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Die Welt · 1910-02-11 · 6 (11.2.1910) · page 15

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
6 (11.2.1910)
Date
1910-02-11
Page
– (sequence 15)
Language
German
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No. 6 DIElQgELT 120 wiegende Mehrheit der jüdischen Angestellten Krakaus zu den Anhängern der Poale-Zion zu rechnen ist. Sie waren die Grundlage der" Partei und ihre Stärke in den Anfängen der Bewegung. Die Exekutive der jüdischen sozialistischen Partei Poale-Zion Österreichs befand sich vom Jahre 1904 bis 1908 in Krakau. Trotzdem konnten die poale-zionistischen Angestellten bei den Gewerbegerichtswahlen keinen Sieg erringen, denn sie wurden stets von den polnischen Kolilenarbeitern, die in der Angestelltenkurie wählen, majorisiert. Erst die letzten Wahlen, denen ein harter, schwerer Kampf vorangegangen, brachten die Wendung. Trotz der ungerechtfertigten, künstlichen, wahlgeometrisch ersonnenen Zuzählung der Kohlenarbeiter, erhielt die poale-zionistische Liste 190 gegen 170 Stimmen. Der langersehnte Sieg wurde von den jüdischen Handelsgehilfen Krakaus mit Jubel aufgenommen. Heidinnen Unter dem Titel „Heidinnen" lesen wir im Lemberger „Wschod": Am 29. Januar d. Js. versammelten sich die Schülerinnen der IV. Klasse der Bürgerschule „Zur heiligen Anna", um die Zeugnisse entgegenzunehmen. Die Klassifikation fiel derart aus, daß auf 46 Schülerinnen, unter welchen sich 14 Jüdinnen befanden, 11 Katholikinnen Zeugnisse zweiten Grades, während die Jüdinnen solche ersten Grades erhielten. Nach Verkündigung des Resultates und einer kurzen Ermahnung der Direktorin zur Besserung erhob sich , der anwesende Katechet und hielt eine feierliche Ansprache, die er mit folgenden Worten schloß: „Meine teuren geliebten Kinder, ich bin ein aufrichtiger Mensch und spreche aufrichtig. Unter denen, welche die besten Fortschritte im Lernen aufweisen, befindet sich auch nicht eine Katholikin. Es ist dies für uns eine wahre Ohrfeige. Meine Kinder, die Christen haben seit undenklichen Zeiten den Heiden als Beispiel vorangeleuchtet, also solltet auch ihr den Heidinnen als Muster im Lernen und im Glauben dienen. Bei euch ist es aber umgekehrt. Das heutige Resultat ist für euch eine Ohrfeige. Trachtet also, das gutzumachen, lernt und ehrt Christus und seine Lehre, denn ohne Glauben und Lernen wird es keinVateiiand geben." Der „Wschod" bemerkt hierzu, daß Kommentare wohl überflüssig seien, und hofft, daß die kompetenten Faktoren den „gelehrten" Katecheten darüber belehren werden, daß die jüdische Religion, deren Quintessenz die Bibel enthält und die auch die Grundlage der christlichen Religion bildet, nicht das Bekenntnis der Heidinnen ist und daß der zitierte Ausdruck im JVlunde eines „Kaplans** von bodenloser Dummheit und Ignoranz, wenn nicht noch etwas Schlimmerem zeugt. Der Lemberger Kahal und der Landesschulrat Sternbach werden in diesem Falle hoffentlich ihre Pflicht tun und für die Verunglimpfung des Judentums Genugtuung verlangen. Dr. Salomon Rubin In Krakau ist dieser Tage der hebräische Schriftsteller Dr. Rubin im Alter von 87 Jahren gestorben. Der Haskalaschule entstammend, kämpfte er als Nationalist unermüdlich im Laufe von etwa fünfzig Jahren für Aufklärungsideen im Judentum und hat das große Verdienst, viele wissenschaftliche und insbesondere philosophische Gedanken dem hebräischen Publikum durch eine Reihe selbständiger Aufsätze und Übersetzungen zugänglich gemacht zu haben. So hat er in mehreren Abhandlungen die Kabbalah dargestellt und kritisch beleuchtet; in seinem Werke „More Nebuchim Hachadasch" machte er den Versuch, das zionistische System zu entwickeln und mit dem Judentum in Einklang zu bringen, — was die erbitterte Kritik S. D. Luzattos hervorrief, — der in der Verbreitung zionistischer Ideen eine Gefahr für die jüdische Weltanschauung erblickte. Unter anderm sei hier auch die Übersetzung „Uriel Acosta" Gutzkows, ein Werk, das für die Gesinnung Rubins charakteristisch sein mag, erwähnt. Er schrieb auch in deutscher Sprache eine Abhandlung„Spinoza und Maimonides", für die ihm der Doktortitel von der Göttinger Universität verliehen wurde. Mit anerkennenswertem Fleiße setzte er seine schriftstellerische Tätigkeit auch in seinen letzten Tagen fort, und die letzte Nummer des in Krakau erscheinenden hebräischen Wochenblatts „Hamizpeh" bringt die Fortsetzung einer noch nicht abgeschlossenen Artikelserie des Verstorbenen. Bukowina Die Gemeinderatswahlreform in Czernowitz Am 4. d. Mts. hat der Landtag der Bukowina die neue Wahlreform für die Hauptstadt Czernowitz angenommen. Die Juden, die mit den Deutschen in eine Kurie vereinigt sind, erhalten 23 Mandate. Die Deutschen haben 19, die Rumänen, Ruthenen und Polen je 10 Mandate. Die Juden sind somit die stärkste Fraktion im städtischen Parlament. Rußland (Von unserm Berichterstatter) Aus dem jüdischen politischen Leben Vor wenigen Tagen fand in Petersburg die Sitzung der Mitglieder des ßeratungsbureaus statt, welches, wie bekannt, zur Unterstützung der Tätigkeit der jüdischen Deputierten begründet wurde. Alle Mitglieder waren darin einig, daß das Bureau gar keine Existenzberechtigung mehr hat. Viele von seinen Mitgliedern, so z. B. Dr. Saikind und Grusenberg, schlössen sich dem Komitee der Kownoer Konferenz an und fanden dort ein passendes Arbeitsgebiet. Auf diese Weise wird das Beratungsbureau in" der nächsten Zeit geschlossen werden. Das Verbot eines jüdischen Dramas Die Aufführung des Dramas von Wladimir Jabot'mski Ahasver", in welchem das Leben der jüdischen Jugend in Rußland während der Revolutionszeit geschildert wird, wurde von der dramatischen Zensur verboten. Juden in den Handelsschulen Vor wenigen Tagen fand eine Versammlung der Vertreter der Börsenkomitees statt, unter deren Aufsicht sich die Handelsschulen befinden. An der Versammlung beteiligten sich auch "die Vertreter der Schulen. Auf der Tagesordnung stand die Frage des Zirkulars des Haridelsniinisters. welcher die Zahl der jüdischen Schüler auf 5"/o bestimmte. An der Beratung nahm teil der bessarabische Deputierte Sinadho, welcher zur größten Überraschung der Anwesenden, da er als Antisemit gilt, eine große Rede gegen diese Verordnung des Ministers hielt und darauf hinwies, daß nach der anfänglichen ministeriellen Verordnung die Zahl der jüdischen Schüler in den Handelsschulen 50°,o betragen sollte. Andere Redner wiesen darauf hin, daß viele von den Schulen geschlossen werden müssen, weil sie auf Kosten jüdischer Kaufleute existieren. Es wurde einstimmig beschlossen, sich an den Premierminister, den Finanzminister und den Handelsminister mit der Bitte zu wenden, diese neue Verordnung zu widerrufen. Begünstigungen für jüdische Emigranten Auf der Tarifkonferenz des russischen Eisenbahnverbandes, die vor wenigen Tagen in Petersburg stattfand, wurde die Bitte der jüdischen Emigrationsgesellschaft in Kiew an den Finanzminister behandelt, daß man den Eisenbahntarif billiger machen soll für Personen, welche durch die Vermittlung dieser Gesellschaft nach dem Auslande emigrieren. Der Vertreter der Emigrationsgesellschaff, Dr. Jochelman, hat an der Konferenz teilgenommen und dies Antrag motiviert. Die Konferenz hat einstimnrg anerkannt, daß diese Bitte erfüllt werden muß und daß die durch die Vermittlung der Emigrationsgesellschaft fahrenden Emigranten auf der Strecke von ihrem Wohnort bis zur Grenze eine Ermäßigung von 75 " ■■ erhalten. Aus der jüdischen Presse Am 1. Januar (alten Stils) erschien die erste Nummer der jüdischen Zeitung „Kiewer Wort", im Leitungsartikel bestimmt die Zeitung ihre Aufgaben: „Beleuchtung des politischen, ökonomischen und kulturellen Lebens der Massen und Ausdruck derjenigen gesunden Elemente des Judentums werden, welche immer mehr zu Trägern des jüdischen nationalen Lebens, wie auch Verfeinerung des Geschmacks des jüdischen Lebens. Seit Anfang Januar 1910 erscheint in Warschau ein illustriertes Jargon-Familienblatt, die Wochenschrift „Der Strahl". Der Prozeß des Rechtsanwalts Hillersen im Senat Der bekannte Prozeß des Rechtsanwalts Hillerson, welcher infolge seiner Verteidigungsrede im Prozeß über den Bialystoker Pogrom verurteilt wurde, hat jetzt seinen Epilog im Senat gefunden. Das Urteil des Wilnaer Gerichts wurde vom Senat bestätigt und Hillerson zu einem Jahr Festungshaft verurteilt. Zur Rabbinerkonferenz in Petersburg Trotz vieler Ersuche nach Verlegung der Rabbinerkonferenz auf Mai hat das Ministerium des Innern beschlossen, sich an den festgesetzten Termin zu halten und die Konferenz am 16. März zu eröffnen.' Von vielen Städten und Städtchen kommen Nachrichten von den bereits vollzogenen Wahlen. Die Wahlagitation hat die in

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