Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 6 (11.2.1910)
- Date
- 1910-02-11
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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128 DIE2aEELT No. 6 ■i f' Endergebnis des IX. Kongresses sehr zufrieden! Mit derselben Spannung, mit welcher wir unsere Delegierten nach Hamburg begleiteten, schauen wir ihrer Rückkehr entgegen. Aus ihrem Munde wollen wir das lebendige Wort über „Hamburg" vernehmen. Denn vielleicht irrten wir uns auch jetzt?! Vielleicht betrog uns das gedruckte Wort, das gedruckte Wort, vom Berichterstatter vielleicht mißverstanden, schlecht aufgefangen und vom Setzer mit noch größern Druckfehlern belegt?! Und als sie kamen, da überzeugten wir uns, daß es noch viel besser gewesen, als wir es uns in unserer Imagination auszudenken vermochten. Ein poale-zionistischer Delegierter strahlte vor lauter Glück, als ich mit ihm über den Kongreß sprach. Er sagte: „Ich bin glücklich, daß ich auf dem IX. Kongreß gewesen bin. So und nicht anders hatte ich mir einen Arbeitskongreß vorgestellt!" Und nicht nur dieser poale-ziomstische Delegierte, sondern auch alle bürgerlichen Delegierten sind des Lobes voll. Das hatten wir in den Versammlungen gehört, in welchen sie öffentlichen Bericht erstattet hatten, und im engen Kreise, wo sie ihre Eindrücke schilderten. In den meisten Städten und Städtchen sind bereits größere und kleinere Versammlungen abgehalten worden, und überall herrschte ein geradezu unbeschreiblicher Enthusiasmus. In Przemysl, in Tarnopol, in Stanislau, Rzeszow usw. usw. Die trübe Deprrmierung ist gewichen, und frische Aibeitsfreude schlich sich in die Herzen unserer Kämpfer. Zu den imposantesten galizischen Relationsversammlungen gehört unbestreitbar das zionistische Massenmeeting von Lemberg, an welchem mehr als 2000 Mann sich beteiligt hatten und welches noch lange in den Herzen unserer Gesinnungsgenossen freudigen Widerhall finden wird. Es sprachen unter großen Beifallskundgebungen und starker Begeisterung die Gesinnungsgenossen Dr. Samuel Rappaport, Dr. Alexander Hausmann und Reichsratsabgeordneter Adolf Stand. Letzte.er hielt eine überaus schöne und schwungvolle, von brausendem Beifall mehrmals unterbrochene Rede, in welcher er unter anderm auch folgendes ausführte: „Wir haben am Kongresse scharfe Kritik geübt. Aber es ist ein Unterschied zwischen Kritik und Kritik. Wenn wir unsere Kahalniks, die Assimilanten kritisieren, dann bekämpfen wir in ihnen ein schlechtes System, welches das jüdische Volk korrumpiert und seine Existenz untergräbt. An Wolffsohn dagegen haben wir bloß seine bisherige Arbeit kritisiert, welche — unserer Meinung nach — nicht genug gut und entsprechend gewesen war. Und wir werden auch fernerhin Kritik üben, wenn die Parteileitung nicht den Beschlüssen des Kongresses zufolge handeln wird. Aber ich erkläre, daß wir alle Wolffsohn in seiner Arbeit aufs kräftigste unterstützen werden, denn seine Person ist uns sehr sympathisch, weil er mit der größten Hingebung und Aufopferung all seiner Kräfte für die Verwirklichung unserer zionistischen Idee arbeitet. Es ist von Seiten unserer Gegner viel von einer Spaltung zwischen Wolffsohn und Ussischkin gesprochen worden. Das ist Lug und Trug. Beide sind sie durch ein und dieselbe Weltanschauung verbunden. Und was eine Weltanschauung vereint, das kann nur eine Weltanschauung entzweien. Wolffsohn und Ussischkin werden auch fernerhin für den Zionismus zusammen arbeiten, denn hinter ihnen steht der große Geist unseres verstorbenen Führers, über ihnen schwebt das gemeinsame zionistische Ideal, und vor ihnen steht die Zukunft des jüdischen Volkes. Diese vereinigt auch uns alle zur gemeinsamen Arbeit." (Tosender Beifall.) Auf dieser imposanten Volksversammlung im richtigsten Sinne des Wortes, auf welcher wir uns neuerdings überzeugen konnten, wie sehr die breiten Volksmassen an unserer Idee festhalten, gelangte folgende Resolution zur Annahme: „Die heutige Versammlung nimmt den Bericht der galizischen Delegierten zum IX. Kongresse mit Befriedigung zur Kenntnis und dankt ihnen für ihre aufreibende und fleißige Arbeit. Ferner drückt sie die Hoffnung aus, daß die zionistische Organisation unter der erprobten Leitung auch fernerhin eine energische Tätigkeit im Sinne der am IX. Kongresse geäußerten Ansichten entfalten und alle Kräfte der Partei für die reale Arbeit in Palästina verwenden werde." Jetzt noch einige Zeilen über die Haltung der polnischen Presse zum Kongresse. Diese glaubt noch immer in ihrer bodenlosen Frechheit, daß man durch Totschweigen eine Sache oder Idee aus der Weit schaffe. Sie bewies jedoch dadurch noch einmal, wie sehr sie ihre jüdischen Abonnenten und Leser geringschätzt und sich um irgendeine in irgendeinem verlegenen Winkel der Welt vorgefallene Dummheit mehr kümmert als um die weltbewegende jüdische frage. Die polnische Presse brachte keinen Bericht über den Kongreß, — mit Ausnahme eines kurzen Telegrammes über dessen Eröffnung. Jüdische Abonnements — non olet! Und Juden lesen solche Zeitungen! Dagegen aber leistete sich das polnische Blatt „Wiek nowy" einen Artikel über den Kongreß unter den\ Titel „Der Bankerott des Zionismus", in welchem es unsere Partei totzuschmieren glaubt. Dieser dumme Größenwahnsinn! Größere und gefährlichere Feinde haben gegen uns nichts ausrichten können! Alle polnischen Blätter schwiegen, und dieses fühlte sich verpflichtet, zu leitartikeln! Vielleicht, weil es ein Judenblatt ist? Und die Judenblätter wollen ja immer päpstlicher als der Papst sein! Über die sogenannten Betrachtungen des Assimilantenblattes „Jednore" über den IX. Kongreß, die nichts mehr als eine tendenziöse Entstellung des Kongreßberichtes waren, wollen wir lieber schweigen. Willkürliche Einschränkung der Bürgerrechte Eine unerhörte Vergewaltigung einiger jüdischer Advokaten in ihrer bürgerlichen Freiheit ist in jüngster Zeit in Galizien unter polnischer Herrschaft geschehen. Über die Advokaten, unsere Gesinnungsgenossen Dr. Gerson Zipper, Dr. Isaak Feld, Dr. Josef Grünberg und Dr. Michael Ringel wie auch die Herren Dr. Fried und Dr. Nußbrecher (jüd.-nat. Sozialdemokrat), ist das Disziplinarverfahren seitens der Lemberger Advokaten kammer deshalb verhängt worden, weil sie sich an einer jüdisch-nationalen Volksversammlung beteiligt und in ihr jüdisch gesprochen hatten. Dieses Vorgehen steht einzig in seiner Art in den Annalen selbst der polnisch-galizischen Geschichte da. Es ist ein Horrendum, daß man im XX. Jahrhundert, in einem konstitutionell regierten Staate, einem Advokaten, — sei es auch einem jüdischen oder zionistischen, — aus was für Ursachen immer, — verbieten wolle, von seinen bürgerlichen Rechten der Betätigung an politischen Versammlungen Gebrauch zu machen. Es ist eine traurige Tatsache, die sich in einem vom Präsidium der genannten Advokatenkammer gefaßten Beschlüsse kundtat, der lautet, „daß es unter der Würde des Advokatenstandes stehe, an einer „solchen" (lies: jüdischen) Volksversammlung teilzunehmen". Diese Maßregelung jüdischer und zionistischer Advokaten, welche ein Racheakt seitens einiger allpolnischer Chauvinisten und ihrer Moschkojuden sein sollte, rief eine große Protestkundgebung seitens der freisinnigen Advokaten aus vielen Städten und verschiedener Nationen hervor, und selbst der polnische, fortschrittliche Advokat Dr. Grek, welcher die Funktion eines Prokurators in der Advokatenkammer bekleidet, lehnte es entschieden ab, die Anklage gegen die genannten Advokaten zu vertreten. Derzeit ist die Angelegenheit noch nicht abgeschlossen. Sie befindet sich im Untersuchungsstadium. Man kann aber schon heute voraussehen, daß die ganze Affäre, die eine große Blamage für die allpolnische Clique in der Advokatenkanimer bedeutet, im Sande verlaufen werde. Denn in der am 22. v. M. stattgefundenen Generalversammlung ist die Angelegenheit zur Sprache gebracht und dem Präsidium der Advokatenkammer das Mißtrauensvotum ausgesprochen worden. Reorganisation der zionistischen Partei in Galizien In seiner letzten Sitzung befaßte sich das Zentralkomitee mit der Frage einer Reform des Organisationsstatuts der galizischen zionistischen Landespartei. Die Leitung ist zur Einsicht gelangt, daß es für die Partei viel günstiger sei, die Gesamtpartei auf Schekelgruppen anstatt wie bisher auf Einzelvereinen 2u basieren. In der Richtung und in dem Sinne ist vom Zentralkomiteemitgliede Leon Wechsler ein Statut ausgearbeitet worden, welches vom Zentralkomitee akzeptiert wurde und der demnächst stattfindenden IX. Landeskonferenz zur Annahme unterbreitet werden wird. Vortragstournee des Reichsratsabgeordneten Stand Vom Kongreß nach Wien zurückgekehrt, kam zunächst Reichsratsabgeordneter Adolf Stand nach Lemberg, wo er als_ Obmann des galizischen Zentralkomitees an den internen Parteiarbeiten teilgenommen hat. Und nachdem die große zionistische Volksversammlung stattgefunden hat, an welcher auch er einen glanzvollen Bericht über den IX. Kongreß erstattet hatte, begab er sich in die Provinz, wo er in den Städten: Kolomea, Czernowitz, Radautz und Storozcynetz einen überaus beifällig aufgenommenen, in der Form eines Essays gehaltenen Vortrag über Theodor Herzl hielt. Bei dieser Gelegenheit beleuchtete er auch die Bedeutung des IX. Kongresses und entwarf ein schönes Charakterbild unseres gegenwärtigen Präsidenten Wolffsohn. Abgeordneter Stand war voll Lobes über die Charakterstärke, Mannhaftigkeit und Arbeitsamkeit wie auch Aufopferungsfähigkeit unseres Führers. Gewerbegerichtswahlen in Krakau In dem Wahlkörper der Handelsangestellten kämpften seit Jahren die Poale-Zion Krakaus vergeblich gegen die polnischen Sozialisten (P. P. S.). Es unterliegt keinem Zweifel, daß die über-