Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 6 (11.2.1910)
- Date
- 1910-02-11
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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No. 6 — DIE] inneren Gegensatz befürchtet. Die großen Ehren, die nunmehr Rabbi Jakob MeTr in der Hauptstadt bereitet wurden, und die Dankschreiben des Gefeierten und seiner Gemeinde an Rabbi Nahum, die in allen Farben orientalischen Oberschwanges gehalten sind, haben, soviel man auch auf eine gewisse Diplomatie abziehen mag, doch den Eindruck großer Herzlichkeit hinterlassen. Was ganz besonders auffälPg bemerkt wurde, ist der Ausdruck der Erwartung in dem Schreiben des Saloniker Gemeinderates, daß Rabbi Nahum es sich werde angelegen sein lassen „in die Gabella- und Gemeindesteuerverhältnisse von Salonik Ordnung zubringen". Dieser Passus deutet darauf hin, daß die Ansprüche auf eine gewisse Autonomie der nicht hauptstädtischen Großgemeinden, wie sie seinerzeit von Salonik wie von Adrianopel erhoben wurden, gänzlich fallen gelassen worden sind. Wenn sie sich nun sogar finanzwirtschaftlich in die Obhut des Konstantinopeler Großrabbinats begeben, knnn von Selbständigkeit keine Rede sein. Ob das ihnen zum Segen ausschlagen wird, ist von der Entwicklung der hauptstädtischen Genieindewirtschaft selbst abhängig. Im übrigen beginnen sich die Zustände in den größeren jüdischen Zentren des Reiches ein wenig zu konsolidieren. Adrianopel hat seinen Großrabbiner erhalten und auch bereits die Reorganisierung seines Gemeinderates vollzogen; Smyrna hat wenigstens schon die Kandidaten für sein religiöses Oberhaupt festgestellt; noch immer £ELT - 127 aber wartet das arme Jerusalem auf die Entwirrung seiner brudermörderischen Zwiste. Jerusalem Die Saloniker Zeitungen teilen mit, daß Rabbi Nahum sich mit der Absicht trage, sich gemeinschaftlich mit dem Salonikier Großrabbiner nach Jerusalem zu begeben, um die bereits drei Jahre lang währenden Gemeindekämpfe zu beendigen. Wie nun die „Aurore" erfährt, ist zwar diese Reise tatsächlich im Prinzip beschlossen, aber Rabbi Nahum hat die Hoffnung nicht aufgegeben, auch ohne sie die Einigung herbeizuführen. Er glaubt nämlich, endlich einen Kandidaten für den Jerusalemer Rabbinerposten gefunden zu haben, der, zu keiner der beiden Parteien gehörig, sie alle beide zufriedenstellen könnte. Sollte jedoch die Reise notwendig werden, so soll sie um 15. März herum erfolgen. 0 Die „Anciens Eleves der A. J. U." Das Großrabbinat teilt mit, daß die von ihm bereits für vergangenen September angesagte Gründung einer Gesellschaft der ehemaligen Allianceschüler in Konstantinopel erst Ende Februar wird statlfinden können. — Wie erinnerlich, glaubt der Großrabbiner, auf der Basis dieser „Associationsu die ganze politische Organisierung der türkischen Judenheit durchführen zu können. ooooooooo NACHRICHTEN "m^= ooooooooo Deutschland Von der „Moria* Köln. Von gesinnungsgenössischer Seite wird uns geschrieben: In politischen Tageszeitungen und den zionistischen Blättern Deutschlands war vergangene Woche die Nachricht zu lesen, daß auf Veranlassung des Altonaer Rabbiners Dr. Lern er eine Gesellschaft „Moria" gegründet worden sei zum Zwecke der jüdischen Kolonisation in Palästina und der Bekämpfung des Zionismus. Die Zionisten haben allen Grund, jede Organisation, die mit oder neben ihnen in Palästina arbeiten will, zu begrüßen, zumal eine orthodoxe Organisation, die gewiß gar nicht anders kann, als in nationaljüdischem Sinne zu wirken. Wenn wir nun auch gar nicht einmal so boshaft sind, anzunehmen, daß es den Initiatoren der Moria mehr auf die Bekämpfung des Zionismus und Misrachi als auf die Kolonisation ankam, so konnte doch ein solches Programm billigerweise nicht auf unsere Sympathien rechnen. Anderseits lag natürlich kein Grund zur Beunruhigung vor. Denn keinem auch nur halbwegs mit den Verhältnissen vertrauten Zionisten konnte es zweifelhaft sein, daß die Moria ein lebensunfähiges Kind war. Es haben denn auch, tatsächlich die Väter der Moria bei den Stellen, auf die sie sicher gerechnet haben, nicht die gewünschte Unterstützung gefunden, und es ist anzunehmen, daß die Moria ihr Eintagsleben bereits abgeschlossen hat. Hamburg. Dr. Klee teilte Dienstag den 8. Februar in großer öffentlicher Versammlung mit, er sei zu der Erklärung ermächtigt, daß die offizielle Vertretung der deutschen Orthodoxie der gänzlich bedeutungslosen antizionistischen Gründung des Oberrabbiners Dr. Lerner - Altona, genannt Moria, durchaus fernstehe. : Siebente Tagung der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft der Alliance Israelite Universelle Am Dienstag den 8. Febru.ir hat die Deutsche Konferenz- Gemeinschaft der Alliance Israelite Universelle, die aus den deutschen. Mitgliedern des Zentralkomitees der Alliance besteht, ihre siebente Jahrestagung in Berlin im großen Sitzungssaal im Verwaltungsgebäude der Jüdischen Gemeinde gehalten. Den Vorsitz führte der Präsident der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft, Geheimer Kommennenrat Gold berger, der den ausführlichen Rechenschafts¬ und Affeeitsberi$ht>für 1909 erstattete und den Arbeitsplan für 1910 darlegte. Nicht weniger als 27 neue Lokalkornitees sind \909 geschaffen worden. Die Mitgliedschaft der Alliance ih Deutschland hat sich seit der Reorganisation der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft, d. i. seit vier Jahren, um 46Vo» die Beitragsleistungen haben sich um 73"/o gesteigert. Wie im vergangenen Jahr, hat auch 1909 die Alliance Israelite Universelle in mehr als 140 Schulen etwa 45000 Zöglinge unterrichtet, zum Teil gekleidet und gespeist. Die Alliance hat dafür im vorigen Jahr Ps Millionen Francs im ordentlichen Etat ausgegeben, sie hat etwas mehr für das laufende Jahr ausgeworfen. Für Schulneubauten sind außerdem 380000 Francs bewilligt, nämlich 80000 Francs für Neubauten in Tripolis, 60000 Francs in Tiberias, 100000 Francs in Haskeuy-Konstantin pel, 60000 Francs in Teheran, 50000 Francs in Ispah in und 30000 Francs in Senneh (Persien). Die Feier des fünfzigjährigen Bestehens der Aliance wird Anfang Mai vom Zentralkomitee festlich begangen werden. — Am Schluß der Tagung gab Geheimrat Goldberger unter herzlichstem Bedauern der Versammlungste lnehmer bekannt, daß er einen längst gefaßten Entschluß jetzt verwirkliche, indem er aus dem Zentralkomitee ausscheide und damit nach ungefähr fünfjähriger Amtierung das Präsidium der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft niederlege. Auf dringendes und wiederholtes Ersuchen der Versammlung erklärte sich Geheimrat Goldberger bereit, die Geschäfte bis längstens nach der Jub läumsfeier weiterzuführen. Das Zentralkomitee wird inzwischen eine An/ahl deutscher Mitglieder kooptieren. Alsdann soll die Neilkonstituierung des Vorstandes der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft erfolgen, in den Herr Justizrat Max Fuchs-Berlin als einer der beiden stellvertretenden Präsidenten in der gestrigen Versammlung gewählt worden ist. Galizien (Von unserm Berichterstatter) Nach dem Kongreß Voll banger Erwartung sahen wir in Galinen dem IX, Kongreß entgegen. Mit fieberhafter Neugierde 'äsen wir die täglich anlangenden Berichtr, und mit der größten Spannung folgten wir den Beratungen unseres jüdischen Parlaments. Sowohl bei den Zionistenmassen als auch bei den Sympathikern und selbstredend auch bei unsem Gegnern verminderte sich nicht das Interesse um ein Haar, — im Gegenteil, es wuchs mit jedem Tage. Insbesondere freuten wir uns, dai.> unserer gali/ischen Delegation am IX. Kongreß eine größere Rolle zufiel, daß unsere Delegaten in g ößerer Masse, wie an den vorhergegangenen Kongressen, an den Arbeiten und Beratungen des Kongresses sich bete ligten und mehr zur Geltung kamen. Wir in Galizien sind mit dem Hamburger Kongreß sehr zufrieden. Er hat uns gelehrt, unsere Führer anders zu werten als bis nun. Wir haben einsehen müssen, daß unsere bisherigen pessimistischen Anschauungen über unsere Leitung einer tiefgehenden Revision bedürfen. Unsere Delegation ging zum Kongreß mit der Parole der Zusimrnengehörgkeit und galizischer Se'bständigkeit. Teilweise hat sie in Hamburg in diesem Sinne gehandeil Hoffen wir, daß sie in Zukunft sich vollständig emanzipieren und unbeeinflußt nach ihrem besten Gewissen handeln wird. Und wir in Galizien sind mit den Ergebnissen und mit dem