, wie sich der dänische Georg als Nationalgrieche fühlte; aber ich würde voraussichtlich bis zu meinem Tode dann — deutsches Stammesgefühl haben, d. h. würde mich immer noch dem Deutschen näher verwandt fühlen als dem Engländer oder Franzosen, ganz so, wie der dänische Georg vermutlich lieber mit einem ehemaligen Landsmann in seiner alten Muttersprache spricht als mit einem andern in fremder Sprache. Aber — von uns glauben nur wenige für sich selbst an das Wort: „nächstes Jahr in Jerusalem", und darum haben auch nur wenige dieses Nationalgefühl auf Vorschuß, wenn ich es so nennen darf. Es sind nur wenige, und sie werden immer seltener, seitdem die Hoffnungen der ersten enthusiastischen Anfänge auf den „Charter" sich als ebenso nebelhaft erwiesen habenwie die Hoffnungen der Urchristen auf das tausendjährige Reich und der Sozialdemokraten auf den großen Kladderadatsch. Die Meisten von uns, die Allermeisten, nennen sich Nationaljuden auf Grund eines Mißverständnisses. Weil das Wort „Nation" der etymologischen Wurzel nach die Abstammung bezeichnete, nennen sie ihr Stammesbewußtsein — Nationalbewußtsein oder Volksbewußtsein, Man kann aber innere Gegensätze wohl eine Zeit lang durch Wortspiele verdecken, aber auf die Dauer sprengen sie das Schönpflästerchen in gefährlichen Explosionen. Die letzten Kongresse reden eine deutliche Sprache! W'erden wir uns doch klar, daß westeuropäisches „Nationalbewußtsein" etwas ganz anderes heißt als osteuropäisches. Dort Stammesbewußtsein, hier Volksbewußtsein in seiner doppelten Erstreckung, als Kulturjudentum und Nationaljudentum. Ich habe, seit ich der zionistischen Bewegung angehöre, oft genug diesen Gedanken von der Tribüne, im persönlichen Gespräch und auch auf Druckpapier geäußert. Und fast regelmäßig haben mir die Östler ins Gesicht geworfen: „Dann bist Du kein Zionist". Das ist natürlich falsch. Denn ich will „eine öffentlichrechtlich gesicherte Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina und seinen Nachbarländern", bin also Zionist. Aber in der Tat stehen ichundmeineGesinnungsgenossen dem Zionismus anders gegenüber als die Ostjuden. Wir sind soziologisch ganz anderes determiniert. Für alle Menschen gilt das sozialpsychologische Grundgesetz, das als universales WTeltgesetz auch für Gase und Flüssigkeiten, für Tiere und Pflanzen gilt: sie strömen vom Orte des höhern zum Orte des geringem Druckes auf der Linie des geringsten Widerstandes. Da aber die Druckverhältnisse für uns andere sind als für die Ostjuden, so ist auch die Richtung der Strömung eine andere. Rußland und Rumänien sind für ihre Juden die Orte des absolut höchsten Druckes, der irgendwo auf einer Menschenmenge lastet. Denn es sind die Länder der vollen Rechtlosigkeit, der Unterdrückung und Ausbeutung, der Pogrome. Und darum besteht für die Ostjuden die stärkste Tendenz, abzuströmen; sie wollen und müssen heraus, sie suchen für sich ein Land, wo sie nicht nur für Gut und Blut Sicherheit haben, sondern wo sie Menschen im eigentlichsten Sinne sein können, Vollbürger. Und auch darum haben sie das eigentliche Volksbewußtsein; sie wollen „nächstes Jahr in Jerusalem" sein, sie haben bereits ihre Koffer gepackt, sie haben das Nationalgefühl nicht nur, weil sie ein Fremdvolk sind, ohne Vaterland, sondern auch weil sie ideell schon auf der Wanderung sind zum neuen Vaterlande. Für sie ist daher der Zionismus eine irn höchsten Grade praktische Bewegung, ein Ziel des gesundesten, wohl beratenen Selbstinteresses. Für die allermeisten aber von uns ist er eine rein idealistische Bewegung, ein Ziel des uninteressierten Altruismus. Wir leben eben nicht am Orte des absolut höchsten Druckes, von dem überall hin Gefälle ist, sondern an