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Die Welt · 1910-02-11 · 6 (11.2.1910) · page 8

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
6 (11.2.1910)
Date
1910-02-11
Page
– (sequence 8)
Language
German
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122 DIEEaKELT No. 6 lächelte plötzlich und sagte im Flüsterton: „Ich habe Sie für stärker gehalten." Ich wollte ihm antworten, um Entschuldigung bitten, aber er ließ mich jetzt nicht zu Worte kommen. „Nur keine Angst. Freund, essen und schulmeistern versäumt man nie. . . Wieviele haben ihre Speisekammer mit allerlei Eßwaren vollgespeichert und können von ihrer Habe nichts genießen, weil sie magen- oder darmkrank sind. Denken Sie sich, Sie sind Milliardär und haben nun so ein Magengeschwür. . . Und was würden nicht manche dafür alles hergeben, wenn sie noch überhaupt Hunger empfinden könnten." Mein Freund verstand mich offenbar nicht. Es war nicht der Hunger allein, der mich so finster stimmte und mich 50 bange werden ließ, sondern die Besinnung., . In dieser Steppeneinsamkeit hatte ich Zeit, Gelegenheit und Muße, eine Bilanz, — eine Lebensbilanz aufzustellen. . . Das stimmte mich so traurig. . Ich habe mich schon zwar oft im Leben in solchen Lagen befunden. Der Hunger war mir nicht fremd, die Einsamkeit nannte ich immer meine Schwester, und Ruhe habe ich nie gekannt, aber ich war noch stark und ehemals sogar ein jugendlicher Draufgänger. An jenem Tage aber und auf jener Wanderung' empfand ich zum erstenmal, daß meine Kräfte schwinden, versagen, und ich hielt Rückblicke und Ausblicke —. Das stimmte mich so traurig. . Ich dachte nach, daß ich seit meinem zehnten Lebensjahr nicht eine Woche hintereinander im selben Bett geschlafen, daß .ich immer von der Luft gelebt, wie ein Wanderbettler,—und ich war doch kein Bettler,— ich konnte mehrere Handwerke, war auch für bürgerliche Begriffe gebildet, beherrschte, wenn auch nicht perfekt, einige Sprachen, ich war nie dumm und auch nicht häßlich, und was mir im Leben fehlte, um nicht wie ein Hund und ein Auswurf, sondern wie ein Mensch zu leben, war nur das Bißchen Glück . . . Weil mir dieses Bißchen Glück gefehlt, hatte ich kein Brot im Leben, und wahrscheinlich werde ich nach meinem Tode keine Totenkleider haben. Mit dem Bettel werde ich ins Grab sinken, ohne je ein Bettler gewesen zu sein ... An all das dachte ich in jenen einsamen Stunden, und, das stimmte mich so traurig. — Als ich mich ein wenig von meiner quälenden Bangigkeit erholt hatte, versuchte ich meinen Freund über das offenbare Mißverständnis aufzuklären, — aber er, der söiist so! verschwiegen war, ließ mich nicht zu Worte kommen, vielmehr fiel er mir ins Wort und sagte kurz und trocken: „Ich weiß schon: alles um Brot! Hören Sie, mein Freund, die Erde dreht sich nicht um ihre Achse, sondern um einen Laib Brot", wenn Sie wollen, auch um einen Topf Gemüse, — alles um Brot, verstehen Sie, alles um, Brot. — Alles Glück besteht im Besitze des Brotes, alles Unglück, wenn man das Brot entbehren muß. Wer wie ich sich zu dieser Einsicht durchgerungen hat, der ist nicht sentimental, der ist nicht mehr traurig, der ist nicht mehr verstimmt. Diese Einsicht gibt einem Kraft, auf das Leben zu pfeifen und sich — wenn Sie wollen . . . frei zu machen. Freilich müssen Sie nicht glauben, daß ich unter Brot das Stück gebackenen Roggenteigs verstehe--. Brot ist vielmehr alles, was aus der Erde kommt, nach der Erde riecht und uns an die Erde, an die kleine, schmutzige Erde bindet. Der Mensch ist nicht für das Brot und für die Fresserei geboren und bestimmt, sondern für die Freiheit . . . denn der Mensch hat einen Geist, der selbst den Lauf der Sterne berechnet . . Dies alles sprach mein Freund in voller Ruhe, ja, in Gleichgültigkeit, ohne jedes Pathos und ohne Begeisterung. Ich weiß nicht, ob das seine wirkliche, ständige Meinung war, denn die Menschen haben in der Regel zwei Meinungen, eine, wenn sie essen und satt sind, die andere, wenn sie hungrig sind . . . Ich weiß es aus Erfahrung. Vielleicht wollte er mich dadurch nur zerstreuen und auf andere Gedanken bringen; aber ich glaube, es war seine eigne Meinung. Jetzt verstand ich auch, warum er ein „Monocle" trug ... es war ein Zeichen der „Freiheit". Mittlerweile ist es Mittag geworden. Wir empfanden alle drei -eine Müdigkeit; und ich schlug vor, uns unter einem Baume oder in einem abseits des Weges liegenden Gebüsch auszuruhen. Mein Freund stimmte schweigend meinem Plane bei, und der ,~Verkäufer", der bis jetzt schwieg, rief, als hätte ich ihm aus der Seele gesprochen: „Ja, ich bin auch sehr müde —und hungrig — ich kann nicht mehr, ich kann nicht . . wir wollen ausruhen." Wir marschierten noch etwa eine Viertelstunde bis wir auf jenes von der Ferne bemerkte Gebüsch stießen, und ließen uns im Gras zwischen den kleinen Bäumchen nieder. (Schluß folgt) o o o o o o o o o o o o o =y AUS DER BEWEGUNG ff o o o o o o o o o o o o o Aufruf! Eine schöne Anregung ist aus der Mitte der Arbeiter am Nationalfonds-Gute in Beth-Arif hervorgegangen: Perez ben Moscheh Smolensky gelegentlich seines 25. Todestages ein ewiges Denkmal durch Anpflanzung eines Ölbaum-Haines auf Nationalfonds-Boden in Ere^-Isräel zu errichten. Perez Smolensky war der erste, der mitten in der Aufklärungsperiode, in der an der Auflösung unseres Volkstums allseits gearbeitet wurde, den mächtigen Ruf zur Erhaltung der jüdischen Nation erhob. Ohne gegen die Fehler, die wir aus dem Ghetto mitgebracht haben, blind zu sein, gegen die er in schärfster Weise ankämpfte, ahnte er doch die große Kraft, die noch in unserm Volke schlummerte, das er zu neuem Leben weckte, zu großen Taten drängte. Er war der erste, der den Ruf „Kadimah!" — Vorwärts gen Osten! — erschallen ließ, er begriff frühzeitig, daß die Wiedergeburt unseres Volkes nur in Palästina erfolgen kann. Dieses unermüdlichen Streiters wollen wir nun im Lande seiner Träume gedenken und seinen Namen durcl die Bäume, die wir jetzt pflanzen, dem Andenken unserei Kinder und Kindeskinder für ewige Zeiten überliefern. Die Freunde und Kenner der hebräischen Literatur für die Smolensky von bahnbrechender Bedeutung war.

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