Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 7 (18.2.1910)
- Date
- 1910-02-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING 31 ELT ERSCHEINT JEDEN FREITA6 ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XIV. JAHRO. KÖLN, 18. Februar 1910 niinb ND'nrV« tw "d No. 7, STAMMESBEWUSSTSEIN UND VOLKSBEWUSSTSEIN*) Von Dr. Franz Oppenheimer . Ein Wort der Wahrheit wünsche ich auszusprechen, nicht nur der Wahrheit halber, die Selbstzweck ist, sondern auch des Friedens in unserer Bewegung halber; denn es handelt sich um tiefgreifende Unterschiede der Stellung, die zu Unfrieden und vielleicht sogar zu Schlimmerem führen können, wenn sie nicht mit voller Klarheit ausgesprochen werden. Ich will das Ventil öffnen, damit der Überdruck im Kessel gefahrlos abströme. Wir Westeuropäer stehen dem zionistischen Ideal anders gegenüber als die Osteuropäer! Wenigstens im Durchschnitt. Denn natürlich gibt es alle Obergänge und Abschattungen hüben und drüben, so daß mancher Ostjude ganz in dem Sinne Zionist sein mag wie das Gros der Westjuden, und umgekehrt. Aber im großen und ganzen greift der Unterschied doch durch, den man grob und annähernd etwa folgendermaßen bezeichnen könnte: wir Westjuden haben jüdisches Stammesbewußtsein, die Ostjud%n jüdisches Volksbewußtsein. Was das besagen soll, wird durch ein Beispiel klarer werden als durch lange theoretische Auseinandersetzungen: der voll eingebürgerte amerikanische Deutsche, der seiner Herkunft stolz ist, hat deutsches Stammes-, aber amerikanisches Volksbewußtsein; der der Berliner französischen Kolonie angehörige hohe Beamte oder Offizier, der sich seiner Abkunft von den Refugies rühmt, hat französisches Stammes- und deutsches Volksbewußtsein. Und gerade so hat der in Amerika oder Holland oder England usw. voll eingebürgerte, hat mindestens der im Lande geborene Jude amerikanisches oder holländisches oder englisches Volksbewußtsein, und gleichzeitig, wenn er seiner Abkunft stolz ist, jüdisches Stammesbewußtsein. Die beiden Empfindungen sind völlig voneinander verschieden und können aus diesem Grunde nebeneinander bestehen, ohne in Konflikt zu geraten. Im Feldzuge von 1870/71 standen sich einmal zwei Generale des gleichen Namens, ich glaube Verdy du Vernois, als *) Die Ausführungen unsers geschätzten Gesinnungsgenossen Dr. Franz Oppenheimer werden, wie wir nicht zweifeln, einen lebhaften Meinungsaustausch hervorrufen, dem wir gerne die Spalten unseres Blattes öffnen. Befehlshaber gegenüber; den deutschen Refugie hat sein französisches Stammesbewußtsein nicht im mindesten gehindert, seine patriotische Pflicht als Deutscher mit aller Kraft zu erfüllen; wohl aber ist anzunehmen, daß es ihn damals dazu gebracht haben wird, die nicht waffentragende Bevölkerung so weit zu schonen, wie das mit der Pflicht des Deutschen irgend verträglich war. Das Stammesbewußtsein geht auf Vergangenes, es ist überall da vorhanden, wo das Individuum das Bewußtsein hat, von einem Volkstum abzustammen, das dem Volkstum, dessen Bürger es zurzeit ist, an Ruhm und Adel mindestens gleich ist. Wo dieses Bewußtsein fehlt, da besteht es nicht und macht dem ängstlichen Bestreben nach Assimilation Platz. So versuchen überall die Mischlinge farbiger Rassen, die Mulatten und Quadronen Amerikas, die „Eurasier" Indiens, sich als reinblütige Weiße aufzuspielen, — und so verleugneten in den Zeiten politischer Zerrissenheit ausgewanderte Deutsche ihre als Schande empfundene Abstammung und machten sich so vollkommen wie möglich zu Engländern oder Amerikanern in Sprache, Namen und Sitte. Gerade so gerieren sich überall solche Judenstämmlinge als „Arier" und oft genug als Antisemiten, die den Stolz auf ihre adlige Herkunft nicht besitzen. Wo aber dieser Stolz noch besteht, da ist Stammesbewußtsein, das Bewußtsein gemeinsamer Abstammung, gemeinsamen Blutes oder wenigstens ehemaligen gemeinsamen Volkstums, gemeinsamer Geschichte mit ihren Erinnerungen an Leid und Freud, an Heroismus und Großtaten; wir Westjuden z. B. sind stolz darauf, dem berühmten Geschlecht zu entstammen, das der Welt drei der größten Religionen gab und das trotz seiner Zerstreuung über alle Welt sich überall und zu allen Zeiten als eines der gewaltigsten Kulturfermente erwiesen hat und noch erweist. Das Volksbewußtsein aber geht auf Gegenwärtiges: auf Gemeinsamkeit der Sprache, der Sitte, der Wirtschafts- und Rechtsbeziehungen usw. und der geistigen Kultur. Es ist die psychische Widerspiegelung des Milieus, in dem und durch das wir leben. Und zwar stuft es sich dem Grade der Intensität nach ab, nach der Freude und den Vorteilen, die der 1*