Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 7 (18.2.1910)
- Date
- 1910-02-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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140 DIEB^ELT No. 7 einzelne von der Eingliederung in gerade dieses Volkstum hat. Das muß auf das tiefste verstanden werden, denn es ist die Ursache vieler unserer Selbsttäuschungen und insbesondere vieler Gegensätze in unserm zionistischen Lager. Diese Freude und diese Vorteile hängen ab von zweierlei: erstens von der Stellung, die das Volkstum als Ganzes in der Reihe aller Nationen einnimmt, — und zweitens von der sozialen Stellung, die der einzelne innerhalb seines Volkstums einnimmt. Danach kann sich das Volksbewußtsein noch einmal spalten in Nationalitätsbewußtsein und Kulturbewußtsein. Auch hier wird ein Beispiel schneller aufklären, als lange Auseinandersetzungen. Friedrich der Große hatte gewiß ein starkes deutsches oder wenigstens doch preußisches Nationalbewußtsein, — aber er war durch und durch Kulturfranzose. König Karol von Rumänien hat unzweifelhaft deutsches Stammesbewußtsein und das stärkste rumänische Nationalbewußtsein, — aber höchstwahrscheinlich kein rumänisches, sondern westeuropäisches Kulturbewußtsein, denn was von Kultur in Rumänien existiert, ist ja nur ein dünner westeuropäischer Firnis über orientalischer Barbarei. Hier klafft der erste große Unterschied zwischen den Ostjuden und denjenigen unter uns Westjuden, die in der Kultur ihres Geburtslandes aufgewachsen sind. Wir sind sämtlich Kulturdeutsche, Kulturfranzosen, Kulturengländer, Kulturamerikaner usw., weil wir das Glück haben, Kulturgemeinschaften anzugehören, die in der ersten Reihe der Völker stehen, weil, es uns eine Ehre ist, unsere weltberühmten Denker, Forscher, Künstler und Erfinder die Unsern zu nennen. Wir können nicht Kulturjuden sein, denn die jüdische Kultur, wie sie in den Ghetti des Ostens aus dem Mittelalter herübergerettet worden ist, steht unendlich tief unter der neuzeitlichen Kultur, deren Träger unsere Völker sind. Wir können nicht rückwärts und wollen nicht rückwärts; wenn wir gebildeten Westeuropäer z. B/in uns hineinleuchten, so finden wir uns zu 95°/o zusammengesetzt aus westeuropäischen Kulturelementen. Die Ostjuden aber können unmöglich Kulturrussen, Kulturrumänen, Kulturgalizier sein, so wenig wie König Karol oder Carmen Sylva. Sie müssen Kulturjuden sein, — soweit sie nicht durch eine überaus seltene Gunst der Erziehung bereits Kultureuropäer geworden sind — denn die mittelalterliche jüdische Kultur steht gerade so hoch über der osteuropäischen Barbarei, wie sie tief unter der westeuropäischen Hochkultur steht. Das müssen unsere Stammesgenossen im Osten als Erstes einsehen und uns verzeihen lernen, wenn es ihnen auch schwer genug fallen wird. Denn für* viele von ihnen ist die jüdische Kultur gottgewollt, heilig, — und leicht erscheint ihnen unsere Weise als Frevel. Sprechen wir nunmehr von dem zweiten Bestandteil des Volksbewußtseins, vom Nationalbewußtsein! Seine Intensität, der" Grad des „Patriotismus", hängt davon ab, wie weit der einzelne die Vorteile des staatlichen Gemeinlebens genießt. Das gilt nicht nur für den Juden! Das gilt ebenso für den Nichtjuden. In aller Welt sind die Angehörigen der herrschenden Klasse bessere „Patrioten" als die Angehörigen der untern Klasse. Die Industriearbeiter des Kontinents rühmen sich ihrer Internationalität und behaupten, auf allen Patriotismus zu pfeifen, den sie Chauvinismus und „Hurrapatriotismus" schimpfen. Freilich, das Milieu ist oft stärker als ihre theoretische Überzeugung. Sonst würden die polnischen und tschechischen Sozialisten ihre Nationalität nicht mit so großer Hartnäckigkeit behaupten. Aber wenn auch keine Klasse als Ganzes völlig von dem Nationalbewußtsein freikommen kann, so ist doch unzweifelhaft, daß es sich abstuft nach der sozialen Stellung des einzelnen, nach der wirtschaftlichen Klasse, der er angehört, und nach seiner gesellschaftlichen Stellung. Ein scharfer Beobachter hat einmal die Parteiangehörigkeit der deutschen Anwälte und Ärzte folgendermaßen bestimmt: „Bis 3000 Einkommen sind sie Sozialdemokraten, bis 6000 J6 Freisinnige, bis 20 000 Ji Nationalliberale, darüber Konservative." Das spöttische Wort stimmt im großen und ganzen; wenn sich auch natürlich einzelne den Einflüssen ihrer wirtschaftlichen Klasse zu entziehen vermögen; im Durchschnitt bestimmt die soziale Lage über den Grad der Staatsbejahung, über die Höhe des Patriotismus gerade diesem Staatswesen gegenüber. Nun befinden wir Juden uns in der eigentümlichen Lage, daß über unsere soziale Lage nicht nur Vermögen und Erziehung, sondern auch die Konfession entscheidet. Es gibt zurzeit kein Kulturland ohne einigen Antisemitismus. Während jeder Nichtjude ohne weiteres in diejenige Klasse rezipiert wird, der er nach wirtschaftlicher Lage und Erziehung angehört, trifft der Jude überall auf größere oder geringere Widerstände. Und darum stuft sich sein Nationalbewußtsein auch danach ab. Der englische und der amerikanische Jude sind bei gleicher sozialer Lage notwendigerweise bessere „Staatsbürger" als der deutsche oder gar der preußische Jude, der viel stärker unter dem Antisemitismus zu leiden hat. Es ist glattweg eine Unverschämtheit, von uns preußischen Juden, die wir überall gesellschaftlich boykottiert und von den Behörden widergesetzlich zurückgesetzt werden, den gleichen Grad der „staatserhaltenden Gesinnung" zu fordern wie von einem ostelbischen Landjunker, dem dieser Staat die milchende Kuh ist, dessen Klasse ihn beherrscht und zu ihrer Elfte und ihrem Vorteil lenkt. Aus diesen Gründen hat der amerikanische Jude gleicher Wirtschaftslage ein viel stärkeres Nationalbewußtsein als der französische, dieser ein viel stärkeres als der preußische oder österreichische, und dieser wieder ein viel stärkeres als der russische oder rumänische Jude. Denn dessen Nationalbewußtsein muß, abgesehen von einigen sehr reichen und darum halbwegs rezipierten und gesicherten Ausnahmen, negativ sein. Denn er hat kein Vaterland wie der Amerikaner und Engländer, auch kein Stiefvaterland wie der Preuße, sondern überhaupt kein Vaterland, keine Heimat. Er lebt in Feindesland, als Fremder, in seinem Vermögen und oft genug in seinem Leben bedroht, ein vogelfreier Paria, Wie ein russischer oder rumänischer jüdischer Proletarier zu „Patriotismus" kommen sollte, abgesehen von etwas Heimseligkeit, — das ist nicht einzusehen. Das ist der zweite große Unterschied zwischen uns und den Ostjuden; wir sind, je nach unserer individuellen Klassen- und Wirtschaftslage und je nach dem Lande unserer Staatszugehörigkeit, mehr oder weniger Nationaldeutsche usw., — sie aber sind nur in seltenen Ausnahmen im geringsten Grade Nationalrussen oder Nationalpolen oder Nationalrumänen. Sie sind Nationaljuden, wie sie Kulturjuden sind. Sie sind und