Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 6 (11.2.1910)
- Date
- 1910-02-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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hatte und seiner dicken Hose aus „englischem" Tuch, stellte er eine großstädisehe Verkäufergestalt dar, wie man sie schwerlich je in einer Großstadt antreffen wird. Mein Freund, der einige Schritte vor uns marschierte, lief alle Augenblick Gefahr, die Sohle zu verlieren. Seine elegante, enge Hose, die auch zufällig etwas kurz war und unten reich befranst, paßte zwar kaum zu seiner russischen Joppe, aber an dem grauen Gummikragen und an seinem „Monocle" sowie an seinem bedächtigen Gang erkannte man sofort den bessern Herrn. Auch mein uralter Anzug, den ich vor nicht wenigen Jahren in Berditschew alt gekauft, und meine noch aus Amerika stammende Touristenmütze schützten mich vor Regen und Kälte. Der Tag war nicht übermäßig heiß, die Sonne war ausgeblieben und die Luft schwül und traurig. Die kahlen nackten Wiesen, ohne Ausdruck und ohne jeden landschaftlichen Reiz, wechselten oft mit stoppeligen Streifen abgemähter Felder ab, und der Weg war mit einer kühlen Staubschicht bedeckt. Mein Freund ging etwas voran, verträumt und in Gedanken versunken. Und der „Verkäufer" mißbrauchte oft seine „Weltweisheit", die er sich in der Großstadt angeeignet, sobald er ahnte, daß ich andern Gedanken nachhing. War er mit seiner Weisheit, aus geschmacklosen Sprüchen und Aphorismen bestehend, zu Ende, dann fing er zu singen an. Ich zollte seinem Gesang ^fortlaufenden" Beifall, aber er setzte immer nach, tat einen großen Schritt, und bald hatte ich ihn wieder an meiner Seite. Er brummte mit der Stimme eines heisern Katers: „Fünf Brüder sind wir gewesen Und haben gehandelt mit Bier, Jst einer von uns gestorben, Und wir sind geblieben vier. Jankel mit der Fiedel, Ghatzkel mit dem Baß, Sing5 ich mir ein Liedel Auf der Mitten Gass'* . . . Und nur als ich ihm in unzweideutiger Weise zu verstehen gab, daß ich mir dieses Vergnügen verbitte, hörte er auf, um von neuem mit seiner Weisheit zu beginnen. „Lieben Sie Käs?" überraschte er mich plötzlich mit seiner Frage. Ich anwortete: „Sie sind Käs, und ihre Seele ist auch aus Käs!" Meine Antwort gefiel ihm, und er lachte. Vor uns schwammen unzählige neblige Figuren in der Luft, oder träumte ich? Der „Verkäufer" fing bald von neuem an: Sehen Sie. da unten sind große mächtige Berge." ..Im übrigen, in einte er, ist es mir ganz gleich, was da unten ist. Wenn da große Käseklumpen wären,— ah Käse!" und er schmatzte mit den Lippen. „Stellen Sie sich vor, diese langen Bäume wären •rroße Käse-, Wurststangen, so echte Warschauer Wurst! Ah, Warschauer Wurst liebe ich so sehr, ich hube sie zwar noch nie gegessen, aber man sagt". . . . Die Redseligkeit und die Banalitäten des;;Verkäufers" waren mir über alle Maßen lästig, aber ich. konnte mir ilicht helfen, er war nun einmal mein Reisegeselle. Er -ehwatzte immer weiter von guten Speisen, von Warschauer Wurst und von holländischem Käs, von dem er ^igte, daß er in Petersburg hergestellt werde, — er ptach von seinen guten Kleidern, die er für billiges <;eld verpfändet haben wollte, und dergleichen mehr. Als mir dieses blöde Geschwätz zu dumm wurde, rief ich nach meinem vor uns hermarschierenden Freund. Er wandte sich sofort um, und ich bat ihn, ein anderes Mal „produktiv zu schaffen" und mich jetzt seiner Gesellschaft erfreuen zu dürfen. Er willigte' ein. Der Verkäufer aber ließ nicht ab. Er rückte bald nach. Da aber mein Freund ihm fremd war. sprach er nicht mehr, denn er genierte sich. Wir marschierten alle drei in einer Reihe, ohne miteinander zu sprechen. Ich wollte nicht die Redseligkeit des „Verkäufers" provozieren, und mein Freund gehörte zu den natürlichen Schweigern. Mich quälte der Hunger die andern wahrscheinlich auch. Dem „Verkäufer" war das Schweigen mehr Qual als der Hunger, aber er beherrschte sich und schwieg. Mein Gemütszustand an jenem Morgen ist kaum zu beschreiben. Hungrig und ohne einen Groschen im Sack, einen 40 Kilometer langen Weg vor sich, ohne Hoffnung auf baldige Eßgelegenheit und dazu noch einen Dummkopf an der Seite, der einen mit seinen Taktlosigkeiten und Banalitäten quält, wie dumm. . . . ~ Etwa zwei Stunden marschierten wir so im tragen, nachlässigen Schritt. Der Hunger quälte uns. es war so ein eigenartiges, unangenehmes Gefühl: mir schien es, als wollte ich ohnmächtig werden, ein Gefühl stechender Trockenheit füllte den Mund und den Gaumen, der Kopf .ruhte schwer wie eine Bleimasse auf den Schultern, und vor den Augen, auf denen matt die Lider ruhten, tanzten fortwährend dunkle Flecken, in der Luft schwamm ein Meer von Punkten, Ringen und Figuren, sie schien grau wie Asche, der Himmel ohne Farbe und die Erde weich. Meinen qualvollen knurrenden Hunger projizierte ich in die Luft und in den Himmel hinein, und es wollte mir schier bedünken, als ob die Luft und der Himmel hungrig wären und nach Brot schrien. . . . Wir gingen weiter, ohne vorerst miteinander ein Wort zu wechseln. Jeder kannte jedoch die Empfindung des andern. ... In der ganzen weiten Umgebung war kein lebendes Wesen zu sehen. . Alles war wie ausgestorben. Die lautlose Stille und das monotone Grau des Tages erfüllten mein Herz mit Bangigkeit und mit einer gewissen Angst, obwohl ich ganz und gar nicht zu den ängstlichen Naturen gehöre. Ich empfand eine Art Einsamkeit, vielmehr eine innere Vereinsamung, und ich lehnte mich immer mehr an meinen Freund an. Heute lache ich über die damals empfundene Angst. Wen hatte ich zu fürchten? Unsereiner wird nicht leicht überfallen, denn die Diebe sind nicht so dumm: und aus Mordlust wird doch nur höchst selten ein Mensch umgebracht. Zudem waren wir doch unser Drei. Aber ich konnte mich damals .einer, gewissen Angst nicht erwehren.......... Der „Verkäufer" empfand nur Hunger, denn Narren fürchten sich nicht. . . . Wie es im Innern meines Freundes aussah, konnte ich nicht erfahren. Er schritt augenscheinlich gleichgültig, ohne an die Erde zu denken. Je weiter wir kamen, desto größer ward meine Angst . . . ich weiß nicht recht warum. Düstere Rüder der Vergangenheit quirlten meine müde Phantasie, schreckliche Ahnungen und Ängste erfüllten mein Herz, und mir war es ganz bang zumute. Endlich überkam mich eine so quälende Bangigkeit, daß ich instinktiv zu meinem Freund aufschrie. Er wandte mir sein bis dahin nach vorne gerichtetes Gesicht zu,